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Paradies 
der schwarzen 
Hoffnung

Der kurdische Schriftsteller Bachtyar Ali sucht in Schlosshallen und auf Schlachtfeldern die Spur der stürzenden Steine

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In diesem Buch geht es um UNS. WIR sind die Protagonisten. Denn WIR sind SCHULD. An den Kriegen, den Toten, den Verstümmelten, dem Leid, dem Elend. WIR sind IMMER SCHULD. Denn WIR sind MENSCHEN.

*

Wie passend! Mitten hinein in die europäische Flüchtlingskrise, in die tägliche Flut der Nachrichten von Verzweifelten und Verfolgten, Vertriebenen und Willkommenen, Ertrunkenen und Erretteten kommt dieses Buch auf den deutschsprachigen Literaturmarkt. Verfasst von einem in seiner Geburtsheimat gefeierten irakisch-kurdischen Schriftsteller, von dem nun erstmals ein Werk auf Deutsch vorliegt: ein Roman mit einem epischen Rahmen mitten auf dem Meer, unter Flüchtlingen, die ein Schiff bestiegen haben »in der Hoffnung, den Westen, das Paradies zu erreichen ...«

Gemach. »Der letzte Granatapfel« von Bachtyar Ali ist mitnichten eine - gar wohlfeile - Illustration aktueller politischer Hergänge. Das kann der Roman schon deshalb nicht sein, weil die Originalausgabe bereits 2002 erschien. Und die Fahrt über das Meer ist weder Verzweiflungstat noch rettendes Finale. Sie ist das ostentativ Offene einer grausam-grandiosen Odyssee.

Einer Odyssee, mit deren schillernder Schilderung nicht nur die Nächte der Wegbegleiter auf den Wellen erhellt werden, sondern auch die Konturen und Kohärenzen der Nächte eines erlittenen Lebens: Tausendundeine Nacht. Die schier ufer- und grenzenlose Fabulierfreudigkeit von Muzafari Subhdam, dem Ich-Erzähler, scheint auf wie eine Reminiszenz an Scheherazade. Und auch das unterbrechende Innehalten an spannungsvoller Stelle, gleichsam um sich selbst der Gewissheit des Weitererzählens und damit des faktischen Fortlebens zu versichern, erinnert an die nachtaktive Perserin.

Muzafari Subhdam, der Mann, der nach 21 Jahren das Gefängnis verlassen durfte, ist alles andere als frei. Im Gegenteil. Der Wechsel aus dem Kerker, mitten in der irakischen Wüste, in ein »Schloss, mitten in einem schwer zugänglichen, abgelegenen Wald«, gleicht einem aberwitzigen Albtraum, aus dem der Festgesetzte um das Erwachen bittet.

»Lass mich gehen«, sagt Muzafari zu seinem Wärter, der sein Gönner ist, sein Freund und Kampfgenosse war und künftig sein Verfolger sein wird: Jakobi Snauber, erfahrener und erfolgreicher Führer und Kommandeur im Kampf der Kurden für Freiheit und Selbstbestimmung, gegen die Diktatur, aber auch - und das nicht weniger grausam, ver- und erbittert - gegeneinander. Snauber gehört zu den Siegern. Er besitzt nun alles, was an irdischem Gut, an rein Materiellem ein Herz begehren kann. Aber sein Herz ist nicht mehr rein. Ströme von Blut, Berge von Toten, Hekatomben verratener und ruinierter Ideale haben ihr zerstörerisches Werk verrichtet. Der Heilsglaube an den neuen, im Fegefeuer der Revolution gestählten Menschen ist selbst im Höllenbrand der Bürger- und Bruderkriege verlodert. Vorübergehend. Da hatte Martin Luther schon recht: »Der alte Adam in uns soll ersäuft werden. Nimm dich aber in acht, das Aas kann schwimmen!« Nein, das Ersäufen funktioniert nicht - weder in Wasser, noch in Blut und auch nicht in visionären Illusionen.

Doch Muzafari Subhdam ist anders. Einem asketischen Eremiten gleich musste er in über zwei Jahrzehnten Einzelhaft das Leiden an der Welt verlernen. In Gesellschaft nur von Mauern um, Sand unter und Himmel über sich. Nun wird ihm von Jacobi Snauber eine Purifizierung des Denkens unterstellt, um die ihn der Revolutionär beneidet, die er konservieren und - vor allem - an der er teilhaben will. Darum hat er sich des einstigen Freundes bemächtigt, ohne dessen Aufopferung er, Snauber, hätte den Kerker erleiden müssen oder gar exekutiert worden wäre. Eine Aufopferung um der »Sache« willen. Denn die »Sache« war das Wichtigste und Subhdam war für die »Sache« weniger wichtig als Snauber.

»Wenn du herauskommst, wird eine neue Epoche herrschen«, so das auf Zettel gekritzelte und in Muzafaris Zelle geschmuggelte Versprechen Snaubers. Es ist die Epoche nach dem Golfkrieg 1991, in dessen Gefolge Irakisch-Kurdistan im Norden des arabischen Zweistromlandes eine faktische Autonomie vom Regime Saddam Husseins erlangte, um dann im innerkurdischen Bürgerkrieg eine andere bittere politische und territoriale Spaltung zu erfahren.

Diese Hintergründe werden von dem seit rund 20 Jahren in Deutschland lebenden Autor nur angedeutet und das Wissen um sie ist für das Verstehen der Romanhandlung sicher hilfreich, aber nicht zwingend. Denn Bachtyar Ali hat die Konkreta der heimatlichen Historie (er wurde 1960 geboren in Sulaimaniyya, Nordirak) in eine phantasmagorische Dialektik von Lebensfülle und Zeitlosigkeit transformiert, deren geradezu beängstigender allegorischer Kosmos mit »heiligen Schriften« konkurrieren könnte. Geht es doch um nichts Geringeres als den Sinn des Lebens.

