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Die Ebbe nach der Flut

Vier Monate nach dem verheerendem Unwetter in Braunsbach warten Betroffene noch auf Geld von der Versicherung

  • Von Alexander Isele, Braunsbach
  • Lesedauer: 7 Min.

Wer an einem der wunderschönen Altweibersommertage auf dem Marktplatz im baden-württembergischen Braunsbach steht, kann sich nur schwer vorstellen, welche Naturgewalt den Ort Ende Mai verwüstet hat. Wer die Bilder von damals kennt, ist erstaunt, wie sauber und aufgeräumt die Straßen aussehen. Erst auf den zweiten Blick wird ersichtlich, dass in fast allen Häusern der Straße die Fenster im Erdgeschoss fehlen und Wände neu gesetzt werden. Hausbesitzer und Handwerker bauen an ihren Häusern, die Geräusche von Bohrern, Sägen und Pumpen schallen im Hintergrund durch die Straßen. Trotzdem könnte der Kontrast zu den Bildern nicht größer sein, die vor etwas über vier Monaten um die Welt gingen.

Am 29. Mai zog ein Sturmtief über Teile Süddeutschlands und verwüstete einige Gemeinden. Wohl kaum ein Ort war so betroffen wie Braunsbach: Die Gemeinde liegt im Kochertal, umgeben von der Hohenloher Ebene. Das Wasser - 180 Liter Regen pro Quadratmeter in knapp zwei Stunden - stürzte durch die Bachläufe ins Tal und riss alles mit, was im Weg stand, ob Bäume oder Steine. Eine Gerölllawine ergoss sich in den Ort. Meterhoch türmten sich Schutt- und Schlammberge in den Straßen, durchsetzt mit Baumstämmen und Steinen. Im Internet gibt es Videoaufnahmen, auf denen zu sehen ist, wie ein Feuerwehrauto von den Wassermengen weggeschwemmt wird.

Die Ebbe nach der Flut

Bürgermeister Frank Harsch und die Gemeindeverwaltung hatten seither kaum einen Moment zum Verschnaufen. Vor dem Rathaus fragt er, ob es möglich wäre, das Gespräch um eine dreiviertel Stunde zu verschieben, er sei noch nicht zum Mittagessen gekommen. Es ist fast halb drei Uhr am Nachmittag. »Aber wenn Sie extra aus Berlin angereist sind, können wir auch gleich reden«, sagt er noch, ehe er von einer Anwohnerin unterbrochen wird, die eine Frage zu dem Antrag auf finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau hat. »So geht das seit Juni, auch wenn es sich etwas beruhigt hat«, erklärt Harsch mit einem Lächeln.

Der Bürgermeister führt durch das Rathaus und zeigt die Schäden, die die Sturzflut am Gebäude angerichtet hat, wie hoch das Wasser innen stand, welche Computer er nicht mehr retten konnte. »Eine seriöse Kostenschätzung für den Wiederaufbau können wir nicht geben, aber ich hoffe, dass der Schaden unter 100 Millionen Euro liegt«, erklärt er. »Viele der Schäden, zum Beispiel im Tiefbau in der Kanalisation, können noch gar nicht abgeschätzt werden.« Über 1,3 Millionen Euro an Spenden seien bisher eingegangen, und noch immer kommen täglich neue hinzu. 800 000 Euro davon sind bisher ausbezahlt worden, nach Richtlinien, die die Gemeinde erarbeitet hat. Erstens wurde allen Betroffenen pauschal eine Soforthilfe ausgezahlt. Zweitens gibt es eine Schadensregulierung für die Fälle, in denen die Versicherung nicht ausreichend oder gar nicht zahlt, »so dass diese Fälle abgefedert werden«, erklärt Harsch. Und drittens gibt es Gelder für Härtefälle, die nirgends reinpassen und wo individuell versucht wird, eine Lösung zu finden.

Auch mit der Sparkassenversicherung, bei der 80 Prozent der Betroffenen versichert sind, ist Harsch in direktem Austausch. »Zumindest bis jetzt haben es die Bürger geschafft, mit der Sparkassenversicherung eine Lösung zu finden, wenn es Probleme gab. Teilweise wurde ich auch als Vermittler angefragt.« Harsch weiß aber auch, dass nicht alle Betroffenen so denken und fügt an, dass es Fälle gab, in denen die Bürger nicht ausreichend versichert waren, in einem Fall auch gar nicht. »Da tun sich die Versicherungen natürlich schwer.«

Die Ebbe nach der Flut

Kritik übt der Bürgermeister an der Versicherungswirtschaft, die die Vertragsbedingungen und -inhalte zu komplex gestaltet: »Die Frage, ob Sturzflut von der Versicherung abgedeckt ist oder nicht, die kann man nicht so ohne weiteres herauslesen aus den Verträgen. Die Bedeutung von elementar und nicht-elementar, das ist zu komplex. Natürlich kann man sagen, die Leute sollen in ihre Verträge schauen. Aber die sind zu kompliziert. Das waren nicht nur Einzelfälle, in denen das nicht verstanden wurde.«

