»Endlich haben wir wieder 
das Recht zu träumen«

Die Syrerin Ameena A. will mit ihren vier Kindern 
hart für einen Neuanfang in Deutschland arbeiten

Ich bin Syrerin und Mutter von vier Kindern. Das war meine Wahl: Bleiben wir in Syrien, werden meine Kinder und ich vielleicht von einer Bombe getötet. Fliehen wir, ertrinken wir vielleicht im Mittelmeer. Im Herbst 2015 musste ich die schlimmste Entscheidung meines Lebens treffen. Dabei war ich einst der glücklichste Mensch der Welt.

Am 9. Dezember 2004 heiratete ich Abdulrahman, einen gut aussehenden jungen Mann mit einem großen Herzen. Einige Monate nach unserer Hochzeit gingen wir nach Kuwait. Dort unterrichtete ich Englisch an einem Gymnasium. Vor zehn Jahren brachte ich meinen Sohn Mohamad zur Welt, 2007 kam meine Tochter Ritaj, ein Jahr später meine Tochter Reemas. Mein Mann und ich waren gesegnet.

2010 kehrten wir zurück, sieben Monate später brach die syrische Revolution aus. Damals war ich mit Rinad, meiner jüngsten Tochter, im dritten Monat schwanger. Ich ahnte nicht, dass sie in eine Welt voller Krieg geboren werden würde. Irgendwann hörten wir auf, die Toten zu zählen. Ich versuchte so lange wie irgend möglich, meinen Kindern eine heile Welt vorzugaukeln. Ich wollte die schreckliche Realität einfach nicht an sie heranlassen. Aber natürlich sahen sie die Bilder von Luftangriffen und sterbenden Menschen im Fernsehen. Natürlich spürten sie, dass ihre Mutter Angst um sie hatte. Und natürlich hatten sie auch selber Angst. Die Kleinsten litten am meisten. Jeden Tag verloren Kinder ihre Eltern, Geschwister, Freunde und Lehrer. Jeden Tag starben unschuldige Jungen und Mädchen.

Ich fand nachts kaum noch Schlaf. Was, wenn auch meine Kinder sterben würden? Und wofür? Alle Kinder, die diesem verdammten Krieg bereits zum Opfer gefallen waren, hatten Eltern, die sie über alles liebten und die alles dafür getan hätten, ihren Jungen und Mädchen eine große Zukunft zu ermöglichen. Ich wusste, dass zur gleichen Zeit tausende weitere syrische Mütter wach lagen und genau das Gleiche dachten wie ich.

Rinads Kindergarten und die Grundschule meiner anderen drei Kinder befanden sich in der Nähe einer Stellung der Assad-Truppen. Der »Islamische Staat« beschoss das Gebäude regelmäßig. Schließlich gab ich meinen Job als Gymnasiallehrerin auf und fing an der Schule meiner Kinder an. Wenn dort eine Bombe einschlug, wollte ich mit ihnen sterben. Ich konnte mir nichts Schlimmeres vorstellen, als meine Kinder zu überleben.

Seit Mai 2015 rückte der »Islamische Staat« immer schneller auf al-Hasaka vor. Die Terroristen missbrauchten unseren Glauben, folterten, mordeten, vergewaltigten, brannten Schulen und Häuser nieder. Die Regierung schlug mit Fassbomben zurück. Wer konnte, floh.

Viele starben, auch insgesamt 26 Mitglieder der Familie meines Mannes. Wenn wir blieben, würden vielleicht auch bald unsere Kinder zu den ungezählten Todesopfern des Krieges zählen. Doch wir hatten nicht genug Geld, um zu sechst die Flucht anzutreten. Damit zumindest ein Teil unserer Familie überlebte, mussten wir uns trennen. Wir beschlossen, dass mein Mann mit Mohamad und Ritaj vorgehen sollte. Wir waren uns einig, dass Rinad und Reemas noch zu klein für die gefährliche Flucht waren. Ich wollte mit ihnen so lange ausharren, bis wir im Rahmen der Familienzusammenführung folgen könnten.

Als der Tag des Abschieds gekommen war, sagte ich zu Ritaj und Mohamad: »Vergebt mir. Ich hatte eine andere Zukunft für Euch geplant. Seid tapfer und habt Geduld. Ich verspreche Euch, dass wir schon bald wieder vereint sein werden und dass wir dann in einem friedlichen Land gemeinsam Großes erreichen werden.« Als ich dies sagte, wusste ich nicht, ob ich sie je wiedersehen würde. Sie verließen uns am 23. August 2015. Drei Tage lang habe ich geweint. Ich habe versucht, meine Tränen vor Reemas und Rinad zu verbergen. Nicht immer ist es mir gelungen.

Am 5. September erhielt ich eine Nachricht von meinem Mann. Er war auf der griechischen Insel Lesbos angekommen. Er und die Kinder hatten die gefährliche Überfahrt überlebt. Das erste Mal seit fast zwei Wochen war ich glücklich. Doch am selben Tag sah ich auf Facebook die Bilder des ertrunkenen Aylan. Der dreijährige Junge aus dem syrischen Kobane wollte - genau wie mein Mann mit den Kindern - mit seinen Eltern vor dem Krieg fliehen. Seine Leiche wurde an einem Strand in der Türkei angespült. Als ich das Bild sah, wurde mir schlecht.

