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Die Stadt der Träume besetzen

Zum Auftakt des »internationalen literaturfestivals berlin« sprach der argentinische Schriftsteller César Aira

  • Von Natalya Arensberg
  • Lesedauer: 5 Min.

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Die Sonne scheint, der Sommer wiegt den Herbst auf, und die Künstlerinnen und Künstler des Wortes finden sich ein. September, Monat des »internationalen literaturfestivals berlin« (ilb) - seit 2000 jährlich, und nunmehr also in der sechzehnten Auflage. Ein paar Stammgäste sind zu erwarten: Liao Yiwu, Ahmed Rashid, Wolfgang Kaleck, Priya Basil und einige mehr. Das seit Jahren erfolgreich von Christoph Rieger geleitete Kinder- und Jugendprogramm ist ebenso wieder am Start, wie die »Poetry Night«, der »Graphic Novel Day« und das europäische Förderprogramm »Scritture Giovani«. Und natürlich die traditionellen Reihen »Literaturen der Welt«, »Erinnerung sprich« und »Reflections«.

Insgesamt wartet das Festival diesmal mit 190 Autorinnen und Autoren aus 54 Ländern auf und bietet 365 Veranstaltungen, so viele wie das Jahr Tage hat. Gelesen und debattiert wird an bereits vertrauten Orten - Haus der Berliner Festspiele, Literaturhaus Fasanenstraße - und an neuen Locations. Erstmals dabei ist auch der Heimathafen Neukölln mit diversen spannenden Events, beispielsweise an diesem Freitag um 19 Uhr mit einer von Bettina von Arnim moderierten Debatte der »Revoltierenden Frauen« Deborah Feldman, Petina Gappah und Taslima Nasrin.

Damit ist bereits einer dieser schönen Aspekte des Berliner Lesefestivals im Fokus: der weite Blick, der eben nicht nur auf »den Dichter und sein Wort« gelenkt wird, sondern jedes Detail der Literaturvermittlung streifen soll. Er richtet sich auf literarische Genres, Autoren, Theoretiker, Essayisten, Poeten, Präsentatoren, Übersetzer, Dolmetscher, Verlage, Lektoren - der Kunst des Lektorierens ist in der neuen Festivalausgabe eine eigene Programmreihe gewidmet - bildende Künstler, Fotografen und andere mehr.

Vielfalt war von Anfang an ein auszeichnendes Merkmal des von Festivaldirektor Ulrich Schreiber zur Milleniumswende ins Leben gerufenen und von ihm bis heute kuratierten »internationalsten aller internationalen Literaturfestivals«, wie der Gründer dieser mittlerweile durchaus als Institution zu bezeichnenden zehntägigen Veranstaltung anlässlich der Eröffnung am Mittwoch selbstbewusst betonte. Im Gegensatz zu den Gästen bei anderen renommierten literarischen Großereignissen kommt die Mehrheit der nach Berlin eingeladenen Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus dem Ausland. Das ilb setzt konsequenterweise auf die Internationalisierung des Berliner Publikums und bietet immer mehr Veranstaltungen auf Englisch an.

Politisch sein im besten Sinn - bewusstmachend, aufrüttelnd, anregend bis agitierend; das wollten die Berliner Festivalmacher seit dem ersten Tag. Herausragende Beispiele dafür im diesjährigen Programmbouquet sind David van Reybrouck, der ein weiteres Mal gegen Wahlen und für das Los als demokratisches Prinzip streitet; Gespräche über Krieg und Flucht im Rahmen des Projekts »Refugees worldwide« der Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik; die jungfeministische Ikone Laurie Penny; sowie Luke Harding, der sich mit dem Mord an Alexander Litwinenko und den Panama Papers befasst. Der Islamismus wird Thema einer eigenen Programmsektion sein. Im Cluster »Science and the Humanities« wird es mit Peter Bofinger, David Graeber und Michael Hudson um die Ungleichheit im 21. Jahrhundert gehen. Diskutiert wird mit dem gmp-Architekten des Berliner Flughafendebakels BER Hubert Nienhoff über »Die Marke Deutschland«. Und als ein Highlight zum Abschluss des Festivals steht der von Arno Widmann moderierte Dialog von Yanis Varoufakis und Joseph Vogl auf der Agenda, der sicher nicht nur das kürzlich erschienene Buch des kurzzeitigen griechischen Finanzministers »Das Euro-Paradoxon« zum Thema hat.

