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Auf dem Zahnfleisch

Der Fahrgastverband IGEB sieht den Nahverkehr nicht für die wachsende Stadt gerüstet

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Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) feiern sich für ihre neue, ironische Werbung, die auch mit Videoclips Millionen Menschen erreichen. Wie stehen Sie dazu?
Virale Hits zu landen, gehört nicht zum Kerngeschäft der BVG. Wichtiger wäre, die Fahrgastinformation zu verbessern, vor allem bei Störungen. Und die BVG muss offen über Probleme sprechen. Über fehlende Fahrer oder Fahrzeuge zum Beispiel. Gerade die Offenheit der S-Bahn-Chefetage in der S-Bahn-Krise hat gezeigt, dass eine gute Information nicht alles heilt, aber so manche Woge glättet.

Was sind die größten Probleme der BVG?
Beim U-Bahn-Wagenpark geht die BVG auf dem Zahnfleisch. Das Durchschnittsalter beim Fuhrpark liegt bei fast 30 Jahren. U-Bahn-Züge sind aber nur für 25 bis 30 Jahre Lebensdauer ausgelegt. Zwar sind für das Kleinprofil auf der U1 bis U4 neue Wagen im Bau, für die restlichen Linien gibt es aber nicht mal eine Ausschreibung. Auch der Fahrzeugbestand der Straßenbahn wird nicht reichen, wenn das Netz so erweitert wird, wie es erforderlich ist.

Also können Sie dem scheidenden Senat keine gute Bilanz bescheinigen?
Über Positives muss ich lange nachdenken. Die Angebotsausweitung bei der BVG mit zusätzlichen Fahrten ist das Einzige. Aber bei der Straßenbahn ist die Streckenausbaubilanz beschämend im Vergleich zu anderen Städten. Die Fahrzeugfinanzierungsgesellschaft der BVG ist viel zu spät beschlossen worden. Auch mit der S-Bahn-Ausschreibung hat sich der Senat viel zu viel Zeit gelassen.

Was sollte ein neuer Senat sofort unternehmen?
Bessere Fahrgastinformationen bei der BVG durchsetzen. Und die Neuausrichtung der Verkehrslenkung Berlin als Teil der ökologischen Verkehrswende. Der öffentliche Personennahverkehr braucht mehr Vorrang auf den Straßen.

Wie soll es mit dem Straßenbahnausbau weitergehen?
Sofort begonnen werden müssen die Strecken, wo schon alles klar ist, wie bei der Verbindung zwischen Adlershof und Schöneweide oder der Verlängerung zur Turmstraße. Für die Strecke vom Alex zum Potsdamer Platz muss endlich die Planung erarbeitet werden. Wir erwarten außerdem innerhalb der nächsten fünf Jahre die Erarbeitung eines Groß-Berliner Straßenbahnnetzes von Schmöckwitz bis zum Falkenhagener Feld. Wir müssen wissen, wo die Straßenbahn den Bus sinnvoll ersetzen kann. Das gilt sicher für weit über 100 Kilometer neue Strecken.

Berlin wächst, braucht es da auch nicht mehr U-Bahn-Strecken?
Wir werden die Verkehrsprobleme nicht mit der U-Bahn lösen. Wir können gucken, ob die Verlängerung der U3 zum Mexikoplatz finanzierbar ist. Das würde eine Netzlücke schließen und die S1 entlasten. Die U9 von Steglitz nach Lankwitz wäre eine Untersuchung wert. Zu allen weiteren Projekten sage ich: Ab in die Tonne.

Die IGEB steht auch kritisch zum Fahrradvolksbegehren. Warum?
Wir unterstützen den Ansatz völlig. Allerdings glauben wir nicht, dass ein Gesetz das in Gänze regeln kann. Zum Beispiel würde in der Potsdamer Straße ein zwei Meter breiter Radweg teilweise die Busspur zerstören und später die Straßenbahn erschweren. Es geht nicht dogmatisch. Und: Radschnellwege dürfen nicht zulasten vorhandener Eisenbahnstrecken gehen, wie bei der Stammbahn.

Warum sollte die Stammbahn, also die Strecke über Zehlendorf nach Potsdam nicht für einen Fahrradweg genutzt werden?
Viele tun so, als wäre Berlin eine Insel. Niemand guckt nach Eberswalde oder Falkensee. Wir brauchen im nahen Umland die S-Bahn und Regionalzüge zu den entfernteren Zentren. Berlin ist das Herz der Mark und braucht gesunde Herzkranzgefäße. Mit so einer Politik schütze ich den Speckgürtel vor der kompletten Zersiedelung. Gegen eine Zweckentfremdung der Stammbahn werden wir massiven Widerstand leisten.

Wir haben noch gar nicht über die ebenfalls schwierige Situation bei der S-Bahn gesprochen.
Die Wagenknappheit wird sich bis zur Auslieferung der neuen Fahrzeuge in den 20er Jahren nicht ändern. Aber auch die Gleisinfrastruktur reicht nicht. Die vielen eingleisigen Außenstrecken sorgen für einen instabilen Betrieb. Dringend verbessert werden muss auch die Ringbahn. So fehlt ein Bahnhof, an dem Züge getauscht werden können. Und es muss über noch mehr Züge für noch mehr Verkehr nachgedacht werden, denn die Fahrgastzahlen der S-Bahn werden weiter zunehmen.

Sollte die S-Bahn oder die ausgebaute Regionalbahn nach Falkensee führen?
Die Express-S-Bahn für das Havelland, in zehn Jahren nach Falkensee und in 20 Jahren nach Nauen, wäre die richtige Wahl. Das zeigt auch der Vergleich mit Strausberg, wo dreimal so viele Fahrgäste die S-Bahn nutzen wie im Havelland die Regionalbahn. Auch nach Velten muss die S-Bahn fahren, eine Verlängerung nach Rangsdorf sollte geprüft werden.

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