Die schöne neue Welt des Clicks

Simon Poelchau über die Arbeitsbedingungen in der Cloud

Die Digitalisierung und Industrie 4.0 scheiden die Geister. Vor allem unter Linken sind die Gräben tief zwischen Enthusiasten und Gegnern des technischen Fortschritts. So werfen die Optimisten den Pessimisten vor, man müsse das emanzipative Potenzial nutzen, das einem die Digitalisierung biete, und sich dem nicht verweigern.

Doch dann gibt es immer wieder Studien wie jene, die am Donnerstag von der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) veröffentlicht wurde. Die gewerkschaftsnahe Stiftung ließ 434 Menschen befragen, die in Deutschland ihre Arbeitskraft im Internet verkaufen. Das Ergebnis: Diese sogenannten Clickworker sind oftmals gut ausgebildet, knapp die Hälfte hat einen Hochschulabschluss. Doch die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen sind beschissen.

Bis zu 80 Stunden in der Woche testen diese rund eine Million Klickarbeiter hierzulande Apps, führen einfachste Tätigkeiten aus oder verschlagworten Texte und Bilder, um über die Runden zu kommen. Doch verdienen 70 Prozent von ihnen nicht mehr als 500 Euro vor Steuern.

Wenn man nämlich vom technischen Fortschritt spricht, so muss man immer auch im Kopf haben, wem er nutzt. Und es liegt in der Natur der kapitalistischen Produktionsweise, dass erst mal nur Erfindungen in Bezug auf ihren Nutzen für die Wertschöpfung gefördert werden. Bereits die Dampfmaschine wurde nicht eingesetzt, um die Arbeit angenehmer zu machen, sondern um billiger produzieren zu können. Dass sich dadurch bestimmte Waren wie Kleidung verbilligten und so mitunter auch der Lebensstandard eines Teils der Arbeiterklasse stieg, war erst mal eine nichtintendierte Nebenwirkung.

So ist es jetzt auch mit der Digitalisierung: Studien wie die der HBS zeigen, dass auch heutzutage technische Errungenschaften vornehmlich dazu genutzt werden, die Arbeit zu entwerten. Zwar sind auch Prognosen, dass durch die neuen Kommunikationsmittel zigmillionen Arbeitsplätze vernichtet werden, sicherlich ungerechtfertigter Alarmismus. Doch hinterlässt die Digitalisierung eben viel zu oft sogenannte Bullshit Jobs, schlecht bezahlte Jobs, die keiner machen will. Und oft genug schreibt der Chef einem selbst im Urlaub noch kurz Vorschläge, wie man »die Performance improven« kann.

Insofern zeugt eine Skepsis gegenüber den Versprechen der schönen neuen Klickwelt nicht von einer irrationalen Verweigerungshaltung, sondern von gesundem Menschenverstand. Denn die gegebenen Kräfteverhältnisse sind nicht so, dass man als Linke jede neue App als einen weiteren Schritt in Richtung Sozialismus 4.0 feiern sollte. Ein Blick in die Start-Up-Szene, wo das Wort Betriebsrat allein Kündigungsgrund ist, sollte als Begründung genügen. Stattdessen steigt wohl bei dem einen oder anderen Vertreter des digitalen Prekariats die Lust darauf, das Smartphone aus dem Fenster zu werfen.

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