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Von Karlen Vesper
24.09.2016

»Oh Golem, erwache ...«

Das Jüdische Museum Berlin lädt zu einem Exkurs durch die Geschichte künstlicher Wesen

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Der Mythos ist zertrümmert. Wissenschaftler sind unbarmherzig. Die schöne, große Erzählung von Rabbi Löw, der im frühneuzeitlichen Prag einen Golem, ein seelenloses Geschöpf aus Lehm mit übermenschlichen Kräften erschaffen habe, enthält kein Körnchen Wahrheit. Dies bekundet der Judaist Peter Schäfer, Direktor der Stiftung Jüdisches Museum Berlin, auf nd-Nachfrage. »Rabbi Judah Löw ben Bezalel war ein bedeutender, faszinierender Denker, der sich intensiv mit den Naturwissenschaften befasste, aber nichts für die Kabbala übrig hatte. Die Geschichte um den Gelehrten und seinen Gehilfen wurde erst 200 Jahre nach dem Tod des Rabbis aufgezeichnet. Warum ihm der Golem angedichtet wurde, wissen wir nicht.«

Vermutlich lag es am Geist der Zeit. Als Löw seine Lebensbahn zog, residierte in der Goldenen Stadt an der Moldau Rudolf II., Kaiser des Heiligen Römischen Reichs und König von Böhmen. Ein vielseitig interessierter Herrscher und generöser Förderer der Künste und Wissenschaften, der indes auch Alchemie, Okkultismus und vor allem jüdischer Mystik zugetan war, wie dessen reichbestückte Wunderkammern bezeugen. Zu einem virtuellen Spaziergang durch jene mit 3 D-Brille lädt die neue Ausstellung im Jüdischen Museum ein. Eine von vielen Überraschungen in der vom Chef höchst persönlich angeregten Exposition.

Die Legende lebt. Vor allem in Prag, wo Löws Grab noch heute Pilgerort ist, sich angeblich Überreste des Golem in einer unzugänglichen Dachkammer der Altneuschul-Synagoge befinden und es unzählige Souvenirs rund um die Saga zu kaufen gibt. Die Idee, die mythische Figur in all ihren Variationen und Nachleben einmal in den Mittelpunkt einer Dokumentation zu stellen, kam den Museumsmitarbeitern schon vor 15 Jahren, offenbart Cilly Kugelmann, die Programmdirektorin. Doch es bedurfte erst der expliziten Ermunterung des neuen Direktors: »Lasst uns Golem nach Berlin holen.« Schäfer berichtete von seinen Golem-Vorlesungen an der Princeton University, die von den Studenten als »cool« geadelt worden sind.

Nun also ist Golem in Spree-Athen angekommen. Bisherige Bedenken, es gäbe wichtigere geschichtliche wie aktuelle Ereignisse museal zu reflektieren und zu begleiten, sind beherzt beiseite geschoben worden. »Zumal Golem hoch aktuell ist«, wie Cilly Kugelmann betont. Jede Generation schafft sich ihren Golem, in dem sich deren Bedürfnisse, Ängste und Erwartungen spiegeln. Der uralte menschliche Traum, künstliche Geschöpfe als Ebenbild und Doppelgänger des Homo sapiens zu kreieren, findet sich in der Gentechnologie und künstlichen Intelligenz. Computer werden perfektioniert als Alter ego des Menschen. Apropos, der Besucher darf sich auf einen besonders fein- wie hintersinnigen Kommentar der Museologen freuen: Eine Vitrine birgt ein Basecap mit der Aufschrift »Make America Great Again«. Von welchem Golem stammt dies wohl?

Das Wort Golem, das im Hebräischen etwas Unfertiges meint, taucht erstmals in der Bibel auf. Adam preist und dankt Gott: »Deine Augen sahen meinen Golem, meinen noch ungeformten und in seinen Gliedern noch nicht ausdifferenzierten Embryo, wie er in den dunklen Tiefen der Erde lag. Du hast dich schon um mich gekümmert und meiner angenommen, bevor ich noch ein fertiger Mensch war.«

Die noch unvollkommene, ungebildete Kreatur inspirierte den spanischen Künstler Jorge Gil zu seinem Ensemble von drei kopfüber hängenden Larven mit ausdruckslosen, menschlichen Gesichtern. Daneben eine leere Hülle: »Es« ist geschlüpft.

Den historischen Exponaten aus 600 Jahren, darunter Leihgaben aus Jerusalem und selbstredend Prag, aus Boston und New York, Wien, Frankfurt am Main und München, sind Arbeiten von 30 Künstlern beigesellt. Den Besucher erleuchtet eingangs eine überdimensionierte Installation des Tschechen Kristof Kintera: »My Light is Your Life«. Das vier Meter hohe und damit größte Objekt der Schau zeigt einen aus unterschiedlichsten Lampen, Lüstern und Leuchten errichteten, durch verwirrende Kabelknäuel zusammengehaltenen Golem. Beeindruckend auch der darauf folgende, übermenschlich große, platt am Boden liegenden Golem, zusammengesetzt aus hebräischen Holzbuchstaben vom kalifornischen Künstler Joshua Abarbanel. Das kleinste Objekt in der Ausstellung ist ein fast heiliges Kleinod: ein Zettel aus dem Nachlass des Kabbala-Experten Gerschom Scholem, auf dem ein uraltes Golem-Rezept notiert ist. Als der Erforscher jüdischer Mystik 1965 den Festvortrag zur Einweihung des ersten israelischen Großcomputers im Weizmann-Institut in Rehovot hielt, schlug er nicht nur vor, diesen »Golem Aleph« (erster Buchstabe im hebräischen Alphabet) zu nennen, sondern artikulierte zugleich seine Hoffnung, jener wie auch dessen Nachfahren mögen nur friedlichen Zwecken dienen. Ein frommer Wunsch, wie unsere drohnenüberschattete Gegenwart belegt.

