«Züri brännt»

Paul Parin zum 100.

  • Von Roland Kaufhold
  • Lesedauer: 3 Min.

Befreit Grönland vom Packeis« und »Züri brännt« stand 1980 auf Häuserwänden im wohlhabenden Zürich. Zwei Jahre lang kommt es zu heftigen Jugendunruhen. Nur wenige Schweizer Intellektuelle finden Verständnis für das Aufbegehren. Eine Ausnahme bildete der damals 64-jährige linke Schweizer Psychoanalytiker Paul Parin. Er unterstützt die Jugendlichen - mit seinen Mitteln: 1980 veröffentlicht er in einer psychoanalytischen Fachzeitschrift eine wissenschaftliche Studie über die Motive der aufbegehrenden Jugendlichen. Betitelt war sie mit »Befreit Grönland vom Packeis«. Am heutigen Dienstag wäre der am 20. September 1916 in Slowenien Geborene und am 18. Mai 2009 in Zürich Verstorbene 100 Jahre alt geworden.

Aufgewachsen ist Parin als Sohn eines assimilierten jüdischen Großgrundbesitzers unter privilegierten Umständen auf dem Gutshof Novikloster. Er besucht keine Schule, sondern erhält Hausunterricht. Mit 16 Jahren hört er erstmals von Hitlers »Mein Kampf« - und erkennt die Gefahr. Ein Jahr später besucht er in Graz doch ein Gymnasium, um einen Abschluss zu erhalten. Seine eigene Gefährdung als Jude ist ihm früh bewusst. Er beteiligt er sich an antifaschistischen Aktionen. Von 1934 bis 1938 studiert er in Graz, Zagreb und Zürich Medizin, wo er auch promoviert. Im Oktober 1944 geht der 27-Jährige mit sechs weiteren Schweizer Ärzten zu Titos Partisanenarmee. Angst hat der Intellektuelle nicht: »Ich war neugierig, wie sich das entwickeln würde, und ich dachte: Ich komme durch« erinnerte er sich 2006.

»Wir waren diszipliniert, wenn wir selber es für richtig hielten; jeder Befehl verletzte unsere Würde. Wir fühlten uns als Weltbürger, solidarisch mit allen, die unterdrückt und ausgebeutet werden«, schreibt Parin 1991 in seinem Erinnerungsbuch »Es ist Krieg und wir gehen hin« über seine Zeit als anarchistischer Sozialist bei Tito. Juni 1946: Die Nationalsozialisten sind besiegt, in Jugoslawien wird Parins anarchische Utopie durch die sozialistische Bürokratie verdrängt. Paul Parin und Goldy Parin-Matthèy gehen zurück nach Zürich, machen eine psychoanalytische Ausbildung. Bald gilt er als ein führender Theoretiker, der Freuds Psychoanalyse mit gesellschaftskritischen Aspekten anreichert. In »Subjekt im Subjekt« (1978) versammelt er seine psychoanalytisch-gesellschaftskritischen Studien.

Zürich wird den Parins rasch zu eng. Von 1954 bis 1971 unternehmen sie, gemeinsam mit ihrem Kollegen Fritz Morgenthaler, sechs selbst finanzierte Forschungsreisen nach Westafrika, um mit Hilfe der von ihnen entwickelten Ethnopsychoanalyse das Seelenleben westafrikanischer Völker zu untersuchen. Nebenbei legen sie zwei ethnopsychoanalytische Grundlagenwerke vor: »Die Weißen denken zu viel« (1963) und »Fürchte deinen Nächsten wie dich selbst« (1971). Die aufbegehrende 68er Generation greift die markanten Buchtitel auf. 1980 schließt der 74-Jährige seine Gemeinschaftspraxis am Utoquai 41. Und wird Schriftsteller. 1985 erscheint mit »Zu viele Teufel im Land« sein schmerzhafter Abschied von Afrika, es folgen zahlreiche Erzählbände.

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