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Das Heilige ist der Schein des Heilen

Von Mutter Teresa bis Bodo Ramelow: Die Sehnsucht nach dem Guten und die Hoffnung auf das Beste

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Die einfachsten Antworten sind oft die überzeugendsten. Starez Sossima in Fjodor Dostojewskis Roman »Die Brüder Karamasow« ist, wie er bekennt, »krank und weiß, dass meine Tage gezählt sind«. Auf den Einwand, er sehe doch »so gesund aus, so heiter und glücklich«, erwidert der Mönch: »Die Menschen sind zum Glücklichsein geschaffen, und wer ganz glücklich ist, der darf sagen: Ich habe Gottes Gebot erfüllt. Alle Gerechten, alle Heiligen, alle heiligen Märtyrer waren glücklich.«

Vielleicht ist es die trügerische Vorstellung vom Glücklichsein der Heiligen, die dieser eigentlich unzeitgemäßen Spezies noch immer ihr Faszinosum entströmen lässt. Nicht nur für gläubige Christen.

Eine, der an diesem Sonntag die Erfüllung von »Gottes Gebot« gar durch dessen Stellvertreter höchstselbst posthum bescheinigt wird, ist Mutter Teresa (1910-1997). Bei der Heiligsprechung der katholischen Ordensschwester und Missionarin durch Papst Franziskus auf dem Petersplatz in Rom werden Hunderttausende vor Ort und Hunderte Millionen weltweit vor Fernsehern, Tablets, Smartphones und sonstiger säkularer Technik das sakrale Prozedere verfolgen. Die durchaus umstrittene Friedensnobelpreisträgerin reiht sich ein in das Heer der Hekatomben von der römisch-katholischen Kirche generierten Heiligen, deren Menge selbst der Vatikan nicht exakt beziffern kann.

Dass ausgerechnet in der Zeit der Jahrtausendwende die Heiligen-Zahl explosionsartig anstieg, ist Papst Johannes Paul II. zuzuschreiben. Während seines Pontifikats 1978 bis 2005 sprach der Pole Karol Wojtyla 482 Verstorbene heilig (Seligsprechungen: 1338). Das sind fast 200 mehr als in den 300 Jahren davor insgesamt. Man kann diese pontifikale Massenrekrutierung für das »Heerlager der Heiligen«, wie es im Buch der Offenbarung heißt, auch als Akt der Resistenz betrachten. Der Resistenz, um das Abendland, »die sich selbst säkularisierende Gesellschaft« (Ernst Nolte), vor dem Niedergang des Numinosen zu retten.

Natürlich war und ist Mutter Teresa keine Heilige. Von Kritikern werden ihr Fehler und Verfehlungen in Verhalten, Handeln und Behandeln vorgeworfen. Auch war sie selbst immer wieder von Zweifeln - weltlichen wie religiösen - angefochten, die sie oft an den Rand des Verzweifelns brachten, wie ihre Tagebuchnotizen und Briefe bezeugen. Kaum »zum Glücklichsein geschaffen« im Sinne von Dostojewskis Starez Sossima. Wie denn auch? In den Jahrzehnten, die sie auf dem Subkontinent, in den Slums von Kalkutta, als Helfende zubrachte, unter den Elenden, Armen, Kranken, Verstoßenen und Vergessenen, lebte sie in einer durch und durch UN-heilen Welt.

Der österreichische Priester Leo Maasburg, langjähriger Reisebegleiter Teresas, zitiert in seinen einfühlenden, erfrischend unpathetischen Skizzen* über die Nonne eine ihrer seltenen Aussagen in eigener Sache: »Von Geburt her bin ich Albanerin, heute bin ich indische Staatsbürgerin. Ich bin auch eine katholische Ordensfrau. Was meine Arbeit betrifft, gehöre ich der ganzen Welt, aber in meinem Herzen gehöre ich nur Christus.« Diese zwingende Zuversicht war letztlich ihr kraftgebender Antrieb: Gott war bei ihr und was sie anfasste, das ließ auch Gott nicht mehr los. Das füllte ihre Welt aus. Über eine andere reflektierte sie nicht.

Eine andere Welt ist möglich? Eine heile gar? Das Heile ist das Vollkommene, ist das Ganze und Perfekte. Ihm entströmt das Heil: jenes end- und grenzenlose Helle und Gute, dessen Fülle über alles Leben, über alle Zeiten und Räume fließt. Ergo: Das Heile ist überflüssig. Deshalb gibt es nur sein Surrogat: das Heilige. Das Heilige ist der Schein des Heilen, der nicht selten mit diesem verwechselt wird und zu Schrecklichem werden kann. Der »Heilige Krieg« islamistischer Horden, die derzeit in Mittel- und Nahost Menschen und Kultur vernichten, liefert nur das aktuellste Zeugnis des Unberechenbaren von Ideen und Ideologien, die sich dem Heiligen verschrieben haben. Denn das Heilige ist nicht von Konsistenz, sondern von Kontingenz geprägt. Sein Wesen, seine Inhalte, seine Strukturen ergeben sich aus dem Wollen und der Willkür der Begriffsetzenden und deren Interpreten. Dennoch und gerade deshalb: Das Heilige ist Hoffnung, Hoffnung auf Höchstes und somit höchste Hoffnung. »Halte heilig deine höchste Hoffnung!«, schrieb Friedrich Nietzsche im »Zarathustra«.

Mircea Eliade (1907-1986), der bedeutendste Religionshistoriker des 20. Jahrhunderts, wollte »das Phänomen des Heiligen in seiner ganzen Vielfalt zeigen«, »in seiner Totalität«. Seine bestimmende Eingrenzung fasste er daher bewusst weit: »Die erste Definition des Heiligen ist, dass es den Gegensatz zum Profanen bildet.« So Eliade in seiner zentralen Schrift »Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen«, die der rumänische Kulturphilosoph und Dichter 1957 eigens für die Taschenbuchreihe »rowohlts deutsche enzyklopädie« verfasste.

