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Täuschung durch Testosteron

Wissenschaftler fordern verstärkte Forschung an hormonellen Verhütungsmitteln für den Mann

Manchmal ist für Frauen schon der Anblick eines Mannes das sicherste Verhütungsmittel. Sehen sie einen solchen in entblößter Pracht vor sich, vergeht ihnen von ganz allein die Lust auf Sex. Und kommt es doch anders, obliegt es wie so häufig dem weiblichen Geschlecht, die Verantwortung für die möglichen Folgen zu übernehmen.

Tatsächlich verhüten in Deutschland 54 Prozent der Paare mit der »Anti-Baby-Pille« oder, wie man in der DDR treffender sagte, der Wunschkindpille. 13,5 Prozent der Frauen vertrauen auf die Spirale. Nur in 20 Prozent der Fälle wird der Mann aktiv und stülpt sich ein Kondom über. Sieht man einmal von der wenig lustvollen Methode des Coitus interruptus ab, käme für Männer als Verhütungsmethode auch die sogenannte Vasektomie in Frage. Dabei werden die im Samenstrang befindlichen Samenleiter im Bereich des Hodensacks oberhalb der Nebenhoden durchtrennt. Urologen führen diesen, wie es heißt, komplikationsarmen Eingriff in der Regel ambulant durch. Die produzierten Spermien gelangen danach nicht mehr in die Samenflüssigkeit, sondern werden vom Körper abgebaut. Streng zu unterscheiden von der Vasektomie, die sich im Prinzip mikrochirurgisch wieder rückgängig machen lässt, ist die Kastration. Hierbei handelt es sich um einen irreversiblen operativen Eingriff zur Entfernung der Keimdrüsen, beim Mann also der Hoden.

Bis heute gilt die Vasektomie als zuverlässigste männliche Verhütungsmethode. Der Pearl-Index, der die Qualität der Empfängnisverhütung angibt, hat hier einen Wert von 0,1. Das heißt: Bei 1000 Paaren, die ein Jahr lang regelmäßig Sex haben und allein mit Vasektomie verhüten, kommt es lediglich zu einer unerwünschten Schwangerschaft. 100-prozentige Sicherheit ist deshalb nicht zu erreichen, weil sich die durchtrennten Samenleiter des Mannes mitunter spontan rekanalisieren können. Zum Vergleich: Das Kondom hat einen Pearl-Index von 2 bis 15. Es ist damit weitaus unsicherer als die Vasektomie, die es selbst mit der »Anti-Baby-Pille« aufnehmen kann. Deren Pearl-Index wird auf 0,1 bis 0,9 beziffert.

Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland betrachten die Vasektomie als »Bestandteil der persönlichen Lebensplanung«. Aus diesem Grund tragen sie die Kosten dafür nur noch in medizinisch begründeten Fällen. Ansonsten muss ein Mann im Schnitt 400 bis 500 Euro für den Eingriff hinblättern, eine Rückoperation zur Wiederherstellung der Zeugungsfähigkeit kostet rund 3000 Euro.

Die Zahl der Männer, die sich zu Verhütungszwecken mal so eben ihre Samenleiter durchschneiden lassen, hält sich erfahrungsgemäß in Grenzen. Eine echte Alternative wäre die Pille für den Mann. Aus Befragungen gehe hervor, dass sich sowohl Männer als auch deren Partnerinnen für eine hormonelle männliche Kontrazeption entscheiden würden, wenn sie die Gewissheit hätten, dass diese wirksam, reversibel und gut verträglich sei, sagt Eberhard Nieschlag von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE).

An der Pille für den Mann zu forschen, begannen Wissenschaftler bereits in den 1970er Jahren. »Einige Ansätze wurden sogar bis nahe an die Marktreife entwickelt. Aber die Industrie hat dieses Forschungsgebiet verlassen«, bedauert Nieschlag, der als Gründe unter anderem unklare Zulassungskriterien sowie geringe Gewinnerwartungen anführt.

