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Ein Riss in der Welt

Der kroatische Philosoph Srecko Horvat will sich die Revolution nicht ohne die Liebe denken

  • Von Sebastian Loschert
  • Lesedauer: 5 Min.

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»Wenn uns Revolutionäre eines von den herrschenden Klassen unterscheidet, dann ist es unsere Fähigkeit zu lieben«, sagte ein 19-jähriger Teilnehmer von Nuit Debout in Paris im April gegenüber der »Zeit«. Diese Aussage würde dem kroatischen Philosophen Srećko Horvat wohl gefallen. Denn seiner Ansicht nach gehören Revolution und Liebe untrennbar zusammen. Wo heute Plätze besetzt werden und der Aufstand geprobt werde, sollte über die »Radikalität der Liebe« diskutiert werden, findet Horvat, dessen gleichnamiges Buch jetzt auf Deutsch erschienen ist.

In seinem Buch will »DiEM25«-Mitglied Horvat zeigen, dass Liebe in revolutionären Bewegungen immer eine große Rolle spielt, wenn sie auch selten zum Thema gemacht wird. Um letzteres zu ändern, klopft er vergangene Revolten und deren Akteure auf ihr Verständnis von Liebe, Hass, Beziehung, Sexualität oder Treue ab. In einem Parforceritt auf hundert Seiten lässt er Rimbaud, Lenin, Kollontai, Sartre und Beauvoir, Che, die Kommune I oder Dutschke zu Wort kommen.

Horvat reagiert gewissermaßen auf die Forderung, die der Philosoph Alain Badiou vor wenigen Jahren in seinem »Lob der Liebe« gestellt hat: Man müsse die Liebe philosophisch verteidigen und sie zugleich neu erfinden. Sie sei eine Art »minimaler Kommunismus«: Das Sich-Verlieben habe mit der Revolution gemein, dass es einen Riss in der Welt bedeute, ein Vorher und Nachher, ein »Ereignis« bezeichne. Trotzdem sei sie kein Selbstläufer, sondern erfordere Arbeit, aktive Konstruktion, Treue. Sie ist, schreibt Horvat, »eine Spannung oder besser, eine Dialektik: zwischen Dynamik (der konstanten Neuerfindung) und Treue (zu diesem fatalen und unerwarteten Riss in der Welt). Das Gleiche gilt für die Revolution. In dem Augenblick, in dem eine Revolution aufhört, sich neu zu erfinden, nicht nur sozial und zwischenmenschlich, sondern aufhört, ihre eigenen Voraussetzungen neu zu erfinden, enden wir in der Regel in einer Reaktion, einer Regression.«

Für sein Wühlen in der revolutionären Geschichte ist ihm Engels ein Stichwortgeber, der bereits die »merkwürdige Tatsache« kannte, »daß mit jeder großen revolutionären Bewegung die Frage der ›freien Liebe‹ in den Vordergrund tritt«. So in der Sowjetunion: Horvat zeigt, welch fortschrittliche Debatten sich kurz nach der Oktoberrevolution etwa zwischen Lenin, Inessa Armand und der weltweit ersten Ministerin, Alexandra Kollontai, entspannten. Ebenso zeigt er jedoch, dass die progressiven Ansätze der Anfangsjahre etwa ab den 1930er Jahren erneut durch konservative Vorstellungen und Gesetze abgelöst wurden, eine »Neue Moral« gegen die allzu freie Liebe ins Feld geführt wurde. Homosexualität und Abtreibungen wurden wieder unter Strafe gestellt, das Sexualleben sollte nicht vom Klassenkampf und dem Aufbau des Sozialismus ablenken. Nikolai Ostrowski ließ seinen kommunistischen Helden 1932 sagen: »Ich habe mir fest vorgenommen, Mamachen, so lange kein Mädchen zu küssen, bis nicht in der ganzen Welt die Bourgeois ausgerottet sind.«

