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Studie: Flüchtlinge offenbar eher konservativ

Laut nicht repräsentativer Untersuchung anti-liberale Einstellungen bei Partnerschaft und Sexualität / Bekenntnisse zu Demokratie, Meinungsfreiheit und Laizismus


Berlin. Eine Mehrheit der Flüchtlinge bekennt sich laut einer Umfrage in Berliner Unterkünften zur Demokratie und zu einer klaren Trennung von Staat und Religion. Viele der Befragten verfügen jedoch offenbar über konservative politische Einstellungen und Wertvorstellungen. Eine »besorgniserregende Zahl« der Flüchtlinge stimme demnach auch rechtspopulistischen Aussagen vorbehaltlos zu. Unter anderem dies besagt die neue Studie »Flüchtlinge 2016« der Berliner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW), die am Montag in Berlin vorgestellt wurde. Die Untersuchung ist jedoch nicht repräsentativ. Rund 1.000 Fragebögen wurden in den Sprachen Farsi, Arabisch und Englisch in Berliner Flüchtlingsunterkünften verteilt. Nur 445 Antworten aus zwei Einrichtungen des Roten Kreuzes kamen zurück und wurden ausgewertet.

Die Einstellungen zum sozialen Zusammenleben wichen stark von dem in Deutschland vorherrschenden Meinungsbild ab, sagte der Studienautor Roland Freytag von der privaten HMKW. »In anti-liberalen Einstellungen zu Sexualität, Homosexualität, Ehe und Partnerschaft, ja selbst zu Wohn- oder Lebensformen wie einer WG zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Flüchtlingen und der deutschen Mehrheitsgesellschaft.« Manche Ansichten erinnerten »stark an die muffigen 50er Jahre in Deutschland«.

Der Professor für Wirtschafts- und Medienpsychologie zog daraus einen vermeintlich brisanten Vergleich: »Damit ähnelt das Wertebild der Flüchtlinge in zentralen politischen Teilen am ehesten dem der AfD-Anhänger oder der ‘Pegida’-Bewegungen«, hatte Freytag erklärt. Dieser Befund deckt sich mit den Ergebnissen einer Studie des Migrationsforschers Herbert Brückner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Für das Verständnis des Ausschnitts der Einstellungen ist es wichtig, sich die Hintergründe der Flüchtlinge vor Augen zu halten: Ein Großteil der Neuankömmlinge ist in autoritär regierten Ländern und patriarchalisch geprägten Gesellschaften aufgewachsen. Es wäre naiv anzunehmen, dass dies keinen Einfluss auf die Werte und Einstellungen der Menschen ausgeübt hätte. Gleichzeitig gibt es zwar diffuse Vorstellungen von Demokratie und Gleichberechtigung, aber wenig konkrete Erfahrungen. Diese sowie die damit verbundenen Lernprozesse sind jedoch essentiell für das Funktionieren einer offenen Gesellschaft.

Politische Auseinandersetzungen in den Herkunftsländern konnten zudem aufgrund der repressiven Bedingungen oft nicht so geführt werden wie in westlichen Ländern. Progressive Bewegungen, die durch das Aufzeigen von Widersprüchlichkeiten und Unrecht Transformationsprozesse hätten in Gang setzen können, werden meist rigoros bekämpft.

Dies erklärt auch die vermeintliche Widersprüchlichkeit der Studie: So sprachen sich zwar 84 Prozent der Befragten für Meinungsfreiheit aus. Dass sich aber beispielsweise Künstler über Politiker lustig machen dürfen, befürworteten nur 38 Prozent. Aussagen wie, die beste politische Staatsform sei die, in der ein starker Führer zum Wohle aller regiert, und das Wichtigste in einer Gesellschaft sei die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung, stimmten jeweils 64 Prozent zu. Die Nachteile eines starken Führers oder ängstlicher Künstler für die Meinungsfreiheit müssen möglicherweise erst erkannt werden. Die Anerkennung des Wertes als solcher ist dafür bereits der erste Schritt.

Laut der Studie gab es überraschend tolerante Einstellungen im Bereich der Religion. Die Mehrheit der Befragten (87 Prozent) denke säkular und spreche sich für Religion als Privatsache aus. Alkoholkonsum (65 Prozent), die Heirat zwischen Christen und Muslimen (60 Prozent) und ein Religionswechsel (52 Prozent) werden von der Mehrheit nicht als Problem angesehen. Auch bei der Gleichberechtigung der Geschlechter gab es bei Männern (77 Prozent) und Frauen (81 Prozent) hohe Zustimmungsraten.

Dagegen erscheine die Sexualmoral der Flüchtlinge im Vergleich zur liberalen deutschen Mehrheitsgesellschaft intolerant und prüde, sagte Freytag. Für etwa die Hälfte der Befragten (48 Prozent) ist Sex vor der Ehe eine Sünde und sollte bestraft werden. Selbst bei den 16- bis 25-Jährigen gebe es dafür hohe Zustimmungsraten, sagte Freytag.

Die Gleichstellung von Mann und Frau wird wiederum als Prinzip befürwortet. Im konkreten Fall oder der eigenen Familie ist jedoch oft ein patriarchalisches Grundverständnis sichtbar, so die Forscher. Auch diese Widersprüchlichkeit überrascht nicht. Gerade in arabischen Ländern ist Sexualität stark tabuisiert. Familienstrukturen üben oft in ländlichen Gegenden einen großen Zwang auf junge Menschen aus, Frauen werden von Familien und Institutionen diskriminiert.

Verbreitet seien laut der Studie auch Vorurteile gegenüber möglichen Nachbarn. 43 Prozent lehnten ein schwules Paar als Wohnungsnachbarn ab, selbst eine Studenten-WG (24 Prozent) oder ein deutsches unverheiratetes Paar (18 Prozent) würde viele stören. Dagegen hätten 64 Prozent gegen eine deutsche kinderreiche Familie und 41 Prozent gegen eine afrikanische Familie als Nachbarn nichts einzuwenden. Ein jüdische Familie aus Israel würden allerdings nur 26 Prozent befürworten, 14 Prozent lehnen das ab, 60 Prozent ist es egal.

Die Lern- und Anpassungsbereitschaft der Flüchtlinge scheint laut der Studie stark ausgeprägt zu sein. Die meisten der Befragten seien bereit, Deutschland als neue Heimat anzunehmen und dafür in Sprache und Bildung zu investieren, sagte Freytag. Für 92 Prozent sei das Lernen von Deutsch sehr wichtig und vordringlich, 70 Prozent wollen für immer hier bleiben. seb/epd

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