Schnellsuche

Suchen auf neues-deutschland.de:

Tagebuch aus Calais

Von Refugee Support Calais
22.09.2016

Fernab von Calais

Im Stadtbild spielen die Geflüchteten aus dem Jungle kaum eine Rolle

Am Mittwoch begannen die deutlic...
Am Mittwoch begannen die deutlich sichtbaren Fundamentarbeiten, für die vier Meter hohe Mauer die das Betreten der Autobahn noch weiter erschweren soll.

Wir haben heute mit der Gewerkschaft CGT Calais gesprochen und einen Interviewtermin vereinbart. Leider suchten wir lange Zeit vergeblich nach dem Büro in Calais und vertrödelten so den gesamten Nachmittag. Der Tag hatte noch weitere Pannen parat: Ein Teil von uns war heute Morgen zum Interview mit Akteuren des Refugee Info Busses im Warehouse verabredet. Wir wären fast pünktlich gewesen, nur haben wir auch nach insgesamt drei Wochen in der Region noch unsere Schwierigkeiten, uns ohne Navi zurecht zu finden.

Das Interview konnten wir dann mit reichlich Verspätung trotzdem führen - mit Rowan. Er ist Longterm-Volunteer und verbringt seit Monaten beinahe jeden Tag im Jungle von Calais. Die Besucher_innen unserer Ausstellung dürften ihn vom Namen her kennen, weil wir Rowan einige Fotos abgekauft haben. Das Gespräch war toll. Der Refugee-Infobus ist ein Versuch, Wissen über die Asylgesetze in Frankreich und Großbritannien allen Bewohner_innen des Camps zugänglich zu machen.

Der Refugee Infobus ist eines der wenigen Projekte, die sich nicht darauf beschränken, die humanitäre Katastrophe zu lindern, sondern deren Anspruch ebenso ist, Menschen auf der Flucht zu empowern. Wir haben bereits während unseres letzten Aufenthaltes im Tagebuch und auch bei der Ausstellungstour immer wieder betont, wie wichtig vor allem Informationen sind und wie wenig sie die meisten Bewohner_innen des Jungles erreichen.

Zudem war Rowan der Erste, den wir trafen, der aus explizit politischen Gründen im Jungle Projekte anstieß. Wir lernten ihn bei Jungle Books im März kennen und hatten da schon mit ihm über die Bedeutung dieses Projektes gesprochen. Nun hat er mit einer anderen britischen Freiwilligen das Projekt Refugee-Info-Bus gestartet. Im Bus selbst finden täglich Rechtsberatungen in größeren Gruppen sowie Workshops zu anderen Themen, wie kreativem Schreiben, statt. Zeitgleich zu den Beratungsangeboten können sich bis zu 150 Menschen in ein offenes WLAN einwählen und damit autonom ihre Familie erreichen oder ihre weitere Flucht planen.

In der Berichterstattung über Calais heißt es ja oft, dass der Jungle sehr präsent ist in der Stadt. Dieses Bild von Calais, das nicht selten mit abwertenden und rassistischen Schlagzeilen überschrieben ist, konnten wir schon beim letzten Besuch nicht bestätigen. Wir waren heute aufgrund des nicht auffindbaren CGT Büros in der Innenstadt unterwegs und waren wiederum überrascht, dass von den über zehntausend Jungle-Bewohner_innen dort kaum jemand anzutreffen ist. Ein junger Afghane, mit dem wir später in Jungle Books sprechen, bestätigte diesen Eindruck, als er erzählte, dass er höchstens für einen Supermarkteinkauf das Camp verlässt, sich sonst allerdings nicht in der Stadt aufhält. In der 1. Folge des Jungalaradios erfährt man, dass eine Gruppe von Jungle-Bewohner_innen, die sich in der Silvesternacht das Feuerwerk über Calais aus der Nähe hatten anschauen wollen, von der Polizei mit Tränengas aus dem Stadtzentrum vertrieben wurde.

Ähnliche Szenen spielten sich heute auch wieder an der Autobahn ab. Während wir das Gewerkschaftshaus suchten, war der Jungle anderswo auf den Beinen. Der Verkehr auf der Autobahn wurde gestoppt, weil mehrere Hundert Geflüchtete versuchten auf LKW’s aufzuspringen, um unbemerkt durch den Eurotunnel nach UK zu kommen. Die Versuche der Jungle-Bewohner_innen, durch den Zaun zu gelangen, das Anrücken der Breitschaftspolizei und die Tränengaswolken über dem Camp bildeten die übliche Choreografie, von der die Leute bei Jungle-Books, die wir am frühen Abend interviewten, unbeeindruckt berichteten. Momentan passiere das beinahe jede Nacht. Und mehrmals pro Woche auch tagsüber.

In der Innenstadt jedenfalls war von der Sperrung der Autobahn und den Tränengaswolken im und um den Jungle natürlich nichts mitzubekommen. Calais hat ungefähr 72.000 Einwohner und es ist keineswegs so, dass der Jungle das Stadtleben dominiert. Als Beweis gibt es diesmal ein Bild von der Innenstadt von Calais. Wie Sie sehen, sehen Sie nichts.

