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Wer braucht eine Rheinbrücke?

Die FDP in Rheinland-Pfalz will einen Bau, Hessens Verkehrsminister sieht keine Vorteile

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

Wer von Wiesbaden auf der Bundesstraße 42 rheinabwärts durch den hessischen Rheingau fährt, passiert kurz vor Rüdesheim einen wuchtigen Bahndamm und Überreste einer Rheinbrücke, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Rheingau mit Bingen und dem rheinhessischen Hügelland verband. Die alte, nach dem Kriegsführer und späteren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg genannte Rheinbrücke war 1915 für den Eisenbahnverkehr in Betrieb genommen worden. Damals spielten vor allem militärische Aspekte eine Rolle. Im 2. Weltkrieg wurde das Bauwerk durch Fliegerangriffe zerstört und nie wieder errichtet. Die Überreste sind inzwischen Teil der UNESCO-Welterbes Oberes Mittelrheintal.

Jetzt sammelt im rheinland-pfälzischen Landkreis Mainz-Bingen eine Bürgerinitiative Unterschriften mit dem Ziel, eine Machbarkeitsstudie für eine feste Rheinquerung in der Region in Auftrag zu geben. Wie sinnvoll wäre eine solches Projekt?

Da im touristisch geprägten Mittelrheintal zwischen Mainz und Koblenz auf gut 84 km Länge keine feste Rheinquerung vorhanden ist, hatte es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Vorstöße für einen Brückenbau gegeben. Zu den Unterstützern gehörten von Anfang an die FDP und ihr Umfeld, während Grüne und Naturschützer die Pläne ablehnten. So ist es kein Zufall, dass die Brückenbefürworter jetzt wieder Auftrieb verspüren. Schließlich ist die FDP im vergangenen März nach fünfjähriger Abstinenz wieder in den rheinland-pfälzischen Landtag zurückgekehrt. Sie stellt mit ihrem Landeschef Volker Wissing den Wirtschafts- und Verkehrsminister, während die Grünen zum kleinsten Partner im Mainzer Ampelbündnis abgestuft wurden.

Die Mainzer Koalition möchte auch das in den letzten fünf Jahren auf Eis gelegte Projekt einer Brücke unweit des weltberühmten Loreleyfelsens bei St. Goar/St. Goarshausen wieder vorantreiben. Die regionale FDP scheint ein Jahr vor der Bundestagswahl ihr Kampagnenthema entdeckt zu haben.

Mit dem Bürgerbegehren wollen die Initiatoren einen Beschluss des Kreistags Mainz-Bingen aufheben, der sich gegen eine Machbarkeitsstudie ausgesprochen hatte. Sie lassen dabei bewusst offen, wo der Standort der Brücke liegen und wie sie an das Straßennetz angeschlossen werden soll. Um einen Bürgerentscheid zu erzwingen, braucht die Initiative rund 8000 Unterschriften. Während der Mainzer Minister Wissing das Begehren wohlwollend unterstützt, sieht Hessens Wirtschafts- und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir das Projekt kritisch. Eine Brücke bringe für die hessische Seite keine Vorteile, dafür aber zusätzlichen Verkehr auf der chronisch überlasteten B 42.

Kritisch äußerte sich die Naturschutzorganisation BUND. »Wir sehen keinen Bedarf für eine neue Brücke. Naturschutzbelange und Landschaftsschutz haben Vorrang«, so Michael Carl vom Landesverband Rheinland-Pfalz. Die Inseln zwischen Mainz/Wiesbaden und Bingen/Rüdesheim seien als EU-Vogelschutzgebiet ausgewiesen und stellten eine wichtige Zugroute dar, so Carl.

Ein Brückenbau bei Bingen und Rüdesheim könne zudem den Welterbetitel gefährden, so Kornelia Klimmek vom BUND-Kreisverband Rheingau-Taunus. »Die Aberkennung des Welterbetitels für die Kulturlandschaft Dresdener Elbtal nach dem Bau der Waldschlösschenbrücke sollte für uns alle Warnung genug sein«, gibt sie zu bedenken. Als Alternative zu teuren Brücken mit einer langen Vorlaufzeit haben BUND und Linkspartei eine Ausweitung der bestehenden Fährverbindungen als Teil der öffentlichen Nahverkehrsangebots ins Gespräch gebracht.

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