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Ein radikaler Sozialdemokrat

Er war immer auf der Suche nach einem Weg zum demokratischen Sozialismus: Manfred Coppik ist im Alter von 72 Jahren gestorben

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es ist schon ein paar Jahre her, da sagte Manfred Coppik in dieser Zeitung, eine Parteimitgliedschaft sei für ihn »kein Selbstzweck. Ich habe mich immer der Partei angeschlossen, die in der konkreten Situation am ehesten den Weg zum demokratischen Sozialismus öffnete«.

Und so hielt es der Offenbacher, der 1943 im heutigen Bydgoszcz geboren wurde, denn auch zeitlebens: 1961 trat er in die SPD ein, gewann 1972 für die Sozialdemokraten einen Bundestagswahlkreis – und trat zehn Jahre später aus der Partei wieder aus. Aus Protest gegen deren Kurs – mit der Reformpolitik von Willy Brandt, die Coppik unterstützt hatte, trotz des Radikalenerlasses gegen Oppositionelle, den er bekämpfte, hatte die SPD Anfang der 1980er Jahre nicht mehr viel zu tun. Für ihn war mit dem Wechsel zu Helmut Schmidt ein Faden abgerissen: NATO-Aufrüstung, Abbau von Bürgerrechten, Steuergeschenke an die Reichen, Sozialabbau all das lag weit abseits vom »Weg zum demokratischen Sozialismus«, Coppik nannte es »eine Umarmung mit den Kapitalinteressen«.

Aufgeben war natürlich für den Juristen Manfred Coppik keine Option. Zusammen mit seinem Mitstreiter Karl-Heinz Hansen, der auch für die SPD im Bundestag gesessen hatte, gründete er die Demokratischen Sozialisten. Wahlpolitisch erfolgreich war das Projekt nie, aber als »sozialistische Alternative« zur SPD und als demokratische zur kommunistischen DKP bot sie linken Sozialdemokraten und Eurokommunisten eine Heimat.

Man arbeitete mit kritischen Gewerkschaftern zusammen und auch mit den zu jener Zeit im Entstehen begriffenen Grünen, unter denen nicht wenige waren, die die Demokratischen Sozialisten als zu links ablehnten. Man war in der Friedensbewegung aktiv und erreichte sogar einige Mandate auf lokaler Ebene. Coppik wurde grüner Stadtrat in Offenbach – und blieb auch in dieser Partei gewissermaßen in der Opposition: Er kritisierte den Anpassungskurs von Joschka Fischer.

1991 lösten sich die Demokratischen Sozialisten auf, es war die Zeit nach dem Scheitern des Realsozialismus, eine Zeit der Suche, Neuorientierung, eine der selbstkritischen Bilanz. Manfred Coppik blieb politisch dabei, er hatte die Mühe nicht aufgegeben, einen »Weg zum demokratischen Sozialismus« zu beschreiten. Anfang der 1990er Jahre suchte er den Kontakt zur PDS, doch dort fühlte er sich als »nur radikaler Sozialdemokrat« ausgegrenzt. Als ob das ein Makel wäre. Man hoffte, es gebe mehr davon. Die Art der Auseinandersetzung in der PDS »war auch nicht sehr motivierend«, sagte Coppik im Rückblick einmal. Er suchte weiter.

Dass ihn diese Suche 1993 wieder in die SPD führte, hatte einen Grund, der ganz aktuell erscheint. Es war nicht die Hoffnung auf eine Resozialdemokratisierung der Partei oder gar ein nachhaltiger Linksruck: »In die SPD bin ich wieder eingetreten, weil bei der Kommunalwahl 1993 im Nachbarwahlbezirk die Republikaner stärkste Partei wurden. Eine relative Massenbasis für die politische Auseinandersetzung bot nur die SPD.« Als die rot-grüne Bundesregierung 1999 Bomber Richtung Jugoslawien schickte, trat er wieder aus – noch am selben Tag. Die so genannten Arbeitsmarktreformen sah er mit der wachsenden Besorgnis, dass es praktisch keine relevante soziale Opposition gab – außer der PDS, die aber für viele linke Sozialdemokraten nicht zur organisationspolitischen Alternative wurde.

Die real existierenden Verhältnisse schätzte Coppik immer skeptischer ein, es musste ihm scheinen, als sei man auf dem »Weg zum demokratischen Sozialismus« nicht nur nicht vorangekommen, sondern mit immer neuen Rückschritten konfrontiert. Die Zeiten seien schlimmer als 1982 sagte er zu einem Zeitpunkt, als sich die Wahlalternative und die PDS bereits zur Linken fusioniert hatten. »Das wahre Gesicht des Kapitalismus ist deutlicher erkennbar.« In der Wahlalternative, in die er 2005 eingetreten war, sah er unter anderem die gewerkschaftliche Verankerung als zentral an, er sah in der Neugründung auch eine Organisation, die »eine politische Meinungsbreite der Linken akzeptiert, die einer sektiererischen Einkapselung entgegenwirkte«. Das sahen nicht wenige bald anders, weil schnell auch in der Wahlalternative parteipolitische Mechanismen zu wirken begangen, gegen die Coppik zuvor rebelliert hatte. Zum Beispiel in ideologisch aufgeladenen Streitereien über das Mitregieren.

2008 wurde Manfred Coppik stellvertretender Landesvorsitzender der hessischen Linkspartei. Er engagierte sich zudem in deren Ältestenrat. Am Mittwoch ist er im Alter von 72 Jahren in Offenbach am Main verstorben. »Seine politische Klugheit, seine ruhige aber bestimmte Herangehensweise an politische Fragen und seine immense Erfahrung werden uns fehlen«, so erinnerte die Linkspartei an einen Mann, der die Suche nach einem »Weg zum demokratischen Sozialismus« nie aufgegeben hat.

Zwei Richtungsweiser hatte er dabei stets vor Augen. »Mit Verstand und Leidenschaft für die Verbesserung der Lebensbedingungen« zu streiten. Und dabei nicht zu »vergessen, dass dies nur im Konflikt mit den Kräften des Kapitals möglich sein wird«.

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