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Der Heppenheimer Hiob

Von Roberto J. De Lapuente
22.09.2016

A deitsche Leidkuitua, Zefix!

Roberto J. De Lapuente über bayerische Leitkultur für ganz Deutschland

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Der Länderfinanzausgleich, das war noch vor Jahren der Lieblingssport bayerischer Regionalpolitiker. Der blute nämlich den wirtschaftlich vorbildlichen Freistaat aus und sorge dafür, dass die am Markt nicht überlebensfähigen Bundesländer auf Kosten der Fleißigen überlebten. Der Bund, diese deutsche Republik, die aus Berlin (vormals Bonn) gelenkt wird, sei überhaupt mit bayerischer Weltsicht nur sehr schwer vereinbar. Bayern sei in diesem Konstrukt immer der Angeschissene, der Kluge, der nachgibt, weil es zu viele Dumme gibt. Als Stoiber vor Jahren behauptete, dass die Ostdeutschen nicht so gescheit seien, wie zum Beispiel die Bayern, da war das aus bayerischer Sicht nur die halbe Wahrheit. Es sind ja nach dieser Auslegung nicht nur Deutsche aus dem Osten, die man für blöd hält. Eigentlich sind es so gut wie alle in dieser Bundesrepublik, sofern sie nördlich des Mains darben.

In bayerischen Bierzelten, immerhin so was wie das Parlament auf Reisen in dieser Gegend Deutschlands, geifert man gerne gegen den Bund. »De da drobn in Berlin«, die immer noch nicht begriffen hätten, dass »bei uns da drunt« die Uhren anders gehen, sind das beliebteste Motiv. Wer Applaus will von den Bierdimpfeln, der braucht nicht das Ausland, nicht den »faulen Griechen« oder den »bösen Russen«, der kann im Inneren bleiben und muss nur was gegen das »Preißnjoch« sagen und durchschimmern lassen, dass man als Bayer natürlich bauernschlau genug ist, denen da oben ein Schnippchen zu schlagen. Das ist bayerischer Pop und Populismus. Und die Christsozialen, wie sie sich nennen, die dann koalitionäre Bundespolitik machen, die zelebrieren diese Haltung. Gelangen sie nach langer Reise wieder in eine heimische Runde, dann tun sie so, als hätten sie da im Rest des Landes den Wahnsinn erlebt, der nur in der bayerischen Ordnung der Dinge nicht vorkommen könne.

Deutschland und die Bayern: Ich habe das in meiner ganzen langen Zeit in Oberbayern immer als eine unwirkliche Verbindung wahrgenommen. Oder man lasse es mich bitte richtiger sagen: Es ist gar keine Verbindung, sondern eine Zweckgemeinschaft. Und das auch nur an den besseren Tagen. Meist hat der Bayer das Gefühl, in einem besetzten Land zu leben. In einem Land, dem es so viel besser gehen könnte, wenn da dieser Bund nicht wäre, in dem man quasi hineingezwungen wurde. Wenn ein Niedersachse im Ausland gefragt wird, woher er kommt, dann sagt er: »Aus Deutschland!« Ein Bayer kommt immer aus Bayern. Deutschland ist ihm zwar nicht gleich verachtenswert, aber es ist halt auch nicht so richtig das Land, aus dem er stammt. Denn dann wäre er in einem Topf mit Uckermärkern, Holsteinern oder Berlinern. Also mit solchen, die ihn ja nur verarschen wollen und ihm nicht respektvoll genug begegnen.

Und ausgerechnet dieses Bundesland im Süden, das die Bundesrepublik seit Jahr und Tag als eine Einrichtung zur Gängelung des bayerischen Lebensgefühls begreift, findet nun nicht nur, dass Deutschland Deutschland bleiben sollte, sondern gibt auch noch gleich vor, dass diese isolationistische Haltung ein Beitrag sein müsste, den Bayern an Deutschland leisten sollte. A deitsche Leidkuitua, de brauchma und die wird ausgerechnet aus Bayern aufs Tapet gebracht. Von Leuten einer Staatspartei, die sonst so tun, als habe die bundesdeutsche Leitkultur mit ihrem Länderfinanzausgleich und all diesen zentralistischen Mechanismen nichts als Ungerechtigkeit für sie übrig. Ist das ein blau-weißes Stockholm-Syndrom? Das Bekenntnis zum Peiniger? Dann aber ab zur Therapie, das ließe sich heilen.

Aber zugegeben, die Bayern will in Restdeutschland echt keiner verstehen. Seit Monaten hört man nun auch aus Kreisen der Bundesregierung, dass man Frauenverachtung speziell von alkoholisierten Mobs hart bestrafen möchte. Wieder ein Beweis dafür, dass man kein Fingerspitzengefühl für die bayerische Lebensweise hat. Wie bitte eine Wiesn abhalten ohne Busengrapscher und Besoffene? Abermals geht es gegen die Autonomie des Freistaates. In die interne Ordnung der Bierzelte, wir erinnern uns, immerhin mobile Parlamente in diesem Landstrich, da hat keiner einzugreifen. Schaut genau hin, ihr Neubürger, saufen und tatschen müsst ihr, damit Deutschland nicht nur Deutschland bleibt, sondern gleich noch ein bisschen bayerischer wird.

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Sozial- und Rechtsstaat brechen zusammen. Gesellschaftlicher Zusammenhalt war einmal. Marktkonformität wird als Demokratie verkauft. Hiobsbotschaften sind Zeitgeist. Dieser Blog wird auch nichts daran ändern. Der Autor kennt das schon.

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