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Kein Tor, kein Tor, kein Tor

Uwe Seeler, im WM-Finale 1966 gegen England Kapitän der DFB-Elf, über ein ewiges Rätsel, anständiges Benehmen und aufgeklärte Engländer

Lassen Sie uns auf eine kleine Zeitreise gehen. 30. Juli 1966: Was war das für ein Tag? Können Sie sich noch an Ihre Gefühlslage damals erinnern?

Es war der Tag, an dem wir in England Weltmeister werden wollten. Die Anspannung war schon groß. In England gegen England ist das ja nicht ganz so einfach. Im Spiel hatten wir dann auch immer ein gutes Gefühl, dass wir es schaffen. Und wenn nicht, dachten wir, schaffen wir es halt am Dienstag. Damals hätte es bei einem Unentschieden ja ein Wiederholungsspiel gegeben. Aber dazu ist es durch gewisse Umstände ja leider nicht gekommen.

Sie sprechen von »gewissen Umständen«. Wie haben Sie die entscheidende Szene in der 101. Minute, das bis heute sagenumwobene Wembley-Tor, erlebt?

Kein Tor, kein Tor, kein Tor. Die Aufregung war bei uns allen groß. Wir wussten zuerst ja gar nicht, was los ist. Keiner von uns hat die Entscheidung auf Tor verstanden. Die verstehe ich heute nach 50 Jahren immer noch nicht. Der Herr Dienst war ja ein hervorragender Schiedsrichter, aber ich kann nicht sagen, was ihn da geritten hat. Er hat ja, wie es richtig war, zunächst auf Eckball entschieden. Und plötzlich nimmt er den Ball weg und sagt 'Tor'. Das bleibt bis heute ein Rätsel und wird es wohl auch immer bleiben. Es war kein Tor. Darüber sind wir uns alle einig, und mittlerweile die Engländer auch.

Hatten Sie denn überhaupt freien Blick auf das Geschehen?

Ja, klar. Sonst würde ich mir gar nicht so sicher sein. Ich stand hinten am Strafraum und habe genau gesehen, dass der Ball nicht hinter der Linie war, sondern eher noch vor der Linie. Für mich war das ganz klar, deswegen war ich auch so verwundert. Wir haben uns anschließend erkundigt und auch beschwert, aber der Schiedsrichter ist stur geblieben. Und weil wir auch keine Lust auf Theater hatten, haben wir uns sportlich fair verhalten. Leider haben wir verloren, aber das gibt's im Fußball nun mal auch.

Heutzutage werden Schiedsrichter gerne mal bedrängt, fast attackiert. Sie blieben damals erstaunlich ruhig...

Damals wurden wir vor Länderspielen im Ausland immer auch vorbereitet, dass wir uns als Deutsche anständig zu betragen und ordentlich zu benehmen haben. Das war immer die Sache von Sepp Herberger oder vom Deutschen Fußball-Bund. So haben wir es auch da gehalten und nicht viel Theater gemacht. Nach dem Spiel haben wir dann gemerkt, dass unser Verhalten bombig angekommen ist, denn wir sind selbst von den englischen Fans frenetisch gefeiert worden. Das gab es vorher bei Länderspielen noch nie. Abends waren wir mit einem Großteil der Mannschaft dann noch ein bisschen Bier trinken bei Musik.

Wir sehr schmerzt die Niederlage denn bei Ihnen persönlich? Es wäre bei insgesamt vier Weltmeisterschaften Ihre große Chance auf einen WM-Titel gewesen.

Ich habe mich zwar geärgert und ein bisschen damit zu tun gehabt, aber nach kurzer Zeit war das wieder weg. Es geht ja weiter. Klar wäre ich gerne Weltmeister geworden, aber das ist nicht so tragisch. Vizeweltmeister ist doch auch gut. Und wie sie sehen, bin ich nach wie vor ganz fröhlich und lustig.

In Deutschland ist das Wembley-Tor bis heute ein großes Thema, in England war es das nie. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ja, das stimmt. Aber wenn Geoff Hurst, Bobby oder Jackie Charlton mal hier sind, dann lachen wir schon alle ein bisschen. Die wissen schon genau, dass der Ball nicht drin war. Die haben das ja auch gesehen. Wenn der Schiedsrichter solch ein Tor für uns gepfiffen hätte, hätten wir es allerdings auch nicht abgelehnt. Das muss man fairerweise mal sagen.

Es gibt ein berühmtes Bild, auf dem Sie das Spielfeld mit gesenktem Kopf verlassen...

Naja gut, nach einer WM und einem Endspiel ist man ganz schön müde. Und wenn ich ehrlicherweise sagen soll, was ich in dem Moment gedacht habe, muss ich sagen: An die nächste WM. Das war dann immer meine Ausrede. Es geht weiter.

Was halten Sie eigentlich von der Torlinientechnik und schmerzt Sie die Tatsache, dass es früher solche Hilfsmittel noch nicht gab?

Heute ist Fußball zum reinen Geschäft geworden. Da ist es notwendig, dass man gewisse Maßnahmen unternimmt, um solche Entscheidungen zu verhindern. Ich finde das ganz gut. Es wurden schon viele Treffer nicht gegeben, obwohl der Ball weit hinter der Linie war. Das sollte man verhindern. Denn wir dürfen nicht vergessen: Es geht ja heute, anders als noch zu meiner Zeit, immer auch um viel Geld. Aber ansonsten sollte man, im Interesse unserer Sportart, den Fußball so lassen, wie er ist. Wenn es ständig Unterbrechungen gibt, ist das für mich kein Fußballspiel mehr. Natürlich gibt es immer mal wieder Fehlentscheidungen, aber die gehören zum Fußball einfach dazu.

Interview: Christoph Stukenbrock und Peer Lasse Korff, SID

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