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Der Feuerteufel von Schöneweide

Verhandlung vor dem Berliner Landgericht: Florian M. soll zehn Fahrzeuge in Brand gesetzt haben

Florian M., 26 Jahre, ist ein kleiner, schmächtiger Typ. Seine Auffälligkeit ist die Unscheinbarkeit. Gleich zu Beginn der Verhandlung räumt er die ihm zur Last gelegten Taten ein: Zwischen dem 20. Mai und dem 12. Juni soll er laut Anklage insgesamt zehn Fahrzeuge in Schöneweide mittels Grillanzünder in Brand gesetzt haben. Was erst später bekannt wurde: Bis auf den ersten Pkw trugen alle Fahrzeuge ausländische Kennzeichen, vor allem polnische. Waren es fremdenfeindliche, rassistische Motive, die ihn trieben, Autos von ihm unbekannten Menschen anzuzünden? Der Schaden ist beträchtlich, da auch die umstehenden Fahrzeuge in Mitleidenschaft gezogen wurden.

»Ich bin nicht rechts, ich bin nicht links, ich bin in der Mitte«, erklärte er zu Beginn seines Geständnisses. Heute verstehe er selbst nicht, was ihn getrieben hat, Autos anzuzünden. Doch der Vorsitzende Richter gibt sich damit nicht zufrieden. »Es ist doch kein Zufall, dass von den zehn Fahrzeugen sieben polnische Kennzeichen trugen?« Schließlich räumt M. ein: Er hat als Lagerist gearbeitet, sein Chef war Pole. Als das Unternehmen den Bach runterging, war er der erste, der entlassen wurde. Danach fiel Florian M. in ein tiefes Loch. Seine Partnerin erwartet ein Kind, er arbeitslos, geplagt von Existenzängsten. Nachts habe er wach gelegen, wusste nicht, wie weiter im Leben, so M. Seitdem er ohne Arbeit war, habe sich sein Lebensrhythmus verändert, nichts brachte er mehr auf die Reihe. Es sei die große Angst gewesen, als ewiger Versager dazustehen und dem ungeborenen Kind kein guter Vater zu sein. M. nahm Antidepressiva, genutzt habe es wenig. Das triste Dasein triebe ihn des nachts auf die Straße.

Im Internet hatte er verschiedene Seiten durchforstet: Wie baue ich eine Bombe, wie zünde ich eine Explosion, wie funktioniert ein Grillanzünder. Eigentlich war alles ganz einfach: Er legte den Anzünder auf einen Reifen, die Flamme fraß sich langsam durch den Gummi, wenn das Feuer sichtbar war, dann war er schon über alle Berge. Nur beim letzten Brand am 12. Juni wurde er erwischt, weil er in einer Nacht gleich zweimal zuschlug und die Polizei noch in der Nähe war. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden die Ermittler 200 Wahlaufkleber der NPD. »Die habe ich bestellt. Ich war mit der Flüchtlingspolitik der Regierung nicht einverstanden. Dagegen wollte ich etwas machen«, so seine Erklärung. Florian M. ist kein strammer NPDler, kein notorischer Rechtsextremist, doch anfällig für einfache Parolen. Heute, sagt er, wisse er: Die Zerstörung fremden Eigentums löse keine Probleme, doch damals habe er keinen Ausweg aus seiner Lebenssituation gesehen, da war ihm alles egal.

Am Donnerstag steht ein weiterer Mann wegen Autobrandstiftung vor Gericht. Hier geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der mutmaßliche Zündler krankheitsbedingt handelte und deshalb nicht für seine Taten verantwortlich ist.

Etwa zwei Drittel der Autobrandstiftungen haben keinen politisch motivierten Hintergrund, wie es die Senatsantwort auf eine Anfrage der Piratenfraktion in der abgelaufenen Legislatur belegt. Die Zahl lag bei rund 250 im Jahr, nur im letzten Jahr war ein Rückgang zu verzeichnen. Frust auf die Welt, Krach mit Freunden oder Partnern oder die Freude am Zündeln sind die Hauptmotive der Feuerteufel.

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