Das schwere Los guter Nachrichten

Damaskus atmet durch: Ein Sommer des Krieges mit Einsprengseln der Ruhe

  • Von Karin Leukefeld, Damaskus
  • Lesedauer: 3 Min.
Während sich im syrischen Aleppo die Konfliktparteien für den entscheidenden Kampf um die Großstadt rüsten, herrscht in Damaskus fast so etwas wie Normalität.

Das Internet ist abgeschaltet in Damaskus. Damit die Studenten an den Universitäten sich nicht vorab Fragen und Antworten der Prüfungen zuschicken, wird vorsichtshalber gleich das ganze Netz lahmgelegt. Die Unterbrechung dauert knapp 90 Minuten am frühen Montagmorgen, dann geht in der syrischen Hauptstadt alles wieder seinen normalen Gang.

Der Verkehr staut sich an diesem heißen Augusttag allerdings weniger als sonst in Damaskus. Die Schulen sind geschlossen, außer für die Prüfungen ist auch an den Universitäten der Betrieb weitgehend eingestellt. Viele Behörden arbeiten mit halber Kraft, weil ihr Personal Urlaub genommen hat.

Die Sommerferien dauern noch bis in den September, dann werden die Familien aus ihren Heimatdörfern in den Bergen oder an der Küste nach Damaskus zurückkehren.

Die Kampfgeräusche um Damaskus haben deutlich nachgelassen. An vielen Fronten in den früheren Satellitenstädten um die Metropole konnten lokale Waffenstillstände und Vereinbarungen getroffen werden, die es den Menschen ermöglichen, langsam in ihr früheres Leben zurückzufinden. Infrastruktur wird repariert, Lebensmittel werden in den Geschäften angeboten, die medizinische Versorgung kommt langsam wieder in Gang. Aus Moadamiya - lange Zeit ähnlich wie Daraya ein heiß umkämpftes Gebiet im Westen von Damaskus - konnten Schüler an den Abschlussprüfungen der Schulen in Damaskus teilnehmen. Das örtliche Versöhnungskomitee hatte Busse organisiert.

Seit Februar 2016 - dem Beginn der von den USA und Russland vereinbarten Waffenruhe in Syrien - habe das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) mit seinem syrischen Partner SARC (Syrian-Arab Red Crescent) 22 Mal die Frontlinien passieren können, um Hilfsgüter zu verteilen, berichtet IKRK-Sprecherin Ingy Sedky in Damaskus im nd-Gespräch. Hilfskonvois seien nach Douma, Arbeen und Zamalka gefahren. Diese Orte stehen weiterhin unter Kontrolle von bewaffneten Gruppen, die von der »Armee des Islam« angeführt werden. Zwei Konvois seien nach Daraya gelangt. Dessen Nachbarort Moadamiya werde seit Juni monatlich angefahren, um Nahrungsmittelhilfen und Trinkwasser zu gewährleisten. Nach Al Waer, einem Vorort von Homs, seien mehr als 40 Lastwagen mit Hilfsgütern, Hygieneartikeln und Mitteln für die Wasserversorgung gefahren. Dort befinden sich noch immer Hunderte bewaffneter Kämpfer, deren Ende 2015 ausgehandelter Abzug sich aus unklaren Gründen hinauszögert. Nach Nawa, einem von islamistischen Kämpfern lange Zeit kontrollierten Ort in der südlichen Provinz Deraa, seien ebenfalls mehr als 44 Lastwagen gefahren, um Hilfsgüter für über 50 000 Menschen zu verteilen.

Die guten Nachrichten aus Syrien bleiben unberichtet. Täglich geben Kämpfer ihre Waffen ab, allein in der südwestlichen Provinz Deraa haben bis zu 8000 Männer ein entsprechendes Papier unterzeichnet.

Im Gegenzug hat die Regierung Amnestie versprochen, die jedoch nur für syrische Männer gilt, nicht für Kämpfer, die aus dem Ausland nach Syrien kamen. Immer wieder versuchen diese ausländischen Kämpfer ihre bisherigen, lokalen Verbündeten unter Drohungen davon abzuhalten, den Kampf einzustellen.

Sobald die Waffen schweigen, kann den Menschen geholfen werden, sagt die IKRK-Sprecherin. In Aleppo ist das derzeit nicht der Fall. Bis zum Ausbruch der neuen Kämpfe im Südwesten der Stadt am 1. August konnten IKRK und SARC mit lokalen Hilfsorganisationen dort täglich rund 12 000 Inlandsvertriebene versorgen, die in Rohbauten ausharrten. Täglich erhielten die Menschen eine warme Mahlzeit, täglich wurden sie mit frischem Wasser und medizinisch versorgt. Der Angriff auf Ramousseh, wo sich neben der Militärakademie der syrischen Armee auch ein ganz normaler Stadtteil befindet, habe diese Menschen in alle Winde vertrieben. »Einige haben in Parks Zuflucht gesucht, andere versuchen, zu Verwandten zu kommen. Manche sind in Moscheen aufgenommen worden«, berichtet Sedky. »Wir versuchen, die Menschen wiederzufinden, um ihnen weiter helfen zu können.«

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