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Schwarze Leben zählen, auch hier

Am Freitag demonstrierte die Bewegung »Black Lives Matter« zum zweiten Mal in der Stadt

Hunderte Menschen demonstrierten am Freitag gegen rassistische Diskriminierung. Schwarze Einzelpersonen sowie Menschen aus Institutionen wollen sich vernetzen.

Sie wirken fröhlich und entschlossen. Mehrere hundert Menschen sind an diesem sommerlichen Freitagabend zur U-Bahn-Haltestelle Mohrenstraße nach Mitte gekommen, um unter dem Motto »Black Lives Matter« gegen rassistische Diskriminierung zu demonstrieren. Der Treffpunkt ist mit Bedacht gewählt: Nicht nur werden hier zur Feierabendzeit viele Menschen erreicht. Der Name »Mohrenstraße« gilt den Veranstaltern als Beispiel für strukturellen Rassismus in Deutschland, gegen den die Demonstrierenden protestieren.

Joshua Kwesi Aikins von der »Initiative Schwarze Menschen in Deutschland« erklärt in einem ersten Redebeitrag, dass die Verwendung des Begriffs »Mohr« die Geschichte des Rassismus gegen Schwarze widerspiegle. Er lege die Assoziationen »töricht, primitiv« nahe. Kwesi Aikins erzählt weiter von der Geschichte des Sklavenhandels, an dem sich Brandenburg seit dem 17. Jahrhundert beteiligte. Der damit verbundene Rassismus sei »keine Fußnote des Kapitalismus«, denn zur Zeit der Sklavenarbeit seien über einen langen Zeitraum Profitspannen von mehreren 100 Prozent entstanden. »Im dritten Reich wollte man Kolonien zurückgewinnen«, sagt Kwesi Aikins. Und obwohl Schwarze Menschen in der Nazizeit gezielt verfolgt wurden, gebe es bis heute keine entsprechende Anerkennung. Stattdessen sei der Rassismus in den Institutionen etabliert, was sich erneut im NSU-Prozess gezeigt habe. Der Demonstrationszug setzt sich in Bewegung. »Schwarze Leben zählen«, »Oury Jalloh - das war Mord!« und »Say their names!« schallt es durch die Straßenschluchten. Auf dem Weg in die Rudi-Dutschke-Straße werden Namen der in Deutschland und in den USA getöteten Schwarzen Menschen gerufen. Für viele Teilnehmer ein ergreifender Moment. Am Oranienplatz wird die von Schwarzen Frauen angeführte Demonstration freundlich empfangen. Besucher des Cutie.BPoc-Festivals, einem dreitägigen Festival zu Migration, staatlicher Gewalt und Rassismus, heben entschlossen die Fäuste. Jubel bricht aus. In einer Zwischenkundgebung erinnert die Autorin Natasha Kelly an die 2014 an einer unheilbaren Krankheit gestorbene Mimi, einer zentralen Figur des Protests der Geflüchteten. Die Demonstration zieht vorbei am Kreuzberger Nachtleben. Unter Solidaritätsbekundungen geht es über das Kottbusser Tor zum Herrmannplatz in Neukölln.

Großen Applaus erhält die Rede, die Teilnehmer des cutie.BPoc-Festivals geschrieben haben. Semhar Ghide, Studentin der Mathematik und Volkswirtschaftslehre, sagt, dass Schwarze Menschen heterogen seien. Dennoch seien alle den rassistischen Strukturen ausgesetzt, »egal, ob es um den Wohnungsmarkt, Gesundheit oder Bildung geht«.

Im Gespräch erzählt Ghide, sie selbst habe nach dem Willen ihrer Lehrerin trotz guter Noten auf die Hauptschule gehen sollen. »Damit wäre sie auch durchgekommen, wenn meine Eltern nicht bereit gewesen wären, bis vors Gericht zu gehen.« Sie sagt, Diskriminierung in Bildungsinstitutionen und auf dem Arbeitsmarkt führten zu der »Tatsache, dass Schwarze Menschen so wenig in der Öffentlichkeit repräsentiert sind.« Dem folge, dass immer noch über Schwarze Köpfe hinweg entschieden werde - selbst wenn es um eben diese geht.

Das will »Black Lives Matter« ändern: Anlässlich der Demonstration vernetzt sich die Community neu. Die Veranstalterinnen zählen 1500 Teilnehmer, die Polizei 700. Als die Reden beendet sind, ertönt Musik von Loomis Connell Green, Gitarrist von Jan Delay. Die Menschen feiern.

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