»Nichts kann wie die Gefangenschaft und Sklaverei dem Leben einen Sinn schenken«, resümiert der Romanprotagonist Muzafari Subhdam, »denn wenn dem so ist, befindet sich der Mensch in einem großen Kampf, um die Freiheit zu erlangen. Und ebenso kann nichts so sehr wie die Freiheit den Sinn des Lebens in Gefahr bringen. In Freiheit verliert der Mensch seinen Wunsch und seinen Drang, nach dem Sinn des Lebens zu suchen.« Nahezu jede Seite dieses virtuos-perfekt ins Deutsche übertragenen Meisterwerks ist Ort des Bedenkens und Merkens würdiger Worte.

Alis Buch wird durchzogen von dem ewigen Wunsch der Menschen nach Rettung, nach Befreiung, nach Erlösung, der sich zwar auch, aber durchaus nicht nur in dramatischen Kämpfen, pathetischen Appellen, trotzigen Theorien Bahn zu brechen sucht. Ein Anderes ist möglich! Auch Muzafari Subhdam hat in 21 im Sand versunkenen Jahren der Vereinzelung diese Glut des Glaubens, der keiner Religion bedarf, bewahrt. Doch das, was ihm Jacobi Snauber als das Andere anbietet, will er nicht. Er ist nicht bereit, sich noch einmal für diesen Mann zu opfern, für den siegreichen Verlierer, der Subhdams in der Absenz von den Todesfeldern bewahrte moralische Reinheit wie eine läuternde Droge in die eigene Seele ziehen möchte.

Snauber hat sie zur Genüge an sich erfahren, »die Wollust, die Steine in steile Tiefen rollt«, die Nietzsche im »Zarathustra« fasziniert feiert. Die Wollust ist längst depressiver Ernüchterung gewichen über all das gewollte und ungewollte Ungeheuerliche, das die stürzenden Steine anrichteten.

Dass zu diesem Ungeheuerlichen auch das Schicksal des vor 21 Jahren geborenen Sohnes von Muzafari Subhdam gehört, erfährt dieser erst im Verlauf der Odyssee, die ihn nach der Flucht aus Snaubers Schloss durch das von Krieg und Bruderkrieg zerrissene, zerstörte, äußerlich wie innerlich zerfressene Land führt. Aus dem einen Sohn Saryasi werden zwei, schließlich drei. Zumindest kündet das die fragwürdige wie des Fragens würdige Fama, der der Suchende folgt. Gläserne Granatäpfel, Früchte des Paradieses, sind auf dieser Irrfahrt durch die Hölle fantastische Wegzeichen.

Wer ist der wahre Sohn? Und ist es am Ende nicht egal? Nachdem Muzafari weiß, dass er den »richtigen« Saryasi niemals findet, ist er »glücklich darüber«. Für ihn ist Saryasi »der Menschensohn«. Doch dieser Bezug auf die Eigentitulierung Jesu wird im nächsten Satz geradezu brutal destruiert: »Ein Sohn Adams ohne Gottes Schutz, der auf dieser Erde verbrennt, dann aufersteht, verbrannt wird und wieder zurückkehrt.« Gottes Tod und die ewige Wiederkehr des Gleichen - man findet immer aufs Neue Stellen, die an Nietzsche erinnern. Den großen deutschen Philosophen und den kongenialen kurdischen Menschenmaler verbindet das gnadenlos-genaue Sezieren des Menschlichen, Allzumenschlichen.

Schicksalsschwere Verknüpfungen, Märchen- und Zauberhaftes, Krieg und Katastrophe treiben die Handlung dieses wunderbaren Werkes auf immer neue schöne und schaurige Schauplätze, an denen sich menschengewirktes Fatum verortet. Morden und Marodieren, Hochmut und Niedertracht, die Sucht nach Liebe und die Suche nach Heimat, die Kraft der Schwachen und die Schwäche der Mächtigen - bei allem politisch-analytischen Durchdringen der desaströsen Weltläufe bleibt das Anthropologische das Unlogische, der permanente Störfaktor, der die Kategorien und Kalkulationen durcheinander-, aber auch zusammenbringt.

Da sind - in transzendenter Tragik - die »weißen Schwestern«, die wie die Eumeniden des Aischylos über Glück und Unglück, Freude und Trauer gebieten. Da ist - die vielleicht faszinierendste Figur - der Junge Mohamadi Glasherz, eine Inkarnation von Liebe und Lauterkeit, dessen ansteckendes Wesen seinen Tod überdauert. Und auch jede weitere Person der Handlung ist eine Hauptperson. Ein Ensemble aus dem Kleinen kommender großer Gestalten.

Am Ende der Suche nach dem verlorenen Sohn steht eine in ihrer nackten Grausamkeit schwer zu ertragende Entdeckung und Erkenntnis, auf die weder Protagonist noch Leser gefasst sind. Es ist das Ende einer, wie Muzafari es auf der Meeresfahrt nächtens nennt, »Geschichte, die ein langes Warten auf den Tod war. Von Anfang bis zum Ende nichts als schwarze Hoffnung.«

Das Buch schließt mit Muzafari Subhdams (letzten?) Rufen »aus dem schwarzen Strudel des bodenlosen Wassers« nach seinem Sohn: »Wo bist du?« Es sind die Worte, mit denen Gott nach Adam rief. Was folgte, war die Vertreibung aus dem Paradies. Seither wird erbittert danach gesucht. Und nach der Schuld für den Rauswurf.

Bachtyar Ali: Der letzte Granatapfel. Roman. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. Unionsverlag, 352 S., geb., 22 €.

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