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Vineta versank im Tagebau

Entdeckertour rund um den Störmthaler See im Leipziger Neuseenland. Von Heidi Diehl

Von dem stählernen Riesen, der den 600 Meter breiten Großtagebau Espenhain am nördlichen Rand des Leipziger Kohlereviers überspannt, kommt gute Nachricht: Die Mannschaft der Abraumförderbrücke 17 meldet seit Wochen täglich rund 100 000 Kubikmeter geförderten Abraum«. Das schrieb »Neues Deutschland« am 26.10.1982. Fast 34 Jahre später stehen wir am einstigen Ort der »guten Nachricht« und schauen staunend in eine Landschaft, die sich noch vor 20 Jahren nur hoffnungslos romantische Optimisten so erträumen konnten. Denn: Als der letzte Kohlezug den Tagebau Espenhain am 27. Juni 1996 nach 59 Jahren Produktion verließ, hatte man hier insgesamt 565 Millionen Tonnen Rohbraunkohle aus der Erde geholt und 1706 Millionen Tonnen Abraum bewegt. Dafür waren den Abraumbaggern zehn Dörfer komplett zum Opfer gefallen, zehn weitere verschwanden teilweise, 8400 Menschen verloren ihre Heimat. Am Ende blieb eine fast 40 Quadratkilometer große, von riesigen Kratern durchzogene Mondlandschaft zurück. Und die Vision von einer künftigen Seenlandschaft, in die eines nicht so fernen Tages die Menschen strömen würden, um sich zu erholen.

Genau das haben wir heute vor: einmal rund um den Störmthaler See, der, wie der durch eine 800 Meter lange Schleuse verbundene benachbarte Markleeberger See, aus dem Tagebau Espenhain »recycelt« wurde. Immer am Ufer entlang geht es auf gut 25 Kilometern auf Schatzsuche in die Vergangenheit und Gegenwart. Um wirklich zu verstehen, was sich hier in den letzten Jahren verändert hat, radeln wir, beginnend an der Schleuse, zuerst zum Bergbau-Technik-Park, dessen gewaltiger Schaufelradbagger aus dem ehemaligen Tagebau schon weithin sichtbar ist. Auf rund 5,4 Hektar präsentiert der Park eindrucksvoll den kompletten Förderzyklus eines Tagebaubetriebes bis zum Wiederaufbau des Geländes und der Sanierung ganzer Landschaftsräume. Etliche von den Gästeführern waren einst selber Kumpel im Tagebau, und so mancher gesteht, selbst noch immer erstaunt darüber zu sein, wie sich die geschundene Landschaft in nur wenigen Jahren komplett verändert hat: Aus der dreckigsten Ecke der DDR wurde ein blitzsauberes Erholungsgebiet, das Wassersportler ebenso anzieht wie Sonnenanbeter, Wanderer oder Radfahrer.

Es ist heiß am letzten Augustwochenende, zum Glück kann man fast überall in dem mehr als sieben Quadratkilometer großen und bis zu 57 Meter tiefen See schnell mal im klaren Wasser abtauchen, was wir auch schon nach wenigen Kilometern tun. Selbst Dackelhündin Wilma, die, obwohl im bequemen Körbchen sitzend, ziemlich fertig war, fühlt sich nach dem Bad wieder pudelwohl und schaut interessiert in die Landschaft. Gut eine Stunde später sind wir am Dispatcherturm angelangt. Er ist das einzige noch erhaltene Gebäude aus der Bergbauzeit und war einst Sitz der Tagebauleitzentrale. Heute gibt es hier eine Infostelle, einen gemütlichen Imbiss und die Anlegestelle für die Schiffe, die hinüber zur Vineta, einem besonderen Ort mitten im See fahren.

Wir wechseln das Gefährt und lassen uns hinüberbringen, um zu herauszufinden, was es damit auf sich hat. Bald sind deutlich die Umrisse einer halb im Wasser versunkenen Kirche zu erkennen. Dort angekommen, hören wir die Geschichte dieses europaweit einzigartigen Kunstprojekts, das hier seit dem 3. Juni 2011 vor Anker liegt. In seiner Form soll es an den Kirchturm des Ortes Magdeborn erinnern, der wie die zehn anderen Dörfer vom Tagebau geschluckt wurde. Die Idee dazu entwickelte Ende der 90er Jahre die Künstlerin Ute Hartwig-Schultz als Mitglied der Künstlergruppe »Kunst statt Kohle«. Der Name ist eine Parabel auf das legendäre, in den Fluten der Ostsee versunkene Vineta und soll erinnern und mahnen, nicht um den Preis des eigenen Untergangs über die Verhältnisse zu leben. Wer sich traut, kann hier den ersten gemeinsamen Schritt in die Zukunft gehen - nämlich heiraten. An einem Ort, den viele Brautpaare als ein gutes Omen sehen.

Die vermeintliche Sandwüste, die sich hinter Vineta erstreckt, ist die rund 70 Hektar große Göhrener Insel. Sie steht unter strengem Naturschutz und ist für Menschen tabu. Pflanzen und Tiere indes sind sehr willkommen und viele haben sich hier bereits angesiedelt. Der seltene Eisvogel fühlt sich genau so wohl wie rund 20 heimische Orchideen, etwa ein Drittel aller in Deutschland vorkommenden Arten.

Der Berg, den man hinter der Insel sieht, wächst Jahr für Jahr ein Stück. Durch Müll! Er ist die Zentraldeponie Cröbern, die seit 1995 in Betrieb ist. Wer nun glaubt, hier stinkt es zum Himmel, irrt. Diese Deponie ist streng auf ökologische Müllentsorgung und Energiegewinnung aus Reststoffen ausgerichtet. Witzbolde orakeln bereits, dass hier in gut zehn Jahren, wenn der Berg seine Endhöhe von 48 Meter erreicht hat, eine Skipiste nebst Lift entstehen wird. Doch wer weiß, vielleicht wird die Spinnerei eines Tages tatsächlich Realität. Die Verwandlung der Mondlandschaft in einen Garten Eden konnten sich viele ja auch nicht vorstellen.

Zurück aufs Festland und aufs Rad. Nach ein paar Kilometern passieren wir »Lagovita«, ein 2014 eröffnetes Ferienressort mit Marina, Hotel und in die Dünen gebauten Bungalows, die ein bisschen an die Hobbithäuser in Neuseeland erinnern. So sehr die Hafenpromenade mit ihrem Mittelmeerflair auch zu einer Rast verlockt, wir radeln weiter und »stolpern« schon bald über einen überdimensionalen Schmetterling - ein Garten in Form eines Falters mit riesigen Fühlern, Körper und Flügeln. Auch der »Butterfly« ist ein Kunst-statt-Kohle-Projekte.

Kurz bevor der See umrundet und unser Ziel erreicht ist, sind wir uns nicht mehr ganz sicher, ob wir uns bei der Hitze nicht doch noch einen Sonnenstich eingefangen haben: Erscheint da doch tatsächlich an einer Uferböschung ein üppig tragender Weinberg. Wie wir später erfahren, legte ihn 2009 der Störmthaler Wein e. V. an und bewirtschaftet ihn durch mehrere Hobbywinzer.

Mit Störmthaler Wein können wir am Abend auf der Terrasse unseres Ferienhauses im Seepark Auenhain zwar nicht auf die Visionäre und die, die deren Träume umsetzten, anstoßen, aber ein Grauburgunder vom Pillnitzer Königlichen Weinberg ist eine wirklich gute Alternative.

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