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»Die schwierigsten Spiele«

Halbzeit bei Olympia: Viel zu wenige Zuschauer sehen in Rio Klassesport

  • Von Jirka Grahl, Rio de Janeiro
  • Lesedauer: 3 Min.

Man kann den Anblick der Olympischen Turmspringanlage als Symbol gelten lassen: Das Wasser im Sprungbecken und im benachbarten Wasserballpool hat sich grün verfärbt, weil es von Algen befallen ist. Zwar versichert der allgegenwärtige Sprecher der Spiele 2016, Mario Andrada, es werde bald dank gezielter Chlorierung schon wieder blau leuchten und die Gesundheit der Sportler sei nicht in Gefahr, doch im Grunde genommen beschreibt das Missgeschick mit dem Wasser die Situation bei den Olympischen Spielen anno 2016 recht treffend: Olympia ist weiterhin im Ungleichgewicht. Und das Gastgeberland sowieso.

Schon kurz nach der Abschlussfeier der Spiele wird in der Hauptstadt Brasilia das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff von der linken Arbeiterpartei beginnen, doch Interimspräsident Michel Temer scheint erst recht nicht in der Lage, gegen die schreienden sozialen Ungerechtigkeiten oder die wirtschaftliche Talfahrt des Landes anzukämpfen. Und gegen Korruption schon gar nicht. »Fora Temer!« (Temer raus!), der Slogan der Rousseff-Anhänger, ist nach einem Urteil eines Richters sogar an den Wettkampfstätten erlaubt und wird reichlich praktiziert. Bereits bei der Eröffnungsfeier war Temer ausgebuht worden.

Doch all die Plakate, die nun ab und an in den Stadien hochgehalten werden, sind nur bedingt wirksam: Viel zu wenige Zuschauer verlieren sich an exotische Wettkampfstätten wie Reitstadion, Kanupark oder Badmintonhalle. Dem »Olympic Broadcasting Service«, der die Fernsehbilder für die ganze Welt produziert, fehlt vielerorts die stimmige Kulisse für eine perfekte Inszenierung: Menschen auf den Rängen.

Sieben Tage war Olympia am Freitag alt, da meldete sich IOC-Vizepräsident John Coates in der BBC zu Wort: In Sachen Zuschauerzuspruch seien Rio 2016 »die schwierigsten Spiele überhaupt«, sagte der Australier: »Das ist eine Enttäuschung.« Inwiefern beschwerliche Anfahrtswege und lange Wartezeiten die Leute vom Kommen abhalten, sei schwer festzustellen. 84 Prozent der Tickets gelten als verkauft, so die offiziellen Zahlen. Coates glaubt, dass vor allem die Freitickets nicht genutzt würden: »Wir haben Verständnis dafür, dass Tickets an ärmere Menschen und Schulkinder verteilt wurden, aber wir sehen sie nicht an den Wettkampfstätten.«

Sportlich haben die Spiele der Gastgebernation hingegen immerhin zwei neue Heldinnen beschert und dass das zwei schwarze Frauen sind, sehen viele Kommentatoren als ein gutes Zeichen für das fünftgrößte Land der Welt: Marta, der im Fußballstadion viel mehr zugejubelt wird als dem enttäuschenden Superstar Neymar, und vor allem Rafaela Silva, die Goldmedaillengewinnerin im Judo. Sie rührte viele Einheimische zu Tränen, als sie mit der Medaille vor die Mikros trat. Die Judoka, die in Rios Favela Cidade de Deus aufwuchs, war nach ihrem frühen Ausscheiden in London als »Peinlichkeit für ihr Land« geschmäht worden. In rassistischen Kommentaren wurde ihr geraten, in den Affenkäfig zurückzukehren. »Sie haben mich als Schande für meine Familie bezeichnet«, sagte Raffaela Silva, »jetzt bin ich zurück und gewinne in meiner Stadt Gold!«

Während die Brasilianer ihre Heldin feiern, zelebrieren die Amerikaner die ihren: Die unvergleichliche Simone Biles gewinnt auch im Turnmehrkampf die zweite von fünf angepeilten Goldmedaillen. Und Michael Phelps von Schröpfmalen gezeichneter Oberarm ist, zum Jubel emporgereckt, ein weiteres Erkennungszeichen der Rio-Spiele von 2016. Seine Überlegenheit - am Donnerstagabend schwamm er zu seiner 22. Goldmedaille - ist ebenso bestaunenswert wie befremdlich: Das Goldmedaillensammeln selbst ist die neue olympische Höchstleistung.

Wer nur in einer Gewichtsklasse oder einer Spezialdisziplin antritt, hat kaum das Zeug zum Superstar. Es sei denn, er ist Rugbyspieler und kommt von den Fidschi-Inseln: Nach dem Olympiasieg im 7er-Rugby am Freitag feiert ein ganzes Land die erste Olympiamedaille seiner Helden. Der Premierminister verordnete seinen 900 000 Einwohnern gleich einen Extra-Feiertag.

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