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Mauritius’ Farben

Drei Kolonialmächte veränderten die Insel, geblieben sind Monokultur und Genüssliches.

Sollte ich Mauritius Farben zuordnen - es wären rot und braun, und zwar in allen möglichen Schattierungen. Einspruch!, werden jetzt viele rufen: Die Insel ist blau wie das Meer, grün wie das tropische Paradies und gelb wie die Sonne! Zugegeben, so kann man sie auch sehen, aber nicht, wenn man - statt sich am Strand zu aalen - sich auf den Weg macht, die besten Hinterlassenschaften der einstigen Kolonialmächte zu erkunden: Rum, Tee, Kaffee und eine der aromatischsten Vanillesorten der Welt.

An Anfang von all dem allerdings steht ein dunkles, nicht wieder gutzumachendes Kapitel in der Geschichte der von Touristikern gern gepriesenen »Perle im Indischen Ozean«: eine jahrhundertelange blindwütige wie radikale Umweltzerstörung aus Dummheit und Berechnung durch die holländischen, französischen und englischen Kolonialherren. Die Insel, die sie im Indischen Ozean vorfanden, sah ganz anders aus als heute. Sie war ein einziger dichter, unbewohnter tropischer Regenwald, in dem Harthölzer von ganz besonderer Qualität wuchsen. Die Eroberer ließen durch Sklaven, die sie in großer Zahl auf die Insel holten, die Wälder abholzen und verschifften die Stämme nach Europa, aus denen kostbare Möbel, Instrumente und Schiffe gebaut wurden. Der »Rubel« rollte und steigerte die Gier nach mehr. Hinzu kam eine völlige Fehleinschätzung von holländischen Gutachtern, die an das Königshaus schrieben: »Das Holz ist in den Wäldern von Mauritius so reich vorhanden, dass es nicht zu erschöpfen ist, selbst wenn 2000 Menschen ununterbrochen 200 Jahre lang darin arbeiten würden.«

Bis auf wenige Exemplare fielen die Ebenholzbäume der Axt zum Opfer. Nur noch im 1994 gegründeten, knapp 68 Quadratkilometer großen Black River Gorges National Park im Südwesten der Insel kann man die Urwaldriesen bewundern. Mit den Bäumen verschwanden auch die meisten einheimischen Pflanzen und Tiere, wie das Wappentier von Mauritius, der flugunfähige Dodo. Fast alles, was heute auf Mauritius wächst, kreucht und fleucht, wurde durch die Kolonialmächte aus Indien, Indonesien, Madagaskar und verschiedenen afrikanischen Ländern eingeführt.

Vor allem eine Pflanze beherrscht die fruchtbare Insel vulkanischem Ursprungs: Zuckerrohr. Bereits 1639 brachten die Holländer Setzlinge mit und errichteten erste Raffinerien, hauptsächlich, um hochprozentigen Arrak herzustellen, der an die Besatzungen vorbeifahrender Schiffe verkauft wurde. Doch erst die Franzosen legten riesige Zuckerrohrplantagen an. Heute wächst die Pflanze auf 80 Prozent aller landwirtschaftlichen Flächen, rund eine halbe Million Tonnen Zucker werden pro Jahr produziert. Das meiste für den Export, auch nach Deutschland.

Die bei der Herstellung von Zucker übrig bleibende Melasse wird zu Rum verarbeitet. Zwei der sechs Rumfabriken stellen sogenannten Rum Agricole her, bei dem ausschließlich frisch gepresster Zuckerrohrsaft als Grundstoff eingesetzt wird. Wie in Chamarel, einem früheren Sklavendorf mit heute 700 Einwohnern im Südwesten der Insel. Rund 100 000 Liter Rum werden hier jährlich zwischen Juni und Dezember produziert. Besucher können das Schritt für Schritt miterleben und ihn natürlich auch verkosten. Am frühen Morgen wird das Zuckerrohr auf den eigenen Plantagen geschnitten, umgehend zerkleinert, der Saft herausgepresst und mit verschiedenen Hefen vergoren. In großen Kupferkesseln wird der sogenannte Zuckerwein je nach Sorte einfach oder doppelt gebrannt, bevor er sechs Monate in Edelstahltanks reift. Ein Teil wird später - auf 38 Prozent verdünnt - als Weißer Rum in Flaschen abgefüllt, der Rest lagert zwischen 18 Monaten und acht Jahren in Eichenfässern, bevor der rotbraune hochprozentige, wunderbar weiche und duftende Rum auf die Reise in alle Welt geht.