Die gelungene Einführung in zahlreiche Tage, Abende und Nächte des Lesens, Redens und Kontemplierens bot zum Auftakt am Mittwoch der renommierte argentinische Vielschreiber César Aira. In interessantem Gegenlicht zum oben beschriebenen eminent politischen Charakter des »internationalen literaturfestivals berlin« konzentrierte sich Aira in seiner Rede auf das Einfache und rein Literarische, das so einfach und rein letztlich nicht ist. Ausgehend von der Annahme, den Kindern werde heute zu viel erklärt und man halte sie nicht mehr zum unproduktiven Träumen an, wirbt er für das Recht auf Geheimnisse.

»Inmitten von Jungen, die verzweifelt Gewissheiten suchten, suchte ich Geheimnisse, die ihre Aufklärung schuldig blieben, war ein Connaisseur des Unbekannten«, erinnert er seine eigene Kindheit. So kam er zu den Büchern und zu seiner Lieblingsbeschäftigung noch heute: der Lektüre. Bücher bieten ihm, und uns, Antworten auf Fragen, die man gleichwohl so manches Mal lieber unbeantwortet lassen würde. Vielleicht aber sind wir auch »doppelte Leser, Doppelwesen«, stellte Aira im ausverkauften Haus der Festspiele in den Raum. Denn in der Lektüre dissoziieren wir Welten. Und natürlich ist Lektüre immer auch (Lebens-)Hilfe.

Aira zitiert Fontenelle: »Es gibt keinen Kummer, der einer einzigen Stunde der Lektüre standhielte.« Er ist überzeugt, das schließe die hedonistische Lektüre, das Lesen aus Lust am Lesen, ein. Es mag sein, so konzediert er, dass jemand keine Lust mehr auf Shakespeare, Kafka oder Henry James hat und zum Liebhaber von Krimis mutiert. Dabei sei gerade der Krimi der ultimative Abschied vom Doppel- beziehungsweise Wiederlesen. Ja, Aira geht sogar so weit, seine Leser aufzufordern, sich ihres bildungsbürgerlichen Dünkels zu entledigen und von Lektüren nicht mehr als Vergnügen zu erwarten: »In einer Welt, in der alles eine Funktion erfüllen muss, weiß die sich der eigenen Nutzlosigkeit bewusste Literatur, dass ihre einzige Überlebenschance darin besteht, Vergnügen und Bewunderung zu provozieren.«

Deshalb machen alle, die sich der Literatur widmen, ihre Arbeit gut, schlussfolgert der kreative Geist aus Südamerika. Die schlechten, so es sie gibt, sehe man nicht. Doch die Schwemme an guter Literatur verleide uns wiederum die Lust am Lesen und mache uns mutlos, warnt er. Dennoch quälen sich die Autoren, sagt Aira, und schreiben gut, obwohl das die Arbeit der Kritiker erschwere und vom Leser nie goutiert werde und werden sollte. Ist das nicht masochistisch? Vielleicht, so der Autor in seiner augenzwinkernd als »kurze Rede« (von vierzig Minuten) angekündigten Festivaleröffnung. In jedem Fall gelte es, uns unserer Verantwortung der Gesellschaft und der Zeit gegenüber zu stellen, ergänzt er.

Hören wir also Zeugnisse, Erfahrungen, Kritiken, und folgen wir Airas Einladung: »Nach langer Belagerung die Stadt der Träume besetzen.« Das »internationale literaturfestival berlin« bietet dafür noch bis zum 17. September wieder eine exzellente Gelegenheit.

Mehr zum Programm (und Tickets) unter www.literaturfestival.com

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