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Wetterkunde

Tag 6 an Bord des Rettungsschiffs: Die Angst vor einer großen Welle

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 3 Min.

Als Kind habe ich nie auf das Wetter geachtet. Zum Ärger meiner Eltern habe ich mich je nach Jahreszeit stets unpassend gekleidet. Ob Regen, Schnee oder Sonne, Hauptsache es war gemütlich oder hat mir gefallen. Hier auf dem Schiff bekommt das Wetter jedoch eine ganz andere Bedeutung. Windrichtung, Windstärke, Wellenhöhe und Temperatur entscheiden darüber, ob die Schleuser die Schlauchboote starten lassen oder noch warten. Das Wissen über die Meteorologie wird zu einer essentiellen Gabe, junge Freiwillige sitzen am Morgen brütend über den Ausdrucken von israelischen Wetterstationen und debattieren die Ergebnisse. Jeden Tag können sich diese Faktoren aber ändern, die »MS Aquarius« startet trotz der Vorhersagen ins Ungewisse.

Wir erleben nun den dritten Tag ohne eine Rettung. In der Crew macht sich eine gewisse Unruhe breit. Das Wetter bleibt schlecht, der Wind weht in Richtung der libyschen Küste. Ein Vorankommen der Flüchtlingsboote wäre extrem erschwert, das unruhige Wasser würde ein Kentern wahrscheinlich machen. »Macht euch auf eine große Welle gefasst«, sagt »Ärzte ohne Grenzen«-Chef Ferry bei der Frühsitzung. Sobald das Wetter aufklart, werden wahrscheinlich zahlreiche Schlauchboote zur selben Zeit starten. Die Schleuser werden schon allein aus finanziellen Gründen das Zeitfenster nutzen wollen, das sich ihnen bietet. Parallel startende Boote sind eine immense Herausforderung für Rettungsorganisationen. Im östlichen Gebiet über Libyen ist die »MS Aquarius« derzeit das einzige aktive zivile Schiff.

Zur Vorbereitung auf einen möglichen schwierigen Einsatz studiert die Crew das Video einer vergangenen Rettungsmission. Am selben Tag, als die »MS Aquarius« 142 Menschen an Bord holte, gab es nicht weit entfernt einen weiteren Einsatz der in Malta ansässigen Organisation »MOAS«. Dramatische Szenen spielten sich im Wasser ab, ein Reporter von »Sky News« dokumentierte die Lage: Gleich drei Schlauchboote waren aufgekreuzt und mussten gerettet werden. Als sich das Erkundungsboot von »MOAS« dem ersten näherte, brach auf einmal Panik unter den zusammengepferchten Flüchtlingen aus. Mehrere sprangen ins Wasser und versuchten das Rettungsschiff durch schwimmen zu erreichen. Viele von ihnen konnten aber nicht schwimmen. Es war dunkel, das Schlauchboot begann zu kippen und das Benzin des kaputten Motors lief ins Wasser. Der Brennstoff in Kombination mit dem Salzwasser ergab eine regelrechte Säure, die bereits in geringen Mengen geschluckt, tödlich wirkte. Einige wurden in dem Schlauchboot zertrampelt. An dem Tag konnte »MOAS« 183 Menschen retten, sieben waren gestorben. Auch einer der Helfer war ins Wasser gesprungen und hatte dabei Benzin geschluckt. »Da kam wirklich alles zusammen«, sagt der italienische Fotograf Marco.

Die Tage des Wartens ziehen sich hin, die Unterforderung löst bei einigen unterschwelligen Stress aus. »Wir haben nicht wirklich Freizeit und auch nicht wirklich Arbeit«, sagt der französische Freiwillige Edouard. Essen, Sport, Gespräche, Übungen, kleine Aufgaben suchen und am Abend ein Gesellschaftsspiel. Und von vorn. Und wieder von vorn. Zwischendurch werden alle Rettungswesten einzeln mit dem »SOS Méditerranée«-Logo versehen. Auf den Fotos in den Zeitungen und den Magazinen sind die Menschen mit den orangenen Westen meist das erste, was man sieht. Eine von Spenden abhängige Organisation kann auf diese Form, sich erkennbar zu machen, nicht verzichten. Die PR muss stets mitgedacht werden. An einem ruhigen Nachmittag sitzen einige »SAR«-Mitglieder unter einer kleinen Plane und Malen die Logos auf. Sie rauchen, schweigen und lauschen der Musik, die aus Anis Smartphone trällert. Als ich bemerke, dass ich zwischen Dutzenden Rettungswesten von Kindern sitze, bekomme ich eine Gänsehaut.

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