Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

»Tiger« lernen fliegen - nach Mali

Deutsche Heeresflieger bereiten sich vor, obwohl Befehle auf sich warten lassen

In der Bundeswehr wimmelt es nur so von allerlei räuberischem Getier. Da sind allradgetriebene »Wölfe«, »Dingos« gibt es in zweiter Generation, daneben wuseln »Füchse«, und »Mungos« herum. Gepanzerte »Marder« müssen jetzt nach und »Panthern« weichen, »Leoparden« blieben auch künftig die besten Kampfpanzer der Welt, heißt es. Dazu kommen hilfreiche »Biber« und »Keiler«. Die Namensgebung ist aus Wehrmachtzeiten geerbt. Sie alle bewegen sich auf Rädern oder Ketten übers Land. Allein der »Tiger« soll sich in die Luft erheben. Was dem Hubschrauber über viele Jahre nur sehr selten gelang.

Weithin kursierte Spott: Wenn Kriegsgott Mars gewollt hätte, dass das Ding fliegen kann, hätte er ihn ja »Adler« oder zumindest »Kohlmeise« genannt. Dazu kam allerlei Ärger im politischen Bereich. Nicht nur die Opposition sprach von Inkompetenz, die sie gleichermaßen auf den Hersteller - der heute Airbus-Helikopter heißt - wie auf die Bundeswehr verteilte. Kein Wunder: Noch vor einem Jahr waren von 24 ausgelieferten Kampfhubschraubern nur fünf einsatzbereit.

Doch nun? Wie weggeblasen waren die düsteren Wolken, als Ursula von der Leyen (CDU) in der vergangenen Woche das »Tiger«-Regiment 36 »Kurhessen« besuchte. Das ist im hessischen Fritzlar stationiert. Die Stadt ist rund 1300 Jahre alt und jeder zehnte Einwohner trägt Uniform. Da gibt es nicht allzu viel Gemurre, dass nun wieder mehr Betrieb herrscht auf dem Flugplatz unterhalb der alten Gemäuer. Zudem hatte die Ministerin das Versprechen mitgebracht, dass die Bundeswehr in den kommenden Jahren 40 Millionen Euro in den Ausbau des Standortes investieren will. Angesichts der insgesamt guten Nachrichten war schwer zu ermitteln, wer mehr strahlte - die Verteidigungsministerin, die Sonne oder die aufgebotenen CDU-Regionalabgeordeten.

13 einsatzbereite Maschinen von 27 im sogenannten Verfügungsbestand wurden der obersten Befehlshaberin gemeldet. Man habe »im letzten Jahr beim ›Tiger‹ eine echte Talsohle durchschritten und erhebliche Probleme mit der Einsatzbereitschaft gehabt«. Dann jedoch habe man »deutlich umgestellt« und vieles modernisiert, fasste die oberste Befehlshaberin zusammen. »Stimmt«, bestätigte Hauptmann Andreas Strahlenbach. »Gerade wir Piloten mussten durch dieses Tal der Tränen. Welcher Pilot möchte schon am Boden sitzen?« Bei ihm kommt ein weiteres Problem hinzu. Seine Dienstzeit nähert sich dem Ende. Viel Gelegenheit, sein Können im neuen Kampfhubschrauber zu beweisen, bleibt da nicht. Muss man das bedauern?

Zu jeder Rechnung sollte man immer die Gegenprobe machen. Im vergangenen Jahr brachten es die »Tiger«-Piloten mit der Berechtigung für den Einsatz in ihrer Division Schnelle Kräfte durchschnittlich auf 75 Flugstunden. 2013, als es noch weniger Piloten gab und man in Afghanistan Einsätze flog, rechnete man pro Pilot 105 Flugstunden ab.

Die Durchschnittszahlen könnten sehr rasch wieder in die Höhe schnellen, denn das Regiment in Fritzlar steht in Bereitschaft für eine der beiden EU-Battlegroups. Zehn Piloten, auch Strahlenbach, sind dafür zertifiziert. Im Einsatzfall würde man zwei »Tiger«, also vier Piloten plus Ersatzmaschine und Besatzung sowie rund 30 Mann Bodenpersonal, in den Einsatz schicken. Wohin? »Das gibt die Politik vor«, sagte Kommandeur Volker Bauernsachs ausweichend.