Im Mai 2016 fand an der Französischen Nationalen Akademie für Medizin in Paris der erste Kongress des »International Consortium for Male Contraception« (ICMC) statt. Dabei verabschiedete ein Gruppe von führenden Hormonexperten das sogenannte Pariser Manifest, in dem die Gesundheitsbehörden und die pharmazeutische Industrie aufgefordert werden, die Forschungen an männlichen Verhütungsmitteln zu intensivieren. Es könne nicht sein, dass in Zeiten der Gleichberechtigung der Geschlechter nur Frauen die Verantwortung für die Empfängnisverhütung trügen. »Unser Ziel ist es, bis zum Jahr 2026 die marktreife Entwicklung mindestens eines zuverlässigen, reversiblen und bezahlbaren männlichen Kontrazeptivum zu ermöglichen«, heißt es in der von 15 Wissenschaftlern unterzeichneten Erklärung.

Heute forschen vor allem staatliche und akademische Einrichtungen an hormonellen kontrazeptiven Methoden für den Mann. Der Fokus liegt dabei auf der Unterdrückung der Spermienbildung, auch Spermatogenese genannt. Eine Schlüsselrolle in diesem Prozess spielt das Androgen Testosteron, das, angeregt durch Hirnbotenstoffe, in den Hoden erzeugt wird und die Spermienproduktion in Gang setzt. Führt man nun dem Körper Testosteron von außen zu, erhält das Gehirn das Signal, dass genügend von diesem Androgen im Blut vorhanden sei. Daraufhin stellt das Gehirn die Ausschüttung der erwähnten Botenstoffe ein. Die Hoden produzieren kein Testosteron und folglich auch keine Spermien mehr. Um die Spermatogenese vollständig zu unterdrücken, kommen zusätzlich Gestagene zum Einsatz.

Was die Entwicklung eines hormonellen Verhütungsmittels für den Mann erschwert, ist die Tatsache, dass Testosteron während der Magen-Darm-Passage zerstört wird. Alle Versuche, ein Testosteron-Derivat in Tablettenform herzustellen, sind bislang gescheitert. So gesehen ist das gängige Schlagwort von der Pille für den Mann eigentlich irreführend. In der Praxis wird Testosteron gewöhnlich durch Injektion oder als Gel verabreicht. Eine Hormonspritze wäre alle zehn Wochen vonnöten. Dagegen müsste ein Gel täglich aufgetragen werden, erklärt Nieschlag, der den Einwand, dass man Männer damit überfordern würde, nicht gelten lässt. Denn: Was Frauen seit der Einführung der »Anti-Baby-Pille« könnten, sollte auch für Männer machbar sein.

Bis die Pille für den Mann wirkt bzw. die Spermien im Ejakulat verschwunden sind, dauert es etwa zwei bis vier Monate. Mit einem Pearl-Index von 1,1 bietet die hormonelle Verhütung durch Testosteron eine ähnliche Sicherheit wie die »Anti-Baby-Pille«. Zwar werde die männliche Kontrazeption die weiblichen Methoden nicht überflüssig machen, heißt es im Pariser Manifest, sie erhöhe aber die Zahl der Optionen für das Paar. Es wäre in der Tat keine Lösung auf Dauer, die Nebenwirkungen einer pharmakologischen Verhütung allein Frauen zuzumuten. Paare sollten vielmehr selbst entscheiden können, wer von beiden die Risiken einer hormonellen Verhütung auf sich nimmt.

2009 startete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine umfangreiche Studie zum Test eines männlichen Kontrazeptivums. Hierbei wurde den Probanden alle zwei Monate ein Gramm Testosteron gespritzt. Weil dies jedoch bei jedem Zehnten zu Nebenwirkungen (Akne, Depressionen etc.) führte, brach die WHO die Studie 2011 ab. Neue Tests stehen derzeit nicht an, zumal noch ein weiteres Problem ungelöst ist, wie US-Forscher berichteten: 10 bis 15 Prozent der Männer sind therapieresistent. Das heißt, bei ihnen reicht die Unterdrückung der Spermatogenese für eine Verhütung nicht aus.

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