Auch für religiös-faschistische Regime stelle das Begehren eine Gefahr dar. Ausführlich geht der Autor auf die Unterdrückung des Eros nach der Revolution in Iran ein. Den Eliten unterstellt er Heuchelei: »Sie wollen die Jouissance für sich behalten.« In den heutigen westlichen Gesellschaften haben sich, ausgehend von der sexuellen Revolution der 60er Jahre, ein primitiver Materialismus und eine warenförmige Lust entwickelt. Der »postmodernen Permissivität des ›Anything goes!‹« hält er entgegen, was Rudi Dutschke an der Kommune I kurz nach ihrer Gründung kritisierte: »Der Austausch von Frauen und Männern ist nichts anderes als die Anwendung des bürgerlichen Tauschprinzips unter pseudorevolutionärem Vorzeichen.«

Occupy-Sympathisant Horvat springt ohne Skrupel in wenigen Seiten von Uschi Obermaier und den Hungerstreiks von Holger Meins und der IRA über einen Solidaritätstanz im Gezi-Park zum Weather Underground. Nicht immer ist der rot-rote Faden erkennbar, vieles wird nur oberflächlich behandelt. Man gewinnt immerhin die Erkenntnis, dass die zwei großen Wörter Revolution und Liebe mehr gemeinsam haben, als auf den ersten Blick zu vermuten ist. Bei Horvat fallen sie fast in eins.

In diesem Punkt äußert Laika-Verleger Karl-Heinz Dellwo Widerspruch zu seinem Autor: »Die Revolution wird aus der Not, nicht aus der Liebe gemacht«, hielt er ihm auf einer Podiumsdiskussion in Berlin vehement entgegen. Mit der Forderung nach »Neuerfindung der Liebe« könne er nichts anfangen. Dellwo saß zwar gemeinsam mit Lebensgefährtin Gabriele Rollnik auf dem Podium, doch Revolutionsromantik kam keine auf: »Revolution ist nicht durch Liebe zu erzeugen. Meine Liebesbeziehung zu dieser Zeit war nicht das prägendste«, sagte auch das ehemalige Mitglied der Bewegung 2. Juni.

Im Übrigen betont auch Horvats Spiritus Rector in dieser Frage entschieden die Unterschiede zwischen Liebe und Politik. Für Badiou beginnt die Liebe »dort, wo die Politik aufhört«. In der Politik gehe es um die Erzeugung einer aktiven Einheit, einer Identität, darüber hinaus um Feindschaft und die Kontrolle des Hasses. Die Liebe dagegen sei ein singuläres Abenteuer der Differenz, welches die Identität des Subjekts aufbreche. Der einzige denkbare Feind sei hier das Ich, das sich der Differenz nicht öffnen wolle.

Horvat dagegen wirft Liebe und Revolution gerne einmal in einen Topf: »Sich dem geliebten Menschen so hinzugeben wie der Revolution, das ist die wahre Radikalität der Liebe«, schreibt er. Ganz am Ende des Buches stellt er sogar transzendentale Bezüge her: In der christlichen Theologie sei das Fundament jeder Liebe Gott, »aber warum sollten wir es nicht Revolution nennen?« Damit ist Horvat ganz nah an einer Schwärmerei und Revolutionsromantik, die sich in der Vergangenheit, warnt Badiou, in einen irrationalen Partei- und Personenkult niedergeschlagen hat. Spätestens, wenn Horvat Sex »als Waffe im Klassenkampf« bezeichnet und zustimmend Andreas Baader zitiert, dem zufolge »Ficken und Schießen ein Ding« sei, stellt sich manchem Leser wohl die Frage, ob Liebe, Eros, Sex hin und wieder nicht besser von politischen Ambitionen verschont bleiben sollten – und Politik von der Liebe.

Srećko Horvat: Die Radikalität der Liebe, Laika diskurs, 120 S., geb., 14,90 €.

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