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Vorsicht, der »Einsatzleiter« naht

Ein Ensemble aus Düsseldorf setzt sich satirisch mit dem Agieren der Polizei auseinander

»Was machen Sie da?«, fragt ein Mann in T-Shirt. »Den braunen Teppich ausrollen, wie immer wenn Nazis in Dortmund auflaufen«, antwortet sein Gegenüber, der eine Mütze der Polizei trägt und eine braune Fußmatte mit der Aufschrift »Willkommen« auf den Boden legt. Die Zuschauer, die von der Demonstration gegen den rechte Gewalt übrig geblieben sind, klatschen. Etwa 2500 Menschen aus den verschiedensten Organisationen hatten am Wochenende in Dortmund ein deutliches Zeichen gegen die Zunahme politisch motivierter Angriffe auf Linke in der NRW-Großstadt gesetzt. Auf der Abschlusskundgebung dann traten auch Düsseldorfer AktivistInnen mit ihrem Stück »Mein Einsatzleiter« auf.

»Ich war schon immer Polemiker«, sagt Frank Laubenburg und lacht. Der Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Queer der LINKEN NRW ist der Kopf hinter der Realsatire »Mein Einsatzleiter«. Seit Jahrzehnten ist er im linken Spektrum politisch aktiv, seine erste Demonstration meldete er seinerzeit im Alter von 17 Jahren an.

Die Idee, sich nun satirisch und schauspielerisch mit dem Erlebten auseinanderzusetzen, entwickelte sich im Zuge der wöchentliche Aufmärsche des Pegida-Ablegers »Düsseldorf gegen die Islamisierung des Abendlandes« (DügIdA) in der Landeshauptstadt. Als das Verhalten einiger Einsatzleitungen und von PolizistInnen vor Ort fast groteske Züge annahm, schrieb Laubenburg zunächst einzelne Zitate und dann Dialoge auf und veröffentlichte sie über Facebook. Die Resonanz darauf war größer als erwartet, die Forderungen nach weiteren Ausschnitten der Unterhaltungen wurden laut - und so entwickelte sich das Stück.

»Das war ein dynamischer und kollektiver Prozess«, sagt Laubenburg, der den es auch freut, dass das Stück keine »Schreibtischidee war, sondern durch das positive Feedback entstanden ist«. 95 Prozent der gespielten Dialoge seien tatsächlich so passiert.

Wenn man dabei zusieht, wie der Versammlungsleiter einem Polizisten Grundrechte erklären muss, ist den Zuschauenden nicht immer klar, ob sie die Hände vorm Gesicht zusammenschlagen, ungläubig starren oder lauthals lachen sollen. Das Stück soll aber nicht nur unterhalten, sondern ebenso informieren. Die rechtlichen Grundlagen der vorgespielten Szenen - oder ihre Nichtexistenz - werden zwischendurch von einem Rechtsanwalt vorgetragen und erklärt. Das soll Menschen erreichen, die sich bisher gegen rechtlich ungültige Anweisungen der Polizei nicht zu helfen wussten, aber auch solche, die sich nicht vorstellen könne, wie eine linke Demonstration etwa ablaufen kann.

Das Echo der Auftritte ist auch nach über einem Jahr ungebrochen laut. Anfragen an die DüsseldorferInnen gibt es aus dem gesamten Bundesgebiet. Auftritte des Ensembles mit einem festen Stamm von zehn LaienschauspielerInnen gab es schon in Städten wie Dortmund, Bochum oder Münster, bei Parteien und linken Jugendorganisationen. Die Veranstaltungen werden mal von Dutzenden, mal von Hunderten Menschen besucht.

Satire bringt die Menschen häufig zum Lachen, im Idealfall auch zum Nachdenken. Die Unfähigkeit, der Unwille und das Versagen der Dortmunder Polizei ist in der Ruhrmetropole allerdings bitterer Ernst. Vor wenigen Wochen wurde ein junger Antifaschist am helllichten Tag von drei Neonazis mit einem Messer angegriffen und dabei leicht verletzt. Dieser Vorfall ist einer unter vielen. Statistisch sind die Straftaten von Rechts zwar zurückgegangen, doch das bedeutet keine Besserung, sagt Iris Bernert-Leushacke von der Dortmunder Linkspartei.

»Bestimmte Taten werden nicht mehr zur Anzeige gebracht, weil wir das Ergebnis schon kennen«, zeigt sich Bernert-Leushacke enttäuscht von der Polizei. »Täter konnte nicht ermittelt werden«, hieße es dann. Angriffe auf Parteibüros und Personen sowie Bedrohungen seien in Dortmund Alltag.

Dass der braune Teppich von einem Polizisten physisch ausgerollt wird, ist eine Überspitzung der Düsseldorfer Laienschauspieler. Doch in übertragenen Sinn ist das für Dortmund weiterhin traurige Realität.

Der nächste »Mein Einsatzleiter«-Auftritt findet am 22. Januar im »Zakk« in Düsseldorf, Fichtenstraße 40 statt. Internet: https://www.zakk.de

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