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»Political Correctness? Das ist doch Zensur!«

Ein rechter Kampfbegriff - auch gegen Sexismus-Kritik: Argumente gegen gängige Mythen und Abwehrbehauptungen - Teil VI

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»Das ist doch kein Sexismus, das ist doch ein Kompliment …« Wer Sexismus zum Thema macht, hört nicht selten solche Sätze. Eine nd-Serie in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung will den Blick dafür schärfen, dass Sexismus ein strukturelles Problem unserer Gesellschaft ist. Wer Sexismus thematisiert, stellt immer auch die Frage nach der Macht, nach ihrer ungleichen Verteilung und nach den Strategien, mit denen diese Verhältnis­se aufrechterhalten werden. Es geht um Argumente gegen gängige Mythen und abwehrende Behauptungen, mit denen Kritik an Sexismus zum Schweigen gebracht werden soll.

»Übertreiben wir es mit der political correctness?«
Titelthema des Magazins »
Cicero«, April 2013. Das Titelbild zeigt eine Karikatur von Bundespräsident Joachim Gauck, dem mit einem Klebeband, das den Schriftzug ›political correctness‹ trägt, der Mund zugeklebt ist.

In einem »Spiegel«-Interview bezeichnete Bundespräsident Joachim Gauck 2013 die Diskussionen um Sexismus, insbesondere die Twitter-Aktion #aufschrei, als »Tugendfuror«. Dafür wurde er heftig kritisiert, woraufhin er sich von seinen Aussagen zumindest indirekt distanzierte. Diese Distanzierung wiederum führte zu dem Vorwurf, den nicht zuletzt die oben zitierte Karikatur zum Ausdruck bringt: Political Correctness erteile Redeverbote.

Was ist dran?

Political Correctness ist ein irreführender und schwieriger Begriff. Seinen Ursprung hat er in den USA im Umfeld von Aktivist_innen der neuen sozialen Bewegungen der 1970er Jahre. Ziel der unterschiedlichen politischen Forderungen war es unter anderem, marginalisierte Gruppen sichtbar zu machen und Diskriminierungen beim Sprechen zu vermeiden.

In den 1980er und vor allem den 1990er Jahren erlebte der Begriff aber einen Bedeutungswandel. Konservative und die politische Rechte setzten ihn als abwertendes Schlagwort ein: Die Forderung nach einer diskriminierungsfreien Sprache sei gleichbedeutend mit dem Erteilen von Redeverboten und der Einschränkung der Meinungsfreiheit. In den 1990er Jahren kam der Begriff nach Deutschland. Auch hier wurde er nicht von anti-sexistischen oder anti-rassistischen Aktivist_innen verwendet, sondern ausschließlich von Konservativen und Rechtspopulist_innen.

Wo Political Correctness draufsteht, ist also selten linker Aktivismus drin. Die Aktivist_innen zum Beispiel, die sich in einem Offenen Brief an den Bundespräsidenten wandten, forderten mit keinem einzigen Wort Political Correctness, sondern, dass sie »von einem Bundespräsidenten erwarten, dass er reflektiert zu gesellschaftlichen Debatten Position bezieht und sich umfassend mit ihnen auseinandersetzt. Wir vermissen in Ihren Äußerungen vor allem Feingefühl und Respekt gegenüber all den Frauen, die sexistische Erfahrungen gemacht haben.« Aber konservative Medien wie »Cicero« legten es als einen Kampf um Political Correctness aus.

Übertreiben wir es?

Nehmen wir zum Beispiel die Wendung »Sei nicht so ein Mädchen«. Sie wird meistens benutzt, um jemandem zu sagen, er oder sie solle sich nicht so anstellen und nicht so zimperlich sein. Das kann ohne jede böse Absicht so dahergesagt sein. Und natürlich ist es nicht so, dass jede_r, der oder die, um beim Beispiel zu bleiben, die Wendung »sei nicht so ein Mädchen« verwendet, darauf angesprochen, auch zustimmen würde, dass Mädchen tatsächlich weniger wert oder schlechter seien als Jungs.

Nichtsdestotrotz tradiert eine solche Formulierung negative Vorurteile – in diesem Fall: dass Mädchen beziehungsweise Frauen emotionaler und daher weniger durchsetzungsfähig seien als Männer. Durch die Verwendung dieser Redewendung wird es aktualisiert und bleibt so Teil unseres Alltags. Und diese sprachlich reproduzierte Allgegenwart geschlechtsbezogener Vorurteile hat Folgen. Noch immer sind beispielsweise Lehrende nicht frei von Vorurteilen: Ein schlechtes Ergebnis im Mathetest wird Jungen häufiger als vorübergehendes Formtief ausgelegt, bei Mädchen hingegen wird ihre Fähigkeit grundsätzlich infrage gestellt. In Fächern wie Deutsch und Englisch verhält es sich tendenziell oft genau umgekehrt.

Insbesondere die neuen Medien wie Facebook, Twitter oder andere Online-Plattformen haben dazu geführt, dass als diskriminierend oder beleidigend empfundene Äußerungen schnell eine Welle der Empörung auslösen können. Häufig gerät dabei die Frage, warum eine Aussage problematisch ist, ins Hintertreffen. Die Empörung ist groß, aber das Nachdenken und die Verständigung darüber, wie etwas in Zukunft besser gemacht werden kann, bleiben auf der Strecke. Nichtsdestotrotz ist es gut und wichtig, dass die Sensibilität gegenüber Sexismus und Rassismus in den letzten Jahren gestiegen ist und dass es die neuen Medien erleichtern, auf Diskriminierungen hinzuweisen, sich gegen sie zu wehren und sich mit Betroffenen zu solidarisieren.

Ja, es kostet Mühe, Sprachgewohnheiten zu verändern. Aber warum eine Sprechweise beibehalten, die Vorurteile wiederholt und damit festigt? Grundsätzlich darf natürlich jede_r sagen, was er oder sie möchte, schließlich besteht Redefreiheit.

Aber Freiheit endet da, wo sie die Freiheit anderer beschneidet. Daher stellt sich die Frage, ob jede_r auch alles sagen sollte. Nicht, weil uns jemand den Mund verbietet, sondern weil wir uns eine Gesellschaft wünschen, in der niemand aufgrund des Geschlechts, der Hautfarbe, der Herkunft oder der Religion schlechter behandelt wird.

Es macht außerdem einen Unterschied, wer spricht. Politiker_innen und Journalist_innen tragen aufgrund ihres Berufs eine große Verantwortung. Sie haben eine Vorbildfunktion und gestalten die gesellschaftliche Meinungsbildung – Herr Gauck wurde durch die Skandalisierung seiner Äußerung daran erinnert.

Die Broschüre, auf der diese Reihe basiert, ist gerade als »luxemburg argumente« von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegeben worden. Die Autorin ist Anna Schiff. Ein Interview mit ihr gibt es hier zum Nachhören. Die llustrationen stammen von Marie Geissler.

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