Herrlich ist’s im Wahllokal

Zugegeben: Das Lokal meiner Wahl ist kein Wahllokal. In meine Stammkneipe, die seit 20 Jahren am selben Ort steht, bewege ich mich trotz fortschreitenden Alters noch immer mit einer gewissen Beschwingtheit - und das nicht nur alle paar Jahre. In die Urnenhalle, die mit etwas Mühe jedes Mal in einem anderen Zweckbau meiner Wohngegend zu finden ist, treibt mich eher die Bürgerpflicht. Wieder anders verhält es sich mit dem kleinen Bäckerladen um die Ecke und noch einmal anders mit der hippen Eisdiele im Kiez. In den einen zieht mich der Hunger, in die andere meistens ein Kind.

Ein nicht zu unterschätzender Vorzug des Wahllokals gegenüber Kneipe, Bäcker und Eisdiele ist indessen das Personal. Selten bin ich in letzter Zeit irgendwo so freundlich willkommen geheißen worden wie am Sonntag zur Stimmabgabe. Gleich eine ganze Reihe sehr junger Wahlhelferinnen, dazu ein Kumpeltyp mit Baseballkappe, wartete schon hinterm Tresen auf mich, als ich den Raum betrat. Höflich bat mich die erste Dame, ihr meine Wahlbenachrichtigung auszuhändigen. Nachsichtig lächelte die zweite, während ich minutenlang nach meinem Personalausweis kramte. Geduldig trotz wiederholten Nachfragens erklärte mir die dritte, dass jeder Wahlschein doppelt gefaltet werden müsse - und am Ende sogar, warum. Kumpelhaft fläzte am vorläufigen Schluss der Staffel der Typ mit der Kappe und zwinkerte mir zu. In der Wahlkabine ließen mich die Servicekräfte dann für einen kleinen Moment diskret allein. Doch schon beim anschließenden Einwerfen der Zettel standen mir zwei weitere, diesmal deutlich reifere Personen durch schiere Anwesenheit helfend zur Seite. Sogar für ein »Auf Wiedersehen« waren sie sich nicht zu schade - obwohl inzwischen noch ein weiterer Wähler den Raum betreten hatte.

Dass so viel Höflichkeit im Berliner Dienstleistungssektor keine Selbstverständlichkeit ist, keifen die Spatzen aus der Dachrinne. Erst in der vergangenen Woche musste ich beim Bäcker erleben, wie der Verkäuferin weder mein »Guten Morgen« noch das anschließende »Hallo« auch nur ein Zucken abtrotzen konnte. Erst als ich mein Gesicht dem ihren auf wenige Zentimeter annäherte, um lautstark »Guten! Tag!« zu brüllen, schnauzte sie genervt zurück: »Ha’ick do schon jesacht!« Eine glatte Lüge. Im Eisladen schickte mich tags darauf die Bedienung zum Teufel, ohne dass ich bezahlt hätte, weil sie den 50-Euro-Schein nicht wechseln konnte: »Ihr Jesicht merk ick mir.« Als ich fünf Minuten später mit einem anderswo eingetauschten Fünfer zurückkehrte, um die offenen 4 Euro 60 zu bezahlen, blaffte sie: »Stimmt dit jetz so oder wollnse den Rest zurück?« Ich hätte wohl lieber nicht wollen sollen. Ihr verächtliches Schnauben schmerzt noch immer im Ohr.

In der Kneipe, immerhin, fallen selten böse Worte. Eigentlich wird dort überhaupt nicht gesprochen. Die Wirte kennen mich und stellen jedes Mal ein Glas gleichen Inhalts vor meine Nase. Sie gehen stillschweigend davon aus, dass ich ein Stammwähler sei.

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