Ich hatte zuletzt selbst darüber nachgedacht, mich mit meinen beiden jüngsten Kindern in ein Schleuserboot zu setzen. Das Foto des ertrunkenen Kindes verbannte diesen Gedanken aus meinem Kopf.

Doch dann brachte eine Nachricht von meinem mittlerweile in Deutschland angekommenen Mann alles wieder durcheinander. Er schrieb mir, er habe erfahren, dass die Familienzusammenführung über ein Jahr dauern könne. Bis dahin könnten Reemas, Rinad und ich längst tot sein. Am 10. Oktober machte ich mich schließlich auch mit meinen beiden jüngsten Kindern auf den Weg.

Zwei Tage dauerte es, bis wir es in einem kleinen Bus an die türkische Grenze geschafft hatten. Als wir an einen kurdischen Checkpoint kamen, wurde dieser plötzlich vom IS angegriffen. Wir haben alle geschrien, und unser Fahrer hat einfach Gas gegeben. Mit Gottes Hilfe sind wir irgendwie davongekommen.

Von der Grenze schlugen wir uns nach Istanbul durch. Dort gelang es mir, für meine Kinder und mich Plätze in einem Boot für die Überfahrt nach Griechenland zu organisieren. 2100 US-Dollar, die ich mir von Verwandten und Bekannten hatte leihen können, knöpften die Schleuser mir ab. Doch als wir nachts an den Strand kamen, war ich geschockt. Das Schlauchboot war viel, viel kleiner als versprochen. »Ich steige mit meinen Kindern nicht in dieses Boot!«, schrie ich. Doch meine Töchter flehten mich an: »Mama, lass uns gehen. Wir wollen endlich Papa, Ritaj und Mohamad wiedersehen. Wir versprechen Dir auch, dass wir nicht sterben.« Schließlich stiegen wir ins Boot. Ich wusste, dass es ein Fehler war. Ich küsste meine Kinder, dann legten wir ab.

Wir waren nicht weit gekommen, da ging der Motor aus. Mit den Händen paddelten wir zurück an den Strand. Während wir ruderten, beschloss ich: Ich gehe mit meinen Kindern zurück nach Syrien. Ich will lieber mit ihnen in meiner Heimat sterben, als mit ihnen in diesem Meer zu ertrinken. Als wir wieder am Strand waren, sagte ich den Schleusern, ich wolle zurück, doch sie hörten mir gar nicht zu. Für sie waren wir keine Menschen, sondern einfach nur Waren, mit denen sie viel Geld machen konnten.

Irgendwann saßen wir erneut in einem Boot und legten ab. Nach siebzig quälend langen Minuten kamen wir auf Kos an. Als meine Kinder und ich wieder Boden unter den Füßen hatten, brach ich in Tränen aus. Es waren Tränen der Erleichterung. Ich wusste, dass wir den gefährlichsten Teil hinter uns hatten.

Auf Kos gaben uns Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen und ehrenamtliche Helfer ein kleines Igluzelt, drei dünne Isomatten, trockene Kleidung, Essen und heißen Tee. Ich war gerührt, wie wir in Europa empfangen wurden. Mit einer Fähre, Bussen, Zügen und zu Fuß zogen wir in den nächsten zwei Wochen weiter in Richtung Mecklenburg-Vorpommern, wo mein Mann, Ritaj und Mohamad untergekommen waren.

Als wir uns schließlich auf dem Bahnsteig in die Arme fielen, mussten wir alle weinen. Viele Menschen blieben stehen. Als ich sah, dass auch sie Tränen in den Augen hatten, wusste ich, dass wir an einem guten Ort gelandet waren.

Jüngst hatte Rinad ihren ersten Kindergartentag in Deutschland, Mohamad, Ritaj und Reemas waren das erste Mal in der neuen Schule. Zu Hause gehörten sie immer zu den Besten in ihrer Klasse. Ich möchte, dass sie auch hier gut in der Schule sind und dass das, was ich Mohamad und Ritaj vor ihrer Flucht versprochen habe, in Deutschland doch noch wahr wird: Dass wir zusammen Großes erreichen! Dafür werden meine Kinder und ich hart arbeiten. Endlich haben wir wieder das Recht, zu träumen und unsere Zukunft zu planen. Das ist ein großartiges Gefühl! In Syrien haben wir es jahrelang schmerzlich vermisst. Dort ging es nicht mehr um die Zukunft, sondern nur noch ums Überleben.

Im Internet lese ich manchmal von fremdenfeindlichen Übergriffen in Deutschland. Meine Familie und ich haben so etwas nie erlebt. Auf der Flucht haben wir unbegrenzte Hilfsbereitschaft, teilweise aber auch brutale Grausamkeiten und lähmende Angst erfahren. Seit wir in Deutschland sind, sind wir jedoch nur auf Menschen getroffen, die es gut mit uns meinten. Ich bete jeden Tag zu Allah, dass ich bald die Chance erhalten werde, mich dafür zu revanchieren.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch von Marc Engelhardt (Herausgeber): »Die Flüchtlingsrevolution. Wie die neue Völkerwanderung die ganze Welt verändert«. Buchpräsentation mit Ameena A., Marc Engelhardt, Philipp Hedemann, 19. September, 19.30 Uhr, taz Café, Rudi-Dutschke-Str. 23, 10969 Berlin-Kreuzberg, Eintritt frei

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