Die Exposition veranschaulicht treffend die Metamorphose des Golem in den Zeitläuften. Rabbi Löw schuf seinen zum Schutze der Prager Juden vor einer pogromwütigen Meute - eine im Judentum dominierende Konstante über Jahrhunderte, von der böswilligen Beschuldigung blutigen Ritualmordes im Mittelalter bis hin zum eliminatorischen deutsch-faschistischen Antisemitismus. So beschwört Abraham Reisen, jiddischer Schriftsteller und Übersetzer von Heine wie Tolstoi, in einem Gedicht von 1940 angesichts der Judenverfolgung unterm Hakenkreuz: »Oh Golem, erwache, es ist höchste Zeit,/ Wieder sind jene Leute wild geworden ... Und nicht nur bloß im alten Prag/ Aus allen Städten und Ländern schallt Geweine her. Oh Golem, erwache - und mit deinem schweren Schritt/ Geh herum und stürze die Gefängnisse in jedem Land und jeder Stadt/ und stoße eine Wand um nach der anderen - von dem Palast, wo das Böse wohnt./ Und mit deinem heiligen Lächeln erlöse das arme Volk!«

Zwei Jahre zuvor hatte, wissend um den Verrat der Westmächte in München und den bevorstehenden Einmarsch der Wehrmacht in Tschechien, der »rasende Reporter« Egon Erwin Kisch einem Freunde anvertraut: »So einen Golem würden wir brauchen, wenn die Nazis auf uns losgehen werden. Ich würde ihm auch befehlen: Erhebe Dich und geh, die Feinde rücken auf mein Prag zu.«

Indes, schon der Prager Golem offenbarte die Kehrseite eines künstlichen Wesens: Vor Missbrauch nicht gefeit, kann es schlimmsten Schaden anrichten. Als die Frau des Rabbis Golem für Arbeiten im Haushalt einspannte, erging es ihr wie Goethes Zauberlehrling, der dem hysterischen Besen nicht mehr Herr wurde. Die Dystopie der Amok laufenden, außer Kontrolle geratenen und sich gegen die Menschen wendenden Roboter wird in der Ausstellung auf verschiedenste Weise problematisiert. Ebenso die Ambivalenz technischen Fortschritts, der unser Leben erleichtert, aber auch in eine Hölle verwandeln kann. Sei es durch die Hörigkeit und Abhängigkeit von der digitalen Welt, sei es durch das gigantische Zerstörungspotenzial computergestützter Waffensysteme.

Es war Jacob Grimm, der die Golem-Legende mit einer Nacherzählung 1808 in die deutsche Romantik einführte, deren Autoren sich an Automaten aller Art ergötzten. Und die - dies sei hier als Korrektur zur Ausstellung angemerkt - den ersten weiblichen Golem gebar. Anderthalb Säculum vor Cynthia Ozicks Erzählung »Puttermesser and Xanthippe« (1983), in der ein männermordendes weibliches Monster New York in Aufruhr versetzt, trieb bereits in E.T.A. Hoffmanns schauriger Novelle »Der Sandmann« die sich verselbstständigende Puppe Olympia ihr Unwesen.

Doch zurück zum Ur-Typ. Das Bild vom ungelenken und unheimlichen, naiven und tollpatschigen Ungetüm prägte kein anderer so nachhaltig wie Paul Wegner mit seinen drei Golem-Filmen Anfang des 20. Jahrhunderts, in denen er Regie führte sowie den Hauptdarsteller gab und mit denen er das cineastische Horrorgenre begründete. In dieser Tradition stehen die diversen Verfilmungen von Mary Shelley›s Bestseller »Frankenstein« sowie die zahllosen King-Kong-Adaptionen. Die Ausstellung zeigt Filmsequenzen, -plakate und -kulissen, aber auch Bühnenbilder und Kostüme von Theaterinszenierungen. Mit Comics und Graphic Novels schließt sich der thematische Reigen, zu dem - neben den beiden größten Kunstobjekten - kleine Actionfiguren aus dem heutigen China den Auftakt gaben. Eine nette Idee auch: Zur Eröffnung ließen die Museologen eine Roboterin die ersten Gäste und sieben von weit her angereiste, hier mit ihren Werken präsente Künstler begrüßen.

»Golem«, Jüdisches Museum Berlin, bis 29. Januar 2017, Eintritt 8 €, erm. 3 €; Katalog (Kerber Verlag, 183 S., br., 34 €, im Museum 29 €), Begleitprogramm, auch für Kinder, unter www.jmberlin.de; am 25.9. geistert Golem auch auf ARTE (ab 17.35 Uhr)

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