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Smarte Worte

Big Data

Smarte Worte I: Was die Anhäufung, Monopolisierung und Rekonfiguration immer größerer Mengen von Informationen bedeutet

Der Begriff Big Data umfasst zwei schillernde Worte mit einigen wenig konkreten Bedeutungen. Zunächst ist er nur eine Art Größenangabe: Mit ihm werden Datenmengen bezeichnet, die zu groß oder komplex sind, als dass sie mit herkömmlichen Mitteln der Datenverarbeitung verarbeitet werden könnten. Das kann am Umfang der Daten liegen (sehr große Datensätze), an der Vielfalt der Daten (viele Datenquellen) oder der Geschwindigkeit, mit der sie anfallen oder analysiert werden müssen (Echtzeitdaten).

Mehr noch aber steht Big Data für einen vermeintlich neuen Umgang mit den im Rahmen der Digitalisierung anfallenden Daten und dem Datenbedarf einer digitalen Gesellschaft: Obwohl Rechenkraft in Form von Desktop-Computern, Laptops, Tablets und Handys allgegenwärtig ist, überfordert die schiere Menge neuer Daten und deren Analysebedarf deren Möglichkeiten. Immer neue Messpunkte (zum Beispiel Sensordaten oder auch das Nutzerverhalten im Internet) führen seit einigen Jahren zu einem rasch anschwellenden Datenvolumen.

Einer Schätzung von IBM zufolge werden täglich 2.5 Trillionen Bytes an neuen Daten geschaffen, Tendenz stark steigend. Big Data beschreibt damit auch die (meist zentrale) Organisation und Aufbereitung der Daten mithilfe spezieller Computer und Algorithmen zum Beispiel in Rechenzentren. Letztlich umfasst der Begriff auch die Darstellung der aufbereiteten Daten, deren Speicherung und Verbreitung und sogar selbstverschriebene oder staatlich vorgegebene Richtlinien zu ihrem Umgang, wie zum Beispiel Verordnungen zum Datenschutz.

Dass Big Data in den letzten Jahren zu einem wichtigen Schlagwort wurde, liegt allerdings an einem technologisch-ökonomischem Versprechen der Digitalisierung: Ein Datum ist nur die Information, die es selbst darstellt. Mehrere Daten zusammengefasst ergeben aber neue Informationen: Je mehr Daten aber vorliegen, desto bessere, tiefere Schlüsse kann man aus ihnen ziehen, wenn man die geeigneten statistischen Methoden, ausreichend Rechenkraft und die Infrastruktur der Datenverwaltung besitzt.

Die Daten sind in diesem Bild ein Rohstoff, der mithilfe von Maschinen und Algorithmen zu neuem Wissen veredelt werden kann. Dieses Wissen bedeutet Vorhersagekraft über zukünftige Entwicklungen, dem Aufdecken tieferliegender Strukturen und Zusammenhänge im Datenrauschen und der Optimierung von Abläufen. Eine zentrale statistische Technik ist dabei die Mustererkennung. In einem Datenstrom werden Regelmäßigkeiten identifiziert und mit anderen Regelmäßigkeiten oder auch nur Einzelereignissen korreliert: Wenn X passiert, dann passiert auch Y. Dadurch erhalten Daten einen Wert: Ihre Anhäufung, Monopolisierung und Rekonfiguration schafft erst einen Datenmarkt, einen neuartigen Daten-Kapitalismus. Da mit Big Data der Erkenntnisgewinn automatisiert werden soll, folgt der bloßen Verwaltung übermäßig großer Datenmengen in den letzten Jahren nun die Datensammlung: Weil Speicherplatz billig ist und nur die Verarbeitung von Daten teuer, versuchen Firmen und Staaten nun Daten erst zu horten, um sie später auszuwerten.

Durch Big Data ergeben sich so ganz neue Autonomieprobleme: Für sich genommen unverfängliche Daten entfalten möglicherweise durch Anreicherung mit anderen Daten ein Machtpotenzial, zum Beispiel wenn es um die Vorhersage oder das Verständnis des individuellen Verhaltens geht (siehe auch: Nudging). Andererseits ist das Thema noch so neu und voller Ungewissheiten, dass es noch keine Ansatzpunkte für eine staatliche Regulierung gibt.

Ab wann können Daten Macht entfalten? Wer darf Daten schöpfen und besitzen? Wie verhalten sich Daten und Individuum zueinander? Welche Analysemethoden sollen erlaubt sein? Die größte Herausforderung für Big Data ist damit keine technische oder technologische: Vielmehr muss es darum gehen, ein neues Verständnis von Daten und ihrer etwaigen Macht zu erhalten. (fk)

Zum Weiterlesen:

Die Geschichte von Big Data
Evgeny Morozov: Digital Technologies and the Future of Data Capitalism
Petra Sitte: Big Data und Big Government erfordern einen Paradigmenwechsel

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Smarte Worte

Die Regierung lobt gern ihre Digitale Agenda. Die Unternehmenslobby rührt mächtig für die Industrie 4.0 die Trommel. Datenschützer warnen vor Nudging und Ökonomen diskutieren über Big Data. Aber worum geht es da wirklich?

Das kritische Lexikon der Digitalisierung

Viele Schlagworte der neuen technologischen Welt sind PR-Blasen des Kapitalismus. Andere Bezeichnungen verstärken eine diffuse Angst vor einem Fortschritt, der manchem zu schnell geht – und unter den herrschenden Verhältnissen vielen nicht zugute kommt. Wer dagegen etwas tun und also über die technikgetriebenen Veränderungen der Gesellschaft reden will, braucht Begriffe, die sich zur Analyse eignen. Anders gesagt: Wir brauchen »Smarte Worte. Das kritische Lexikon der Digitalisierung«. Angelegt als Serie, wird hier beschrieben, was hinter Robotik, Predictive Policing oder Kybernetischem Kapitalismus steckt.

Das AutorInnen-Kollektiv

»Smarte Worte« ist ein kollektives Projekt, das von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und »neues deutschland« unterstützt wird. Wir danken an dieser Stelle schon einmal: Anne Roth (ar), Chris Piallat (cp), Christian Meyer (cm), Constanze Kurz (ck), Dagmar Fink (df), Felix Knoke (fk), Felix Stalder (fs), Halina Wawzyniak (hw), Jörg Braun (jb), Katalin Gennburg (kg). Marie Kochsiek (mk), Markus Euskirchen (me), Martha Dörfler (md), Norbert Schepers (nsc), Patrick Stary (ps), Richard Heigl (rh), Sabine Nuss (sn), Sebastian Strube (sest), Simon Schaupp (sisch), Simon Weiß (sw), Stefan Enke (se), Susanne Lang (sl), Timo Daum (td), Tom Strohschneider (tos)

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Anfang Dezember wird sich die Konferenz »Unboxing. Algorithmen, Daten und Demokratie« in Berlin mit den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung beschäftigen. Wie verändert der zunehmende Einsatz von Algorithmen die Spielregeln politischen Denkens und Handelns? Wie verändern sich Herrschaft, Kontrolle und Kapitalismus? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Kräfteverhältnisse, Organisierung und politische Intervention? Darüber diskutieren auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung am 3. Dezember am Franz-Mehring-Platz 1 in Berlin unter anderem Netzaktivisten und kritische Wissenschaftler sowie Interessierte aus verschiedenen Spektren der Linken. Die Konferenz wird auch im Livestream übertragen. Alle Infos zur Konferenz gibt es hier.

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