Werbung

Ich will Prä sein!

In der Neuköllner Oper spekuliert das »Büro für postidentisches Leben« über Freiheit

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Du bist Du. Doch wer bin ich? Solche Fragen prägen das Dasein im gerade eröffneten »Büro für postidentisches Leben« in der Neuköllner Oper. Angestachelt wird der Zuschauer, auch sich selbst zu befragen und nach Antworten zu suchen bei der Koproduktion des Neuköllner Musiktheaters mit dem Festival GREC 2016 und, erneut geglückt, mit der Òpera de Butxaca i Nova Creació Barcelona. Die »Spekulation über die Freiheit« nach dem Konzept und in der Inszenierung von Matthias Rebstock ist eine moderne, gut durchdachte, zu denken gebende Produktion, die in die Zukunft blickt. Der Berliner Tilman Rammstedt und der Spanier Marc Rosich schrieben den Text.

Selfie hier, Selfie da, überbordende Selbstdarstellungen in elektronischen Medien. Das könnte man als Spielarten des Narzissmus werten. Den »Erfindern« des hier forschenden »Büros« zum postidentischen Treiben geht es aber wohl mehr um das Sich-Verlieren, darum, für andere nicht mehr zu zählen, auch um fehlende Empathie. Das alles wird nun ernsthaft betrachtet und tragikomisch umgesetzt.

Das Spiel zum Präfix »post-« lässt schnell im nüchtern eingerichteten Büro (Ausstattung: Sabine Hilscher) Illusionen sausen. Spielt das Ich im Zustand zunehmender weltweiter Vernetzung überhaupt noch eine Rolle? Man ist so frei, überall herumzusurfen. Das elektronische Gegenüber hält sich bedeckt und saugt die persönliche Spur ein. Da ist Identität durchaus gefragt.

Wer im »Büro« neu beginnt, bekommt auf der Stelle Regeln aufgedrückt. Wer schon dabei ist, muss sich Evaluierungen unterziehen. Test, Test, Test. Fast jeder will allem gerecht werden. Überforderung wird zum Begleiter. Der vermeintlich einzige Vertraute ist ein Fotoautomat, an dem jeder täglich mehr oder weniger mit sich hadernd eine Art Beichte ablegt. Gleichklang ist gefordert. Persönlichkeit? Wer will das wissen. Das Gefühl, sich nicht mehr orten zu können, nimmt hier also bei aller Freiheit zu. Man ist ein Nichts in diesem großen Brei. Rette sich, wer kann.

International ist das Suchen nach der eigenen Identität in dieser mit Verve inszenierten Musiktheaterproduktion. Englisch, Spanisch, Deutsch wird gesprochen und gesungen, wobei die mutigen Interpretationen klassischer Musik und Gesangseinlagen von Raquel García Tomás großartig gelangen. Tomás erarbeitete auch das Video, in dem ein Porträt vernebelt. Begriffen wie Face und sich daran anlehnenden, zunehmend verschwimmenden Abarten wird hier nachgeforscht. Postidentisch, posthuman, postfeminin, postvegan ... Was ist eigentlich mit postlethargisch? Was wird, wenn man sich bedeutungslos machen lässt?

Florian Bergmann (Saxophon), Bastian Duncker, Panagiotis Iliapoulos (Klavier), David Luque, Lucia Martínez Alonso (Perkussion), Bärbel Schwarz, Mariel Supka und Marta Valero legen als Mitwirkende Zweifel bloß. Mitunter rührend komisch, wenn ein Bündel Selfie-Sticks helfen soll, sich zu sehen oder aus dem Gleichgewicht Geratene auf einem kippenden Sofa Halt suchen. Verständigungsprobleme begleiten das Spiel. »Mira!« (Sieh!), ruft der Spanier wiederholt. »Ich heiße nicht Mira!«, bellt die Deutsche entnervt zurück. Auch beklagt Mezzo-Sopranistin Valero, dass niemand außer ihr die Musiksprache Solresol beherrscht, obwohl die schon 1817 erfunden wurde.

Aber neben unzähligen, oft absurd wirkenden Fragen Verunsicherter - denn so weit wird es doch hoffentlich nicht kommen - stellt sich Widerspruch ein. Da hat sich jemand noch nicht aus den Augen verloren, fühlt sich wichtig und richtig: »Alles Quatsch mit den Post-Vorsilben. Ich will Prä sein!«.

Die Hoffnung ist also nicht aufgegeben in der mit Ironie versehenen Inszenierung. Wird beklagt, dass man sich selbst verlassen habe oder nicht weiß, wie man seine Liebe bei aller Freiheit demokratisch verteilen soll, zeigt das Lachen seine Heilkraft bei dem Ausruf: »Ich will es noch mal mit mir versuchen.« Leg los, die Zeit läuft!

Nächste Vorstellungen: 22. bis 25.9., Karl-Marx-Str. 131-133, Neukölln, Kartentel.: (030) 68 89 07 77, www.neukoellneroper.de

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!