Die ebenso zeit- wie heillose Profanisierung des Heiligen macht dessen Ein- und Zuordnung nicht einfacher. Ob »Heiliger Krieg«, »Heilige Heimat«, »Heilige Allianz« - zwischen religiösem Pathos und politischer Propaganda sind die Grenzen stetig im Fluss. Von solch oszillierender Praxis war auch die Heiligsprechungsindustrie der römischen Kirche nie frei. Ein Beispiel aus jüngster Vergangenheit ist die gemeinsame »Erhebung zur Ehre der Altäre« der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. im Frühjahr 2014. Mit dieser raffiniert kombinierten Kanonisierung gelang es Papst Franziskus, das Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils (wofür Johannes XXIII. steht) als versöhnt und vereint darzustellen mit dem konservativ-restaurativen Radikalismus Wojtylas.

Im Falle der diesen Sonntag anstehenden Heiligsprechung dürften derlei weltlich-politische Intentionen eher zurückstehen. Schließlich ist Mutter Teresa paradigmatisch für den von Franziskus demonstrativ und plakativ verfolgten Kurs der Nächstenliebe, der Solidarität mit den Benachteiligten und Bedrückten. Es ist einer der Licht- und Höhepunkte im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, das der Argentinier Jorge Mario Bergoglio für 2016 ausgerufen hat. Anjezë Gonxha Bojaxhiu, wie die jetzt zu Ehrende mit bürgerlichem Namen hieß, ist mit ihrer Biografie nach wie vor Menschen in aller Welt Vorbild und Beispiel. Das konzedierte sogar der Leiter einer kanadischen Studie, die sich vor drei Jahren sehr kritisch sowohl mit dem Wirken Mutter Teresas als auch mit der einseitig-verherrlichenden Sicht des Vatikans auf dieses befasste. Serge Larivée, Professor für Psychologie an der Universität von Montréal, schrieb resümierend: »Sie hat mit ihrer Arbeit und ihrem Werk viele Leute inspiriert. Und sie hat auch viel getan im Kampf gegen die Armut.« Allerdings: »Eine Heilige ist sie dadurch nicht geworden.«

Letztere Bemerkung wirkt denn doch etwas naiv für einen gestandenen Wissenschaftler. Niemand »wird« heilig. Man wird dazu erklärt. Es ist sozusagen die höchste Ehrung, die die Una Sancta zu vergeben hat. Das ist die säkulare Sicht. Die sakrale sieht sicher anders aus, je nach Umfang und Tiefe des Glaubens. Der Theologe Erasmus von Rotterdam (†1536) hob einen Aspekt hervor, der - bewusst oder unbewusst - zweifellos bis heute wirkhaft ist: »Du verehrst die Heiligen, du freust dich, ihre Reliquien zu berühren. Doch du verachtest das Beste, was sie überliefert haben: das Beispiel des reinen Lebens.«

Die Sehnsucht nach dem »reinen« Leben, nach dem Heilen und dem Heilenden in einer zunehmend heillosen Welt-Zeit projiziert sich in den Wünschen und Visionen für eine »bessere« Welt und ist wesentlich Inspiration und Intention helfender, altruistischer, gemeinnütziger Aktivitäten. Die mit Beginn der Großen Wanderung vor einem Jahr sich über Deutschland ausbreitende Welle der Willkommenskultur war davon maßgeblich getragen. Ebenso die damals verbreitete, oft quasireligiös anmutende Verklärung der Flüchtlinge als das genuin Gute, an dessen Teilhabe auch das Eigene gut und besser wird. (Die pseudosakrale Spiegelung waren die auf den Straßen des Balkans wie Heiligenbilder bei einer Prozession präsentierten Merkel-Poster.)

Christliche Sozialisation mag daran, auch bei »Ungläubigen«, ihren Anteil gehabt haben. Exemplarisch dafür war der Ausspruch des Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (LINKE), eines bekennenden Protestanten, beim Eintreffen des ersten Zuges mit Flüchtlingen in dem ostdeutschen Bundesland: »Das ist der schönste Tag meines Lebens.«

Was die Frage aufwirft, wieso in anderen - ebenso stark oder weit stärker - christlich geprägten Ländern die Ablehnungsfront gegen die aktuelle Immigration derart unerschütterlich ist: Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn ... Die Erbsünde, die Schuld von Geburt an, die außer der christlichen keine andere Religion kennt, haben schließlich alle zu tragen und abzutragen. Aber diese vom Kirchenvater Augustinus (354-430) erfundene Lebenslast wird wohl nur von Hardcore-Katholiken ins Kalkül gezogen. Die rastlose Suche nach Schuld indes ist in der Tat bei den Deutschen in weit höherem Maß evident. Nach fremder, aber vor allem eigener Schuld, nach faktischer und fiktiver, vergangener und voraussichtlicher. Historisch-psychologische Gründe dürften dabei ebenso eine Rolle spielen wie der ins Politische gewendete protestantische Schuldkomplex, der als misantropisch-ideologisches Erbe Luthers im Heimat- und Wirkungsland des Reformators bis heute präsent ist.

Schuld und Heil, Heiliges und Profanes, Sakrales und Säkulares durchwalten, durchwesen, durchtreiben unser Leben und Leisten. Das Spektakel in Rom erinnert uns daran.

*Leo Maasburg: Mutter Teresa. Die wunderbaren Geschichten. Knaur Taschenbuch. 287 S., br., 12,99 €.

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