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Ein Leben ohne Muff

»Wir müssen hier raus«: Ein Buch zum Krautrock

  • Von Sebastian Loschert
  • Lesedauer: 3 Min.

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Was ist eigentlich dieser Krautrock? Ist er so deutsch, wie sein Name klingt? Legten die verhaschten Krautrocker Ende der 60er bis Mitte der 70er gar die Grundlage für eine »Wiedergeburt Deutschlands«, wie eine BBC-Dokumentation vor einigen Jahren titelte? Wolfgang Seidel, Gründungsmitglied der Band Ton Steine Scherben, kam in jener Doku mehrfach zu Wort, doch mit diesem Etikett ist er offensichtlich nicht einverstanden. Gerade die Flucht aus der repressiven Normalität der alten Bundesrepublik, ganz im Sinne des Scherben-Titels »Wir müssen hier raus!«, sei der entscheidende Impuls der Krautrock-Musiker von Amon Düül, Embryo, Kluster oder Tangerine Dream gewesen, schreibt er nun in seiner kurzen Monografie.

Diese These entwickelt Seidel vor einem unterhaltsam beschriebenen Panorama Nachkriegsdeutschlands. Auch sich selbst führt er als Exempel an und lässt autobiografische Fragmente in den Text einfließen: seine Kindheit mit Science-Fiction-Schmökern, die Entdeckung der Beat-Musik, das Zodiak Free Arts Lab am Halleschen Tor, seine Freundschaft mit Conrad Schnitzler und die Zeit bei Ton Steine Scherben. Sein Interesse an letzteren habe er verloren, als sie »eine richtige Band mit richtigen Songs wurden, die es immer wieder zu reproduzieren galt«.

Interessanterweise verwirft Seidel naheliegende musikalische Definitionen von Krautrock größtenteils. Der motorische Beat? Ebenso gut ließe sich das Gegenteil, die Auflösung linearer Zeitstrukturen, anführen. Elektronische Synthie-Avantgarde? Die wichtigsten Platten sind ohne Synthesizer entstanden, der erste Synthiepop kam aus England, mit elektronischer Musik wurde in anderen Ländern schon zuvor experimentiert.

Ein übergreifendes Merkmal des Krautrock, so betont der Autor, sei dagegen gewesen, dass er Teil einer sozialen Bewegung gewesen sei und die Musiker eine »Do your own thing«-Einstellung pflegten. Dieses »own thing« sei dabei aber eben nicht als nationales Eigenes misszuverstehen, sondern als Befreiung von Tradition und Identitätskitsch. Bis in den Gebrauch von Effekten wie Hall und Echo spürt Seidel dem Wunsch nach einem anderen, freieren, vom Muff befreiten Leben nach.

Und so, wie die 60er-Jahre-Revolte »längst vergessen« wäre, wenn sie nicht auch von Lehrlingen und Arbeitern getragen worden wäre, waren auch die musikalischen Innovationen der Nachkriegszeit keineswegs bloß Bürgerwerk. Rock ’n’ Roll war zu Beginn »ein hauptsächlich proletarisches Vergnügen«.

Von allzu engen Definitionen und der Illusion einer Tabula rasa hält Seidel wohltuend Abstand und versucht, die Bewegung, von der »niemand weiß, wie viele Bands überhaupt existierten«, musikgeschichtlich, kunstgeschichtlich und räumlich einzubetten. So sind Rock ’n’ Roll, Jazz, Beat, Punk und New Wave Thema. Der Einfluss von John Cage, Stockhausen, der Minimal Music, Intermedia oder Fluxus werden skizziert, ebenso die Szenen in München, Frankfurt am Main, Hamburg oder im Ruhrgebiet.

Der Begriff »Krautrock« wurde im Übrigen Anfang der 70er von einer englischen Musikzeitschrift erfunden, bezugnehmend auf einen Titel der Gruppe Faust. Die damals in der Szene populäre Selbstbezeichnung »Free Beat« hält Seidel allerdings für viel zutreffender.

Seine gleichermaßen anspruchsvolle wie gut lesbare Einführung in den Krautrock ist auch als eine ganz aktuelle Einladung zu lesen, eine Szene wiederzuentdecken sowie eine Zeit, in der die Experimentierfreude und der antikommerzielle Ethos der Krautrocker noch putzmunter existierten.

Letztlich zeigt Seidel sich zuversichtlich, dass es der deutschnationalen Identitätssuche nicht gelingen wird, die spielerisch-sperrigen Töne jener Jahre für ihre Sache zu instrumentalisieren - es allerdings auch nicht nötig hat: Die »neue deutsche Härte« à la Frei.Wild sei dafür viel besser geeignet, meint Seidel.

Wolfgang Seidel: Wir müssen hier raus! Krautrock, Free Beat, Reeducation. Ventil-Verlag (Testcard Zwergobst), 133 S., 14 €.

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