Bild 0

Es wurde normal geshoppt und flaniert. Allerdings, auf überschaubarem Terrain. Denn von blühenden Landschaften kann in Calais keine Rede mehr sein. Die Sommersaison ist gerade vorüber und die fordistische Phase des Industriekapitalismus schon längst. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 15 Prozent. Prekarisierung macht sich in der Region Nord-Pas-de-Calais breit, ist also nicht erst mit dem neuen Arbeitsgesetz bemerkbar und wird auch vom Handels- und Dienstleistungssektor im Einzugsbereich des Eurotunnels, um dessen Image man sich im medialen Diskurs mit Blick auf das Flüchtlingscamp häufig sorgt, nicht aufzuhalten sein. Der Strukturwandel hatte die nordfranzösische Industrie- und Hafenregion schon ergriffen lange bevor die Geflüchteten hier strandeten.

Das CGT Büro haben wir nach langem Umherirren schließlich zwar gefunden - das überdimensionierte Gebäude mit der Aufschrift »paix travail« (Arbeitsfrieden) hätte uns ein Hinweis sein können - doch es hat Mittwochs geschlossen. Wir hoffen nun, am Tag vor unserer Abreise noch einen Termin zu bekommen.

Bild -1

Nachtrag zu gestern:
Unseren Blogbeitrag für den nächsten Tag schreiben wir in der Regel abends, diskutieren ihn gemeinsam und schicken ihn dann an die »nd«-Redaktion. Gestern Nacht 3.00 Uhr ist er abgesendet worden, ohne dass ihn alle noch einmal hätten überarbeiten können. Im letzten Absatz des Beitrages haben wir, beinahe fatalistisch, geschrieben: »Gesetzt den Fall, es gäbe eine politische Artikulation von den Menschen da drinnen im Jungle, wüssten wir nicht, wer sie draußen unterstützen sollte.« Ein Teil von uns wollte diesen Satz so nicht stehen lassen, doch nun ist er im Äther und wir müssen uns erwidern: Der Satz ist unter Anderem untrennbar mit der Frage verknüpft, wie politisch der Jungle an sich ist. Ob, trotz all des Elends und der internen Hierarchien nicht seine bloße Existenz schon ein stärkeres politisches Symbol ist, als viele Demos, weil etwa die Interessen der Bewohner_innen nach offenen Grenzen in so krassem Widerspruch zur staatlichen Politik stehen. Und: Erhält damit nicht auch automatisch die Arbeit der Volunteers und Hilfsorganisationen schon eine politische Dimension - selbst wenn diese nicht intendiert oder sogar häufig explizit verneint wird? Zum Beispiel da sie durch ihre Reproduktionstätigkeit erst die (materielle) Basis für eine Artikulation schaffen würden? Wo allerdings findet sich eine solche? Gibt es die »Stimmen aus dem Jungle«, die mehr sind als bloßer Ausdruck des individuellen Kampfes ums Überleben? Wessen Stimmen gilt es nach draußen zu tragen und zu verstärken, und entspringen diese Stimmen einem kollektiven Akt der Artikulation?

Der Haussegen hängt also etwas schief und wir hatten teils hitzige Diskussionen, auch weil das alles eine Grundfrage unseres Vorhabens betrifft. Wenn unser Anspruch zu Beginn im März war, die selbstorganisierten Kämpfe der Geflüchteten zu unterstützen, stellt sich uns jetzt die Frage, was von diesen Kämpfen noch übrig ist oder jemals existiert hat. Die Antwort hängt schließlich von unserer Vorstellung ab, was Selbstorganisation bedeutet und wo das Politische anfängt - und mit ihr unser Grad der Ernüchterung.

P.S.: Heute begannen die deutlich sichtbaren Fundamentarbeiten, für die vier Meter hohe Mauer die das Betreten der Autobahn noch weiter erschweren soll.

Wer mehr Informationen aus dem Camp haben möchte, dem sei der neue Zenus empfohlen.

Im nd-Shop

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken

Empfehlen bei Facebook, Twitter, Google Plus

Schreiben Sie einen Kommentar

Neueste Artikel des Blogs

Über diesen Blog

Tagebuch aus Calais

Die humanitäre Lage ist nicht nur an den Außengrenzen der EU katastrophal, sie spitzt sich auch an den wieder errichteten Binnengrenzen zu. Einer dieser Orte, an denen die europäische Abschottung gravierende Gefahren für Leib und Leben von Geflüchteten auch im Herzen Europas offenbart, ist die nordfranzösische Hafenstadt Calais.

Die Autoren dieses Blogs sind allesamt freiwillige Helfer des Projektes »Refugee Support Calais«

Refugee Support Calais im Netz:

Facebook
Twitter

Tumblr

 

... Geldspenden

Die Inititaive arbeitet vor Ort mit der L'auberge des migrants zusammen. Wer diese und ähnliche selbstorganisierte Strukturen aus Frankreich/Großbritannien finanziell unterstützen möchtet, kann dies bedarfsgerecht über die folgenden Fundraising-Seiten spenden:
für Zelte, Isomatten, Schlafsäcke, Decken und Kleidung
für tägliche Verpflegung / Ausstattung der Großküchen 

 

Blogs-Übersicht

Werbung:

Werbung:

Hinweis zum Datenschutz: Wir setzen für unsere Zugriffsstatistiken das Programm Piwik ein.

Besuche und Aktionen auf dieser Webseite werden statistisch erfasst und ausschließlich anonymisiert gespeichert.