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Dreckschleuder im Ruhestand

Kohlekraftwerk Buschhaus in Niedersachsen abgeschaltet - Hunderte Beschäftigte betroffen

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Umweltschützer in Niedersachsen und Westberlin erfuhren im August 1984 unerwartete Unterstützung: von Erich Honecker. Der Staatsratsvorsitzende protestierte namens der DDR gegen die Inbetriebnahme des umstrittenen Braunkohlekraftwerks Buschhaus bei Helmstedt und ließ die in der BRD demonstrierenden Kritiker des Projekts wissen: Er teile deren Bedenken »in vollem Umfang«.

Bis in die DDR-Hauptstadt und vielleicht noch weiter könnten Schadstoffe aus der an der Grenze zum DDR-Bezirk Magdeburg liegenden Anlage wehen, so fürchtete man seinerzeit nicht nur im SED-Politbüro. Am vergangenen Wochenende nun ist sie abgeschaltet worden - nach einem »Abschiedsfrühstück« vor Ort.

Die Atmosphäre bei jenem Beisammensein habe eher einer Beerdigung entsprochen, heißt es aus Gewerkschaftskreisen. Verständlich, gehen doch allein beim Betreiber des Kraftwerks, der Helmstedter Revier GmbH, 370 Arbeitsplätze verloren. Von den Betroffenen werden 200 in den vorgezogenen Ruhestand geschickt, 50 kümmern sich um die Renaturierung des nahen Braunkohletagebaus, und etwa 80 Kräfte halten bis 2020 den sogenannten Stillstandsbetrieb aufrecht.

In Betrieb, also Strom produzierend, ist die Anlage dabei nicht, sondern im Ruhestand. Sollte in den kommenden vier Jahren unerwartet immens hoher Strombedarf auftreten, kann Buschhaus wieder angefeuert werden. Insider gehen jedoch davon aus, dass dieser Fall nicht eintritt. Fest steht: 2020 wird endgültig abgeschaltet.

Angeschaltet worden war die Anlage vor 31 Jahren - trotz heftiger Proteste aus der Bevölkerung gegen die »größte Dreckschleuder der Nation«, wie das Kraftwerk oft bezeichnet wurde. Besonders erbost waren besorgte Bürgerinnen und Bürger in Ost und West über die Absicht der CDU/FDP-Landesregierung Niedersachsens, den Komplex ohne Entschwefelung zu genehmigen. Politische und juristische Auseinandersetzungen entbrannten, der Bundestag sorgte schließlich für einen Kompromiss: Anfangs wurde schwefelärmere Kohle aus ferneren Revieren herangekarrt, 1987 kam die Entschwefelungsanlage. Dennoch blieb Buschhaus eines der 30 deutschen Kohlekraftwerke mit dem höchsten Ausstoß von Kohlendioxid. Aus dem 307 Meter hohen Schornstein - der höchste in Deutschland - gelangten beispielsweise 2010 über zwei Millionen Tonnen des schädlichen Gases in die Umwelt, belegt das europäische Emissionsregister. Darüber hinaus verließen den Schlot in jenem Jahr 1780 Tonnen Schwefeloxide, 1380 Tonnen Stickoxide und 81 Kilogramm Quecksilber.

So sehr das Ende dieser Belastung in weiten Kreisen auch begrüßt wird, so hat das Aus des Kraftwerks doch über die Landesgrenze hinaus Sorgen ausgelöst, denn: Neben den 370 Arbeitsplätzen in Niedersachsen gehen auch 320 in Sachsen-Anhalt verloren. Sie will die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft bis 2019 in Profen im Burgenlandkreis abbauen. Vom dortigen Tagebau sollte ursprünglich Kohle nach Buschhaus geliefert werden, weil die Vorkommen in der Nähe des Kraftwerks erschöpft sind.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) hat dem Raum Helmstedt »volle Unterstützung« zugesichert, und im Umweltressort gibt’s bereits eine Idee für die künftige Nutzung von Buschhaus: Minister Stefan Wenzel (Grüne) sagte der Braunschweiger Zeitung, auf dem Kraftwerksgelände könnten ein energiepolitisches Bildungszentrum oder eine Informationsstelle entstehen.

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