Er hätte auch sagen können: nach Nordafrika. Oder: nach Asien. Sogar ins Polargebiet. Auch dorthin könnte man seine Truppe schicken. Man muss - um das denkbare Einsatzgebiet abzustecken - um Brüssel herum einen Kreis mit dem Radius von 6000 Kilometern ziehen. Und wenn die NATO ruft, ist selbst diese Entfernungsbegrenzung obsolet.

Eine junge Pilotin, die gleichfalls drei Sterne auf den Schulterklappen trägt, macht sich darüber keine Gedanken. Sagt sie. Und packt dabei die Notfallausrüstung, die jeder Pilot mit sich führt, zusammen. Betriebswirtschaft hat sie studiert und ging dann zur Bundeswehr. Für sie ist wichtig, alles unter einen Hut zu bekommen, Fliegen, Familie.

Die junge, energisch wirkende Frau nimmt die schwer Schutzweste und macht sich dann mit einem Feldwebel ans Einrollen eines kleinen Zeltes. Die Frage, ob dessen Olivgrün nicht auffällig sei auf rotem Wüstenboden, irritiert sie ein wenig. Dann tastet sie sich an eine Antwort in größerem Zusammenhang heran: »Sie meinen ... Mali?« Ein Lächeln. »Na ja, noch ist da ja gar nichts entschieden.«

So sagt es auch die Ministerin, die der jungen Frau ob ihrer Berufswahl »viel Glück auch weiterhin« gewünscht hat. Ja sicher, der Einsatz von Helikoptern sei wichtig, bestätigte von der Leyen. Die UN-Truppen, auch die deutschen, brauchen Schutz aus der Luft. Ja, es stimme, 2017 wollen die Niederländer ihre Hubschrauber aus Mali abziehen und noch bis zum Ende des Sommers suchen die Vereinten Nationen Ersatz. Diese Suche, so weicht von der Leyen aus, müsse man »erst einmal abwarten«.

Die Soldaten in Fritzlar sind da weiter. Trainiert und mit allen notwendigen Impfungen versehen, vertrauen sie darauf, dass man ihnen eine Aufgabe zuweist. Es ist auch unwahrscheinlich, dass man im Potsdamer Einsatzführungskommando der Bundeswehr, wie die Ministerin sagte, erst einmal abwartet.

Mündlich sollen die Kanadier zugesagt haben, mehrere Rettungshubschrauber vom Typ »Chinook« nach Mali zu schicken. Die Deutschen würden sie sichern und Luftunterstützung für die Bodentruppen fliegen. Also aufklären, den anderen Raubtieren am Boden und den Soldaten in ihnen Deckung geben. Und angreifen. Dafür sind die »Tiger« bewaffnet: Raketen verschiedenster Art und Maschinenwaffen kann man an seine Stummelflügel hängen. Seine Sensoren reichen hinter den vom Boden aus sichtbaren Horizont. Können sie Terroristen von Zivilisten unterscheiden?

Für diesen Einsatz, so rechnen Verantwortliche in Fritzlar vor, würde man wohl sechs bis sieben »Tiger« vorbereiten. Den Besatzungen müsste man so um die 250 Frauen und Männer als technisches Personal zu Seite stellen. Und wie kämen die Hubschrauber zum deutschen Stützpunkt nach Goa? Die eigenen A400M-Transporter lassen keine Panne aus. Der SALIS-Vertrag, mit dem Lufttransportkapazitäten bei einem russisch-ukrainischen Konsortium gebunden werden, läuft aus. Man verhandelt über eine Fortsetzung.

Kommt also auf die Bundestagsabgeordneten eine Mandatserweiterung zu? Die würde nicht nur eine Aufstockung der Truppe beinhalten, sondern auch klar machen, dass Deutschland sich immer weiter in den Konflikt verstrickt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln