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Mäuse für die Tonne

Gegen ein Thüringer Institut wird wegen Fehlern bei Tierversuchen ermittelt - Tierschützer kritisieren Regulierung

  • Von Andreas Hummel, Jena
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Mäuse am Leibniz-Institut für Alternsforschung bekommen derzeit nur selten Besuch von den dortigen Wissenschaftlern. »Die Tiere werden noch gehalten und auch wieder unter strengen Kontrollen gezüchtet«, erklärt der wissenschaftliche Direktor, Karl Lenhard Rudolph. »Es laufen im Moment aber keine Experimente.« Der Großteil der Tierversuche wurde im Mai gestoppt - der Grund: Bei Versuchsreihen soll gegen den Tierschutz verstoßen worden sein.

Das Jenaer Institut hat Konsequenzen gezogen, doch der Fall, zu dem die Staatsanwaltschaft Gera ermittelt, wirft Fragen auf. Reicht das bisherige Genehmigungsverfahren aus oder braucht es zusätzliche Prüfinstanzen? Und wie effizient sind die Kontrollen vor Ort? Das Institut steht in Verdacht, mehr Mäuse gezüchtet zu haben als für die Experimente benötigt wurden. Zudem sollen Versuche gelaufen sein, ohne dass dafür eine ausreichende Genehmigung vorlag. Ob tatsächlich zu viele Versuchstiere gezüchtet wurden, müsse noch genau geklärt werden, betont Rudolph. Mit einer neuen Software etwa will das Institut für einen besseren Überblick über die Zahl der Versuchstiere sorgen. Außerdem wurden zwei Tierärzte neu eingestellt. Sie haben den Angaben zufolge unabhängig voneinander die Leitung des Tierhauses sowie den Posten des Tierschutzbeauftragten übernommen.

Letztere Aufgabe war vom Leiter des Instituts für Versuchstierkunde am Jenaer Universitätsklinikum wahrgenommen worden, der zugleich der Tierschutzkommission vorstand. Dieses Gremium berät das Landesamt für Verbraucherschutz bei der Genehmigung von Anträgen zu Tierversuchen.

Von einem »Systemfehler« und »menschlichem Versagen«, spricht Rudolph. Dies habe weitere Fehler an seinem Institut nach sich gezogen. »Dadurch, dass die Funktion des Tierschutzbeauftragen extern besetzt war, war die Kontrolle und Beratung der Wissenschaftler bei den Studien nicht ausreichend«, räumt er ein. Die Konstellation sei von den Behörden zuvor allerdings nicht beanstandet worden. Abhilfe will das Institut nun auch mit einem Weiterbildungsprogramm für seine Mitarbeiter in Sachen Tierschutz schaffen und lässt sich zudem von einer externen Expertenkommission in solchen Fragen beraten.

Tierversuche werden auch an anderen Forschungseinrichtungen gemacht - etwa am Universitätsklinikum in Jena. Dort wird an Mäusen, Ratten und Schafen geforscht - voriges Jahr waren es rund 16 500 Tiere. Zwar gab es im Mai auch Durchsuchungen am klinikeigenen Institut für Versuchstierkunde, doch beträfen die allein die Vorwürfe an Rudolphs Leibniz-Institut, betont eine Sprecherin.

Laut Gesundheitsministerium wird die Haltung und der Einsatz der Versuchstiere von den Behörden nur stichprobenweise kontrolliert. Verantwortlich für die Einhaltung der Vorgaben sei der Forscher, der die Versuche durchführt, und der Tierschutzbeauftragte des jeweiligen Instituts. »Nein, zusätzliche Kontrollinstanzen sind nicht notwendig«, erklärt das von der LINKEN geführte Ministerium auf Anfrage. Auch Änderungen am Tierschutzgesetz und der Verordnung zu Tierversuchen werden nicht als notwendig angesehen. Allerdings sollen die Erkenntnisse aus den Vorfällen bei den Jenaer Alternsforschern in künftige Prüfungen und Kontrollen einfließen, heißt es.

Sehr unzufrieden mit der aktuellen Situation ist der Vorsitzende des Landestierschutzverbandes, Gerd Fischer. Er gehörte einst selbst der Tierschutzkommission an, hält ihre Arbeit inzwischen aber für eine »Scheinprüfung«. Per Gericht könnten sich Wissenschaftler einfach über die Expertise des Gremiums hinwegsetzen, kritisiert er. »Der Tierschutz wird gegenüber den Interessen der Wissenschaft außerordentlich nachrangig behandelt.« Das zeige sich auch darin, dass die Kommission nicht paritätisch besetzt sei. Vertreter des Tierschutzes haben darin zwei, die der Wissenschaft drei Sitze.

Alternsforscher Rudolph hält sich mit Verbesserungsvorschlägen zurück: »Wir sind nicht in der Position, anderen Ratschläge zu erteilen.« Er setze aber auf Transparenz und hoffe, mit dem Neustart und anderen Maßnahmen zu einem »Vorzeigeinstitut« in Sachen Tierschutz zu werden. Rudolph hofft, ab Herbst die 25 gestoppten Versuchsreihen mit Mäusen wieder Stück für Stück aufnehmen zu können. Die zuvor durchgeführten Tierversuche seien nicht umsonst gewesen und hätten das Verständnis vom Altern verbessert, versichert er. »Alle bis dahin erreichten Forschungsergebnisse sind verwertbar.« dpa/nd

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