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Von Martin Leidenfrost
24.09.2016

Bei der Allianz der Neutralen

Martin Leidenfrost über Montenegro, die Genesis der »Lovcen-Erklärung« und einen köstlich schmeckenden Prosciutto

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Martin Leidenfrost, österreichischer Autor, lebt im slowakischen Grenzort Devínska Nová Ves und reist von dort aus durch Europa.

Am 6. Mai dieses Jahres wurde in Montenegro angeblich eine »Allianz neutraler Staaten« ausgerufen. Diese Nachricht wurde von der »Bewegung für die Neutralität Montenegros« veröffentlicht, die auch schon die linken Bundestagsabgeordneten Alexander Neu und Inge Höger empfing. Nach zwölf Jahren in der Slowakei, die 2014 ohne Referendum in die NATO gedrängt wurde, bin ich heute ein Verfechter von Neutralität in Osteuropa, so richtig heiß machte mich aber der Ort: Jene »Lovcen-Erklärung« soll im Stammhaus des 1696 bis 1918 Montenegro regierenden Geschlechts Petrovic-Njegos unterzeichnet worden sein, der vielleicht einzigen Herrscherdynastie zölibatär lebender Bischöfe. (Der jeweilige Bruder musste Söhne zeugen.)

Gleich mehrere Details machten mich stutzig: 1. Der Beitritt Montenegros zur NATO ist bereits durchgepeitscht. 2. Die »Bewegung für die Neutralität« erklärte mir, bei der Zeremonie im Bergdorf Njegusi gar nicht dabei gewesen zu sein. 3. Der einzige namentlich bekannte Unterzeichner Milan Knezevic, Chef der proserbischen Oppositionsgruppierung »Demokratische Nationalpartei«, ignorierte meine neutralitätsduseligen Anfragen. 4. Metropolit Amfilohije, der ranghöchste Bischof Montenegros, soll die Erklärung persönlich gesegnet haben. 5. Ob die weiteren Allianzmitglieder Serbien, Bosnien und Mazedonien überhaupt Vertreter entsandten, ist unbekannt; dafür soll die russische Regierungspartei »Einiges Russland« unterschrieben haben.

Ansonsten war diese Expedition wieder mal ein Kinderspiel: Ich musste mich nur 910 Höhenmeter über die habsburgische Serpentinenstraße raufhangeln, von der Kotorer Bucht ins almkühle Njegusi, musste nur die zweitbeste Person ansprechen, einen sehnigen Alten mit scharfem Profil, und schon bat mich der Nachkomme der Herrscherdynastie in die Stube. Dorde Petrovic zeigte mir Gastgeschenke, darunter das Streichinstrument für epischen Gesang, eine »Gusle«, von seinem »Freund« Amfilohije. Er bestätigte: »Ja, sie saßen am 6. Mai hier bei mir, Amfilohije, Knezevic und ein russischer Politiker, der Name ist mir entfallen.« Petrovic war für Neutralität, »achtzig Prozent sind gegen die NATO, darum verweigert die Regierung ein Referendum. Die NATO hat uns 1999 doch bombardiert, sogar den Lovcen-Berg hier.« An der Wand hing das »Abendmahl« von Da Vinci: »Das hat damals meine Frau gestickt, als sie in mich verliebt war.«

Ich folgte der verliebten Oma, um ihren Prosciutto zu kaufen. Auf der Terrasse Töpfe mit roten Rosensträuchlein. Eine weite ebene Weide mit gelb­grünem, im weichen Spätsommerlicht schimmerndem Gras, darauf in riesigen Abständen eine beige und eine braune Kuh und ein weißer Einser-Golf mit offener Beifahrertür. Sie warf meinen Prosciutto in den Vakuumverschweißer. Sie lächelte fein: »2 Jahre und 2 Monate habe ich an dem Abendmahl gestickt, 6 bis 7 Stunden täglich.«

Das einfache längliche Steinhaus daneben war ein Museum. Drin wurde auch Petar II. Petrovic Njegos geboren, Autor des 1847 herausgegebenen »Bergkranzes« mit 2819 Versen über den antiosmanischen Abwehrkampf samt Massenexekution zum Islam übergetretener Montenegriner. Der dicke alte Museumswärter hatte schon »acht Stunden ohne Pause geredet«, sperrte aber für mich noch einmal auf. Rako Popovic hatte die Führung mindestens 180 000 Mal gemacht, die Anzahl der Übersetzungen des »Bergkranzes« hatte er sicherlich schon eine halbe Million Mal genannt, »man kann mich auch bei Nacht ins Museum rufen«. Eine von Steinquadern eingefasste Feuerstelle; Gusle, Ikone, Pfeife und Gewehr des Dichterfürstbischofs. Er war über zwei Meter groß, seine Eltern wurden über 100 Jahre alt.

Ich fragte Popovic so lange nach dem Gründungsakt der »Allianz neutraler Staaten«, bis er ärgerlich wurde: »Der 6. Mai ist der Feiertag des Familienheiligen Georg, da kam der Metropolit wie jedes Jahr und segnete den Festkuchen. Das Geburtshaus ist ein Museum, mein Herr! Ich arbeite hier ununterbrochen seit 1972, in diesem Haus wurde NOCH NIE etwas Politisches unterzeichnet!« - »Und wenn doch? Hätten Sie sie rausgeschmissen?« - »Ich hätte sie gebeten …«

Ich fuhr aus Njegusi hinaus. Ein Luftkurort, 17 Einwohner, Garagenverkauf an der »Prosciutto-Straße«. Auf dem Hauptplatz ein Njegos-Zitat: »Sterbt ruhmreich, wenn ihr sterben müsst.« Zuhause schnitt ich den Prosciutto an. Er schmeckte nicht neutral, er war köstlich.

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