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Premierengold als Ablenkung

Tennisspielerin Monica Puig verschafft Puerto Rico einen seltenen Grund zum Feiern

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Jedes Mal, wenn Monica Puig am Sonnabend der deutschen Tennisspielerin Angelique Kerber eine Vorhand um die Ohren krachen ließ, jubelten ihre Fans: »USA, USA!« Unbeteiligte Zuschauer im Olympic Tennis Centre von Barra mag das verwirrt haben, gewann Puig doch gerade mit 6:4, 4:6 und 6:1 die erste olympische Goldmedaille überhaupt für ihre Heimat Puerto Rico. Dass Puertoricaner von Geburt auch US-Bürger sind, ist manchem nicht klar. Den Fans vom Festland, die wahrscheinlich beim Kauf ihrer Tickets noch gehofft hatten, Serena Williams im Finale anfeuern zu dürfen, aber schon. Also sangen sie nun für ihre zweite Wahl. Dabei ist das Verhältnis zwischen den USA und Puerto Rico seit Jahren ziemlich angespannt.

Die Inselgruppe ist offiziell kein US-Bundesstaat, sondern ein sogenanntes Außengebiet der Vereinigten Staaten, die Gesetze erlassen, die Puerto Rico betreffen, ohne dass die Inseln eigene Vertreter ins Repräsentantenhaus nach Washington schicken dürfen. Diese Gesetze haben der Insel einst einen Boom beschert. Doch seit einem knappen Jahrzehnt geht es derart bergab, dass die 3,5 Millionen Einwohner unter einer Schuldenlast von etwa 70 Milliarden US-Dollar (63 Milliarden Euro) leiden. »Diese Schulden können wir nicht bezahlen. Das ist keine Sache von Politik, sondern von simpler Mathematik«, sagte Gouverneur Alejandro Garcia Padilla vor wenigen Monaten.

Und Puerto Rico ist nicht nur aus diesem Grund eine Art Griechenland Nordamerikas. Auch hier sind Teile des Problems hausgemacht, ein Großteil aber fremdgesteuert. Steuerschlupflöcher in US-Gesetzen, die nicht für andere Bundesstaaten, sondern nur für Puerto Rico galten, lockten in den 70er Jahren viele Firmen nach San Juan und in andere Städte. Das brachte Wohlstand und Arbeitsplätze. Als die Republikaner Anfang des Jahrtausends Steuersenkungen überall in den USA durchsetzten, verlor Puerto Rico seine Vorteile und die Firmen wanderten samt einer halben Million Arbeitsplätze wieder ab. Das Land gab daraufhin Anleihen heraus, um sich Geld zu leihen. Die waren auch sehr beliebt, konnten US-Bürger die Zinsen darauf doch komplett steuerfrei behalten.

Irgendwann hatte der US-Kongress aber auch noch durchgesetzt, dass Puerto Rico die Gläubiger, heute hauptsächlich Hedgefunds, immer zuerst bezahlen muss, noch bevor der Strom für Krankenhäuser oder neue Löschfahrzeuge der Feuerwehr angeschafft werden dürfen. Irgendwann konnte das Land niemanden mehr bezahlen, doch im Gegensatz zu normalen Bundesstaaten darf Puerto Rico seit einer Gesetzesnovelle von 1984 keine Insolvenz anmelden.

So stieg die Armutsrate auf 45 Prozent. Allein 2015 verließen 80 000 Einwohner die Insel in Richtung des US-Festlands. 150 Schulen wurden geschlossen, die Mehrwertsteuer ist höher als überall sonst in den USA, während Reiche noch immer Steuergeschenke bekommen.

Ende Juni verabschiedete der US-Kongress ein Gesetz, das Puerto Rico etwas Zeit zum Luftholen und zur Neustrukturierung der Schulden geben soll. Gouverneur Garcia hatte darauf gedrängt, auch wenn er die Kröte schlucken musste, dass nun ein undemokratisches Überwachungsgremium die finanziellen Geschicke seines Landes mitbestimmt.

Da kommt so ein Premieren-Olympiasieg ganz gelegen, auch wenn Monica Puig vielleicht nicht die perfekte Botschafterin des gebeutelten Landes ist. Mit ihren Eltern war sie schon als Kind von San Juan nach Miami in Florida umgezogen, und als Tennisprofi verdiente sie auch ohne große Erfolge fast 1,6 Millionen Dollar an Preisgeldern. Egal, in den Bars ihrer Heimatstadt jubelten ihr die Puertoricaner beim Public Viewing zu. Ein bisschen Ablenkung, ein bisschen den Alltag vergessen - dafür ist Olympia überall gut zu gebrauchen.

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