Unter den Geschädigten ist Werner Friedl. Der großgewachsene Rentner hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Katastrophe in Braunsbach zu dokumentieren. Im blauen Overall, mit blauer Schirmmütze und einer Spiegelreflexkamera um den Hals, trifft man ihn im Ort. Weit über 3000 Bilder hat er bereits gemacht, die ersten schon während des Starkregens, der die Sturzflut auslöste. Im Ort kennt jeder jeden, und mit fast allen unterhält sich Friedl auf seinen Runden durch die Straßen. Mit einer älteren Frau flachst er herum: »Berlin wär’ nichts für uns. Da kennt sich niemand mehr persönlich. Da wären wir verloren.«

Friedl wohnt im Nachbarort, aber das Elternhaus und eine dazugehörende Scheune stehen in Braunsbach. Vor allem die Zufahrt zum Hof war mit meterhohem Schlamm zugedeckt, erst Mitte September wurden die letzten Reste aus dem Hof entfernt. Während das Elternhaus größtenteils unbeschädigt blieb, ist die Scheune einsturzgefährdet und darf nicht betreten werden. Friedl führt um die Scheune herum, zeigt, wie hoch der Matsch stand, die Stützen, die angebracht wurden, um einen sofortigen Einsturz zu verhindern, das eingeritzte Datum des Baus der Scheune: 1814.

Diese war auch der Treffpunkt des Braunsbacher »Quickly Klubs«, erzählt Friedl. »Da hatte jeder eine Aufgabe, wir haben zusammen ein Bierli getrunken, haben an unseren Mopeds gearbeitet und sind dann glücklich wieder nach Hause.« Circa 20 der Moped-Klassiker standen in der Scheune und wurden vom Schlamm schwer beschädigt. »Es gibt hier mehrere Quickly Klubs in der Gegend, und einzelne Leute haben Patenschaften übernommen und richten die Mopeds wieder her«, erzählt Friedl. Ob die Versicherung für die Instandsetzung der Scheune zahlt, ist noch nicht entschieden. Bisher zahlte sie dreimal für die Beseitigung des Schlamms und für die Stütze an der Scheune.

Für Rentner Friedl ist »das Dorf tot. Wir hatten hier alles: verschiedene Geschäfte - Spielwaren, Lebensmittel -, das Gasthaus zur Sonne. Immerhin hat jetzt eine Pizzeria geöffnet.« Auch Bürgermeister Harsch sieht es als eine der wichtigsten Aufgabe an, Begegnungsstätten zu schaffen, wo die Bürger in Kontakt kommen und sich austauschen können. Die Gemeinde installierte eine mobile Bäckerei fest auf dem Marktplatz, die noch ausgebaut werden soll.

Dort halten sich die drei Jugendlichen Oliver, Sina und Luca auf. Auch wenn nur noch selten Journalisten vorbeikommen, reagieren sie fast schon routiniert auf Presse. Sie erzählen von Reportern von der BBC aus Großbritannien und aus China, die in den Tagen der Katastrophe in Braunsbach waren, und wie die Polizei die Presse daran hindern musste, in die fremde Häuser zu steigen.

Oliver ist bei der Jugendfeuerwehr von Braunsbach und hat nach der Sturzflut bei den Aufräumarbeiten geholfen. Bei ihm zu Hause war der komplette Keller bis unter die 2,20 Meter hohe Decke voll mit Geröll. »34 Helfer haben an einem Tag alles leer geräumt. Zwischen 35 und 40 Tonnen Geröll mussten mit Schaufel und Schubkarre beseitigt werden.« Fast zwei Wochen lang wurden so die betroffenen Häuser zumindest vom Schlamm befreit, jeden Tag ein anderes. Dabei halfen Freiwillige aus ganz Deutschland. Bei Oliver zu Hause wurden in den letzten Monaten die Balken und Böden im Erdgeschoss ausgetauscht und der Keller trocken gelegt. Nur neue Fenster fehlen noch. Die Kosten übernahm die Versicherung, allerdings nicht für die Gegenstände, die im Keller gelagert wurden - die Hausratsversicherung deckt die Katastrophe nicht ab.

Die drei Jugendlichen erzählen, wie viele der Bewohner des Ortes ungeduldig werden und zunehmend gereizt sind. Manche sind fünf, andere acht Wochen mit den Instandsetzungsmaßnahmen im Verzug, weil die Versicherung die Gelder noch nicht bewilligt oder noch nicht ausgezahlt hat. Die Jugendlichen sind sich einig darin, dass die Stimmung kippen kann.

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