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Karneval und Spiele

Doping, Kommerz, Gigantismus: Auch zu Beginn der Sommerspiele 2016 steht das IOC in der Kritik

  • Von Jirka Grahl, Rio de Janeiro
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Vorstellung war paradiesisch: Als sich das IOC 2009 für die Vergabe der 31. Olympischen Spiele an Rio de Janeiro entschied, waren die Voraussetzungen für Olympia am Zuckerhut noch bestens. Brasilien Wirtschaft boomte, das Land wurde damals noch vom beliebten linken Präsidenten Lula regiert, im IOC hatte der Belgier Jacques Rogge das Sagen, der gerade stoisch die harsche Kritik an den Peking-Spielen 2008 durchgestanden und seinen Kollegen im Internationalen Olympischen Komitee die Wahl von Rio nahegelegt hatte. Die gaben schließlich ihren Segen für die erste Olympia-Ausgabe in Südamerika - in einer der schönsten Städte der Welt.

Doch statt der Vorfreude auf Radrennen an der Copacabana oder Bogenschießen im Sambodrom sieht sich das IOC, dem seit knapp drei Jahren nun der Deutsche Thomas Bach als Präsident vorsteht, während seiner Hauptversammlung (Session) in Rio schwersten Vorwürfen ausgesetzt. Die IOC-Entscheidung, der russischen Mannschaft wegen des staatlich gelenkten Dopings nicht komplett das Startrecht zu entziehen, sondern die Entscheidung über die Teilnahme der einzelnen Sportler an die jeweiligen Weltverbände zu übertragen, empört Meinungsmacher und Athleten in der westlichen Welt.

In dem 1894 gegründeten Komitee, dem der einstige Fechtolympiasieger Bach bei seinem Amtsantritt 2013 eine umfangreiche Modernisierung unter dem Titel »Agenda 2020« versprochen hatte, scheut man sich vor einer politischen Botschaft an die Systemdoper in Russland. Auf der am Donnerstag endenden Session in Rio hatte sich Thomas Bach am Mittwoch noch einmal der Zustimmung seiner Mitstreiter im IOC versichert. Von den 84 anwesenden IOC-Mitgliedern hoben 83 die Hand, als er um Unterstützung des Entscheides in Sachen Russland bat.

Statt eines klaren Zeichens gegen Doping, das das Komitee selbst womöglich auch noch in die juristische Schusslinie bringen würde, will das IOC unterscheiden »zwischen der Bestrafung eines Systems und der Frage, inwieweit man Athleten für ein solches System verantwortlich machen kann«, so formuliert es der Jurist Bach. Mit einer Komplettsperre auch unschuldige Athleten auszuschließen, entspreche nicht »der Verantwortung des IOC für alle Athleten«.

266 russische Sportler werden nun in Rio de Janeiro antreten, auch die russische Fahne hängt in zahlreichen Ausführungen aus den Fenstern der Hochhäuser des Olympischen Dorfes. Kleiner war die Mannschaft zuletzt im Jahr 1912. Von den Suspendierungen sind 117 Sportler betroffen. Sportminister Witali Mutko hat vor einer Woche massenhafte Klagen vor Zivilgerichten angekündigt. Wo allerdings Klage erhoben werden soll, erwähnte Mutko nicht. In Russland wittert man hinter den Ausschlüssen einen politischen Komplott.

Mit Beginn der ersten Medaillenentscheidungen am Sonnabend werden die sportpolitischen Themen in den Hintergrund treten. Wenn Superstars wie Michael Phelps in das Olympische Schwimmbecken springen oder gar Fußballsuperstars in der brasilianischen Olympiaauswahl um Gold mitspielen, wird der Zauber Olympias seine Wirkung entfalten. Rio wird dabei auch sinnbildhaft genau das liefern, wonach die heutige Medienöffentlichkeit lechzt: Karnevalisierung, Eventisierung und Kommerz.

Zehn Milliarden Euro soll Brasilien die Spiele von Rio insgesamt kosten und als sicher gilt schon jetzt, dass auch Rio sich einreihen wird in die lange Liste der Olympiaausrichter nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, die keinen Gewinn aus den Spielen ziehen konnten. Die einzige Ausnahme bilden die Spiele von Los Angeles 1984. Legendär sind die Spiele von Athen 2004, die dereinst fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes gekostet haben sollen.

Gigantismus, Doping, Kommerz: Das IOC als vermeintlicher Gralshüter der 122 Jahre alten Idee des Olympismus vor der geringzuschätzenden ewigen Frage, wie es weitergehen soll mit seinem Spitzenprodukt? Bleibt Olympia das überbordende Weltportfest, für das alle vier Jahre riesige Arenen errichtet werden und eigens Gesetze geschaffen werden müssen, die dem IOC Sonderrechte wie Zollfreiheit einräumen? In Deutschland scheiterte der Deutsche Olympische Sportbund zuletzt gleich mit zwei Bewerbungskampagnen am Widerwillen der Bevölkerung: München 2022 sowie Hamburg 2024, überall sagten die Einheimischen Nein zu den Spielen. Auch in Madrid, Barcelona, Oslo oder im Schweizer Kanton Graubünden wurden Olympiabewerbungen bereits im Anlauf gestoppt.

Immerhin beschert das IOC unter Bach den Spielen von 2016 auch praktisch große Momente. Auf Betreiben des IOC darf erstmals ein zehnköpfiges Team aus Geflüchteten bei den Olympischen Spielen antreten: Unter der Flagge mit den fünf Ringen werden zehn Athletinnen und Athleten aus Südsudan, Syrien, Kongo und Äthiopien in Rio antreten, im »Refugee Olympic Team« (Olympiakürzel ROT). »Wir vertreten 60 Millionen Menschen auf der Flucht«, sagte die 18-jährige Schwimmerin Yusra Mardini, die aus Syrien nach Deutschland geflüchtet ist. Ihre Botschaft an alle Geflüchteten könnte in gewisser Weise sogar für IOC-Mitglieder gelten: »Jeder kann Großes schaffen.«

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