Eingefrorene Emissionen

Luftfahrtbranche einigt sich auf Klimaziele / Umweltschützer halten sie nicht für ausreichend

  • Von Christian Mihatsch, Chiang Mai
  • Lesedauer: 3 Min.

»Der Luftverkehr kann jetzt seinen ›Paris Moment‹ behaupten«, sagte Olumuyiwa Benard Aliu, der Chef der UN-Sonderorganisation für Zivilluftfahrt ICAO. Diese hat am Donnerstagabend einen Mechanismus beschlossen, mit dem die CO2-Emissionen des Luftverkehrs auf dem Niveau von 2020 gedeckelt werden sollen. Emissionen, die darüber hinaus gehen, müssen die Fluggesellschaften kompensieren, indem sie in Klimaschutzprojekte investieren. Damit wird eine Lücke im Pariser Weltklimavertrag geschlossen, der weder die Emissionen aus der Luft- noch aus der Schifffahrt abdeckt.

Dies ist nicht zuletzt ein Erfolg der EU, denn erst nachdem diese die Emissionen aus dem Luftverkehr in ihr Emissionshandelssystem aufgenommen hatte, sah sich die ICAO genötigt, selbst etwas zu tun. EU-Kommissarin Violeta Bulc lobte das Abkommen: Es »öffnet ein neues Kapitel des Luftverkehrs, wo Nachhaltigkeit endlich Teil unserer Art des Fliegens wird. Allerdings bedeutet dies nicht ›Mission erfüllt‹«. Der Luftverkehr verursacht derzeit rund 500 Millionen Tonnen Kohledioxid pro Jahr - rund zwei Prozent der globalen Emissionen.

Das Abkommen gilt für die Jahre 2021 bis 2035. In den ersten sechs Jahren ist die Teilnahme für die Länder allerdings freiwillig. Mehr als 60 Länder, darunter die EU, die USA und China, haben aber angekündigt, von Anfang an dabei zu sein. Damit sind in den ersten Jahren rund zwei Drittel des erwarteten Zuwachses an Emissionen abgedeckt. Dies wird von Umweltverbänden kritisiert: »Das Verschieben des Beginns der obligatorischen Maßnahmen auf das Jahr 2027 untergräbt das ab 2020 versprochene Ziel eines kohlenstoffneutralen Wachstums«, schreiben sechs deutsche Umweltorganisationen in einem gemeinsamen Positionspapier. Kritisiert wird auch, dass mit dem Abkommen die Emissionen der Branche nicht reduziert, sondern nur eingefroren werden. Brad Schallert von der Umweltorganisation WWF sagte: »Als langfristiger Ansatz wird das nicht funktionieren, aber zum Glück haben wir die Überprüfungsperioden.« Alle drei Jahre soll dabei geprüft werden, ob der Mechanismus funktioniert und die Luftfahrt genügend zum Kampf gegen den Klimawandel beiträgt. Bei dieser Gelegenheit kann dann eine Verschärfung beschlossen werden.

Wie gut das Abkommen funktionieren wird, hängt auch davon ab, welche Kompensationszertifikate die Fluglinien zur Kompensation ihrer Emissionen nützen dürfen. Solche Zertifikate werden von Klimaschutzprojekten produziert wie dem Klärwerk der marokkanischen Stadt Marrakesch. Dort wird Biogas gewonnen, das anschließend zur Stromerzeugung eingesetzt wird. Damit können pro Jahr Emissionen im Gegenwert von 32 000 Tonnen CO2 vermieden werden.

Das Stockholm Environment Institute SEI schätzt, dass die Fluglinien in den Jahren 2020 bis 2035 insgesamt Zertifikate für 3,3 bis 4,5 Milliarden Tonnen CO2 benötigen werden. Gleichzeitig erwartet das SEI ein Angebot von Zertifikaten »höchster Qualität« im Gegenwert von drei Milliarden Tonnen. Welche Zertifikate die Fluglinien nutzen dürfen, ist aber noch nicht entschieden. Eine Möglichkeit, das Zertifikateangebot auszudehnen, ist der Einbezug von Aufforstungsprojekten. Die Kosten werden sich für die Fluglinien in Grenzen halten: ICAO schätzt, dass die Fluglinien im Jahr 2035 knapp 24 Milliarden Dollar für Zertifikate ausgeben werden - 1,8 Prozent ihres Umsatzes. Dadurch erhöht sich der Preis eines Kurzstreckenflugs um rund einen Dollar.

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