Werbung

»Habt Geduld«

Tag 9: Die zweite Rettung

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Der Gestank des Benzins ist bereits von weitem zu riechen. Das weiße Schlauchboot wird vor meinen Augen größer, die verschwommenen Silhouetten formieren sich langsam zu einem Muster aus müde blickenden Gesichtern und Rettungswesten. Zusammengequetscht stehen sie da, warten ab, was passiert. Salzkristalle und Schweiß sind auf den Körpern zu erkennen. Ihr Boot hält sich wacker, und sieht doch so aus, als ob ein Nadelstich genügen würde, um es zum Platzen zu bringen. An den Außenseiten halten sich mehrere Hände fest. Immer wieder rutschen sie weg.

Als sich das Transportboot, in dem ich sitze, nähert, beginnt das Schubsen und Drücken. Die Frustration der stundenlangen Ungewissheit bahnt sich ihren Weg. Die Frauen müssen kämpfen, um nicht weggeschoben zu werden. Wütende Blicke werden ausgetauscht, Flüche ausgestoßen. »Habt Geduld«, ruft Asma und lässt ihre Stimme beben. »Ihr alle kommt auf das große Schiff«. Sie muss lauter sprechen als üblich. Das Rascheln der orangenen Westen lässt widerwillig nach. »Bleibt ruhig«, noch einmal die Aufforderung. Der Transport kann beginnen. Schnelligkeit ist gefragt. Das zweite Schlauchboot ist nur ein paar Dutzend Meter entfernt.

Die ersten Flüchtlinge wechseln über einen kleinen Metallsteg herüber. Einer links, einer rechts, hinsetzen, dann zusammenrücken. Die meisten halten ihre Hände vor das Gesicht und beten. Ein paar junge Männer strecken mir ihren Daumen hoch. Ich begrüße sie, indem wir unsere Fäuste aneinanderschlagen. Die Frauen schauen mit schmerzverzerrten Gesichtern auf den Boden. Sie schweigen, ihre Kleidung ist von oben bis unten durchnässt. Als ein älterer Mann auf das Boot gebracht wird, stöhnt er laut auf. Er hat ein verletztes Bein, die »SAR«-Mitglieder Tonquil und Till müssen ihn stützen. Über eine Trage wird er auf das Schiff gehoben.

An Deck herrscht für ein paar Sekunden Chaos. Kinder schreien aus vollem Leibe, womöglich wurden sie kurzzeitig von ihren Müttern getrennt. Kleine Babys werden von den »SAR«-Mitgliedern an Bord gebracht und weitergereicht. »Ich will sie eigentlich nicht weggeben«, sagt der französische Freiwillige Edouard.

Eine Hochschwangere versucht mit letzten Kräften auf den Beinen zu bleiben und kann nur mit Hilfe von mehreren Händen in den Schutzraum gebracht werden. Die Flüchtlinge, die bereits an Bord sind, schauen bangend auf das Wasser. Ihre Freunde und Familienmitglieder warten dort noch, einige treiben bereits seit über zehn Stunden im Wasser.

»Habt Geduld«

Beide Schlauchboote sind deutlich über der Reling zu erkennen, doch sie leeren sich nur langsam. Die parallele Rettung frisst Zeit und Treibstoff, die Koordination ist kompliziert. Die Reihenfolge des Vorgehens stand jedoch schon früh fest: Ungefähr um sieben Uhr wurden beide Boote am Horizont entdeckt. Wie von der Crew erwartet, hatten die Schleuser am ersten Tag mit gutem Wetter mehrere von ihnen losgeschickt. Doch mit welchem beginnt man bei zwei Booten? »Das eine ist näher und schneller«, erklärt »Ärzte ohne Grenzen«-Chef Ferry. »Das andere kann uns nicht abhauen.«

Mehrere Flüchtlinge müssen sich auf dem Deck in Mülltonnen und kleinen Tüten übergeben. Sie knien auf dem Boden und würgen. Ein Jugendlicher klagt mir gegenüber, dass er falsch-herum sieht. Ein anderer zieht plötzlich seinen Pullover aus. Eine Wunde kommt auf seinem Rücken zum Vorschein. Ich fühle mich nutzlos. Journalisten sind die Gruppe auf dem Schiff, auf die am ehesten verzichtet werden kann. Und doch braucht es uns, um die Europäer an das leise Sterben zu erinnern. Immer wieder.

Nach ungefähr sechs Stunden sind alle 252 Menschen sicher an Bord. Unter den Neuankömmlingen gibt es fünf schwangere Frauen und neun Kinder, das jüngste ist nur ein paar Monate alt. Auch 53 Frauen und 84 unbegleitete Minderjährige befinden sich unter den Geretteten. Die meisten kommen aus Nigeria, Mali und Guinea. Bevor die letzten das Deck erreicht haben, steht schon fest, dass die »MS Aquarius« später noch weitere Flüchtlinge von einem italienischen Marine-Schiff aufnehmen wird. Dieses hatte im Morgengrauen nicht weit entfernt die Insassen eines dritten Schlauchbootes gerettet. Mit allen Flüchtlingen zusammen geht es voraussichtlich bald wieder zurück nach Italien.

Zwischendurch dann Momente der Freude: Ein 9-Jähriger trifft seine 16-jähriger Schwester wieder, von der er während der Rettung getrennt wurde. Und die hochschwangere Frau bringt wenige Stunden nach ihrer Rettung ihr Baby zur Welt – bei uns auf dem Schiff.

Am Abend wollen die Gespräche nicht aufhören. Die Anspannung steht den Besuchern trotz der Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. In kleinen Gruppen steht man herum oder döst vor sich hin. Viele wird die Frage umtreiben, wie es jetzt weitergeht. Für andere war es einfach nur ein harter Tag. Einige beginnen vielleicht zu realisieren. »Die meisten von ihnen wissen nicht, wie groß das Mittelmeer wirklich ist«, sagt Asma. Einige benutzen das Wort »Fluss«, wenn sie davon sprechen. Die Schlepper erzählen ihnen, dass sie in vier bis fünf Stunden Italien erreichen können. Erst später wird ihnen klar, dass es anders ist.

Das Geschrei der Babys hört langsam auf. Mit Kekskrümeln verschmierte Kindergesichter schließen die Augen. Es beginnt zu regnen, die männlichen Flüchtlinge rutschen zusammen und versuchen einen der letzten trockenen Flecke zu ergattern. Gemeinsam wird schnell eine Regenplane auf dem Schiffsdeck aufgezogen. Viel hält sie nicht ab. Mehr schlecht als recht wird improvisiert. Der »Ärzte ohne Grenzen«-Logistiker Ed kratzt sich am Kinn. »Nun ja, besser als nichts.«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!