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Ortsumgehung - Wunsch und Wirklichkeit

Im Nordosten sorgen die neuesten Straßenbaupläne auch für Kritik, so beim Handel und beim Verkehrsgewerbe

Schwerin. Mit Milliardeninvestitionen ist das Straßennetz in Mecklenburg-Vorpommern in den zurückliegenden 25 Jahren auf Vordermann gebracht und spürbar erweitert worden. Urlauber gelangen unter anderem über die neu gebaute Ostsee-Autobahn rasch zu ihren Zielen in den Ferienorten, Pendler zügig zur Arbeit und mit der neuen Rügenbrücke gibt es auf der Inselzufahrt weniger Staus. Dazu kommen sanierte Bundes- und Landesstraßen. Seit dem Jahr 2000 wurden nach Angaben des Schweriner Verkehrsministeriums in Mecklenburg-Vorpommern zudem für mehr als 400 Millionen Euro etwa 20 neue Ortsumfahrungen gebaut, um Städte und Dörfer vom Durchgangsverkehr zu entlasten.

Der Bau von weiteren Umgehungsstraßen ist im Bundesverkehrswegeplan verankert, der bundesweit bis 2030 Investitionen von nahezu 270 Milliarden Euro in Straßen, Schienen und Wasserwege vorsieht und jetzt im Bundestag beraten wird. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte erst kürzlich elf Millionen Euro für den Bau der Nordumgehung von Plau am See freigegeben. Doch die Straßenbaupläne sorgen für ein geteiltes Echo.

Das Verkehrsgewerbe im Nordosten begrüßt den Straßenausbau, beklagt aber vielfach falsche Schwerpunktsetzung. »Für Kleinstädte werden großzügige und weiträumige Umgehungen gebaut. Auf andere, weit wichtigere Projekte warten wir aber schon ewig«, sagt der Geschäftsführer des Landesverbandes, Norbert Voigt. Als Beispiele nennt er die Stadtumfahrung für Neubrandenburg und den Ausbau der viel befahrenen Bundesstraße 96. »Von Neubrandenburg nach Berlin sind es über die Autobahn 70 Kilometer mehr als auf der Bundesstraße 96. Das macht keiner freiwillig.« Voigt beklagt auch fehlenden Planungsvorlauf im Land und jahrelange Verfahren.

Den Vorwurf unzureichenden Planungsvorlaufs weist das Ressort von Landesverkehrsminister Christian Pegel (SPD) zurück. So habe der Bund 2015 Finanzierungszusagen für baureife Projekte im Umfang von 2,7 Milliarden Euro gegeben. 97 Millionen Euro davon erhalte Mecklenburg-Vorpommern. Der Anteil von 3,62 Prozent liege über dem bei der Vergabe von Bundesmitteln meist angewendeten Königsteiner Schlüssel, nach dem das Land zwei Prozent erhält.

Allerdings klagt auch das Ministerium über oft sehr lange Genehmigungsprozesse. Laut Minister Pegel stehen neben drei laufenden Projekten 16 weitere Ortsumgehungen für den Nordosten im Bundesverkehrswegeplan und können in den nächsten 15 Jahren geplant und umgesetzt werden. Die Voraussetzung: Der Bund gibt auch das benötigte Geld.

Nach Meinung des Umweltschutzverbandes BUND halten Bundes- und Landesregierung an einer überholten Strategie fest und schaden somit Mensch und Natur. »Der Bundesverkehrswegeplan ist nicht auf eine zukunftsfähige Mobilität ausgerichtet, sondern listet auch für Mecklenburg-Vorpommern überflüssige und überteuerte Straßenneubauprojekte auf«, befindet der BUND-Landesvorsitzende Mathias Grünwald. Alternativvorschläge etwa zum Ausbau der B96 auf Rügen seien nie ernsthaft geprüft worden. Da der Straßenneubau nicht zurückgefahren werde, fehle Geld für wichtige Schienenprojekte wie etwa die Eisenbahnverbindungen von Berlin zu den Ferienzielen Usedom und Darß. Grünwald plädiert zudem dafür, statt teure Ortsumgehungen zu bauen für mehr Lärmschutz in Ortsdurchfahrten zu sorgen.

Eine Idee, die auch vom Einzelhandelsverband unterstützt wird. »In einigen Kommunen war die Ernüchterung groß, als die Ortsumgehung fertig war. Denn in Geschäften und Gaststätten blieb Kundschaft weg, weil kaum noch jemand durch den Ort fuhr«, berichtet Kay-Uwe Teetz vom Einzelhandelsverband in Mecklenburg-Vorpommern. Schätzungen zum Umsatzverlust wollte er nicht abgeben. Doch hätten erste Städte aufgrund dieser Entwicklung ihre Forderungen nach Verkehrsentlastungen überdacht: »Bad Doberan hat die geplante Ortsumgehung inzwischen wieder streichen lassen«, berichtet Teetz.

Nach Einschätzung des Verkehrsklubs ADAC sind die Verkehrsprobleme in Mecklenburg-Vorpommern im Vergleich zu anderen Bundesländern überschaubar. »Das Fernstraßennetz ist gut ausgebaut und in gutem Zustand. Selbst in den Reisezeiten im Sommer kommt es nur selten zu Staus«, konstatiert Christian Hieff vom ADAC Hansa. Doch räumt er ein, dass es an Regentagen in Stralsund, wenn das Ozeaneum lockt, oder an An- und Abreisetagen auf einigen Küstenstraßen auch mal nur zäh vorangeht. »Aber man kann ja nicht die gesamte Straßeninfrastruktur in einem dünn besiedelten Land auf den Maximalbedarf in sechs Sommerwochen ausrichten«, sagt Hieff. dpa/nd

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