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Wege aus der Gips-Falle gesucht

In Nordthüringen leben viele Menschen vom Mineralabbau, doch sollen noch mehr Steinbrüche die Gegend prägen?

  • Von Christian Thiele, Ellrich
  • Lesedauer: 4 Min.

Wie ein schmaler Gürtel ziehen sich die Berge durch den Norden Thüringens. Um einige Hügel tobt ein erbitterter Streit. Dabei geht es um die hellen Flecken, die mitunter durch die Bäume schimmern oder als größere Felswände aus dem Gebirge ragen: Der Südharz ist reich an Gips. Die Industrie möchte ihn weiter abbauen, einige Anwohner wollen das verhindern. Auch Teile der rot-rot-grünen Landesregierung sind dagegen, dass sich noch mehr Steinbrüche in die Berghänge fressen. An einem Berg unweit von Nordhausen wird nun ein Exempel statuiert.

Wenige Autominuten von Nordhausen entfernt liegt der Winkelberg. Dorthin gelangt, wer in dem Örtchen Petersdorf durch enge Straßen fährt. Dahinter: ein Feldweg, Wiesen mit gepresstem Stroh, Getreidefelder und Wald. Dort will das Bergwerksunternehmen CASEA, das zu der Recycling-Firma Remondis gehört, Gips abbauen. Der Geschäftsführer des Werks in Ellrich (Kreis Nordhausen), Alfred Schiffer, steht am Winkelberg vor einem alten Steinbruch, wo bereits zu DDR-Zeiten Gips aus dem Berg geholt wurde. »Hier würden wir ansetzen«, sagt Schiffer.

Danach sieht es im Moment aber nicht aus. Thüringens Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) legte im Frühjahr fest, dass das Naturschutzgebiet »Rüdigsdorfer Schweiz« um 18 Hektar erweitert wird. Damit wäre auch der Winkelberg für die Gipsindustrie tabu. »Eigentlich hat man für die gesamte Fläche einen Naturschutzstatus festgestellt, sich aber 1997 beim sogenannten Gips-Kompromiss geeinigt hat, 18 Hektar eben nicht unter Schutz zu stellen, sondern potenziell als Abbaufläche freizugeben«, erinnert Siegesmund. Dann habe die EU Einwände geäußert und Thüringen stellte 2004 auch diese Fläche unter Schutz.

Nach der Lesart des Erfurter Umweltministeriums, das sich auf ein Rechtsgutachten stützt, ist damit der sogenannte Gips-Kompromiss hinfällig. Schiffer vergleicht es mit Enteignung. »Der Vertrag für die 18 Hektar liegt vor«, sagt er und ergänzt: »Es liegt nicht an uns, ob es auf eine Klage hinausläuft.« Das Gutachten beschäftigte sich laut Siegesmund deshalb auch mit der Frage nach möglichen Entschädigungen. Das Unternehmen würde sich nach eigenen Angaben auf alternative Abbaugebiete einlassen, zum Beispiel Erweiterungen bestehender Tagebaue. »Das Gipsvorkommen sollte aber von gleicher Qualität sein«, unterstreicht Schiffer. Nordhausens Oberbürgermeister Klaus Zeh (CDU) stellt klar: »Lebensqualität und Rohstoffe müssen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.« 635 Hektar seien in der Region als Abbaugebiet ausgewiesen. »Das ist doch genug.«

Auch Landwirtschaftsministerin Birgit Keller (LINKE) will keine Bagger am Winkelberg sehen. »Es handelt sich dabei um ein schützenswertes Gebiet, das nicht für Raubbau zur Verfügung steht«, sagt die frühere Landrätin des Landkreises Nordhausen.

Viele Menschen in der Region haben als abschreckendes Beispiel für Hinterlassenschaften von Tagebauen den Kohnstein vor den Toren Nordhausens vor Augen. Die Bergfront ist noch heute durch den terrassenförmigen Abbau aus DDR-Zeiten völlig aufgerissen.

Naturschützer laufen seit mehreren Jahren Sturm gegen weitere Abbaupläne und verweisen auf die weltweit einzigartige Gipskarstlandschaft, die sich bis in die benachbarten Bundesländer Sachsen-Anhalt und Niedersachsen zieht. Der BUND spricht von mehr 400 Arten, die auf der Roten Liste bedrohter Arten stehen und im Südharz leben. Eine »sehr schützenswerte Landschaft«, sagt Bodo Schwarzberg vom BUND. Statt Industrie müsse der Tourismus gefördert werden. »Die Region legt aber zu wenig Wert darauf.«

In der Diskussion geht es auch um Jobs. Drei große Gips-Unternehmen gibt es in der Region: Das sind laut der Arbeitsgemeinschaft Harzer Gipsunternehmen die Firma CASEA, Knauf (Werk in Rotleberode in Sachsen-Anhalt) und Saint-Gobain Formula (Werk in Walkenried in Niedersachsen), die allesamt Steinbrüche in Thüringen betreiben.

Laut einer Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung im Auftrag der Gipsindustrie arbeiten an den drei Standorten insgesamt rund 330 Mitarbeiter. Indirekt werden laut CASEA noch einmal rund 660 Jobs gesichert, zum Beispiel durch Zulieferer oder Speditionen, die den Gips transportieren. In der Summe hängen demnach zufolge etwa 1000 Arbeitsplätze an der Gipsindustrie im Südharz.

Der Geschäftsführer von CASEA in Ellrich erklärt, sein Werk sei gefährdet, sollte nicht mehr ausreichend Gips abgebaut werden. »Am Winkelberg reichen die Vorkommen für 50 Jahre.« Umweltministerin Siegesmund setzt stattdessen auf eine Alternative zum Gipsabbau: »Im Augenblick ist es so, wenn irgendwo etwas abgerissen wird, fliegt der Gipskarton auf den Müll. Wir müssen viel mehr recyceln.«

Christian Marx von der Bürgerinitiative Gipskarst Südharz, die gegen den weiteren Abbau kämpft, meint dazu: »Der hochwertige Naturgips ist viel zu billig zu haben, als dass die Industrie gezwungen ist, Gipsabfälle zu recyceln.« Im Südharz, sagt Marx, dränge die Zeit: Neben dem Winkelberg solle es weitere neue Abbaugebiete geben. dpa/nd

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