Auch bei unserer nächsten Station beginnt alles grün und endet bei sattem Rotbraun. Wir besuchen die Teeplantage und -fabrik Bos-Cherie, die mit 259 Hektar Anbaufläche die größte von drei Fabriken. Seit der englischen Kolonialzeit wird die Pflanze auf Mauritius erfolgreich kultiviert. So erfolgreich, dass rund 30 Prozent exportiert werden können - vor allem nach Frankreich, Australien, Japan und sogar China. Der Teefabrik, die zu Besichtigungen einlädt, ist ein kleines Museum angeschlossen. Museumsreif ist auch ein Teil der Maschinen in der Fabrik, wie eine deutsche Verpackungsanlage aus den 1950er Jahren, die nach wie vor zuverlässig funktioniert. Im Eintrittspreis für das Museum ist eine Teeverkostung im angeschlossenen Restaurant auf einem Hügel mitten in einer Teeplantage enthalten, von wo aus man einen fantastischen Blick auf den Indischen Ozean hat.

Der fehlt zwar im Landhaus Le St. Aubin, dafür kann man sich hier beim Tee auf der Loggia fühlen, als wäre man zu Gast bei Karen Blixen in ihrem Haus »Jenseits von Afrika«. Erbaut wurde das typische Kolonialhaus 1819 für den Plantagenbesitzer, der seinen Reichtum der Ausbeutung von Sklaven in den Zuckerrohrfeldern verdankte. Heute ist das Gebäude ein beliebtes Restaurant, in dem man feinste kreolische Gerichte serviert bekommt.

Eine absolute Rarität, die die Franzosen 1827 nach Mauritius brachten, wächst in einem Gewächshaus gleich nebenan: Vanille. Kaum vorstellbar, dass die langen, grünen, geruchlosen Bohnen an den Pflanzen sich in den nächsten zehn Monaten in jene extrem duftenden, aromatischen, dunkelbraunen Schoten verwandeln, die hierzulande vor allem Süßigkeiten den besonderen Kick verpassen, auf Mauritius aber auch herzhafte Speisen würzen. Jede Blüte wird von Hand befruchtet, neun Monate später sind die Früchte reif, die nach der Ernte erst gebrüht, dann in der Sonne, später im Schatten getrocknet werden, um anschließend in einer verschlossenen Box acht Monate lang zu reifen. Was am Ende herauskommt, ist das (nach Safran) zweitteuerste Gewürz der Welt. Rund 450 Euro kostet das Kilo dieser besonders aromatischen Vanillesorte.

Glänzend, dunkelbraun und überaus aromatisch ist auch der Kaffee von der Plantage »Le Café de Chamarel«, die ausnahmsweise mal nicht auf koloniales Erbe zurückgeht. Sie gibt es erst seit 1967, erzählt Produktionschef Denis Mootegoo. 45 Tonnen der Sorte Arabica ernten die Mitarbeiter jährlich von den etwa 16 Hektar. Alles ist hier reine Handarbeit - von der Ernte bis zum Verpacken. Obwohl der kräftige, würzige Kaffee nicht gerade ein Schnäppchen ist, reicht er gerade mal für den Bedarf einiger Hotels, Restaurants und touristischer Shops. Am besten trinkt man ihn aber ohnehin frisch geröstet und gebrüht in der kleinen Manufaktur inmitten der Plantage.

Jetzt wissen Sie, warum für mich Mauritius’ Farben rot und braun in allen Schattierungen sind. Braucht’s dennoch einen Beweis mehr, dann empfehle ich einen Besuch der »siebenfarbigen Erde«, eines Naturphänomens nahe des Nationalparks. Mehr Schattierungen von rot bis braun kann man sich wahrlich nicht vorstellen. Am besten entfalten sich die Farben im späten Nachmittagslicht, kurz bevor die Sonne (glutrot) untergeht.

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