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Das Ende der lateinamerikanischen Guerillas

Aaron Tauss über Friedensverhandlungen in Kolumbien und ihre Folgen für die marxistisch orientierten, militärischen Utopieprojekte

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Auch wenn der Friedensvertrag zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC-Guerilla nach fast vier Jahren zäher Verhandlungen in einer Volksabstimmung Anfang Oktober überraschend abgelehnt wurde, deutet nach wie vor einiges darauf hin, dass der längste bewaffnete Konflikt in der westlichen Hemisphäre nach mehr als fünf Jahrzehnten doch noch einen friedlichen Ausgang finden könnte.

Ein finales Abkommen mit der FARC würde gleichsam das Ende der ältesten, größten und aktivsten Guerillaorganisation Lateinamerikas bedeuten. Dies wirft erneut die Frage auf, ob durch die bevorstehende Eingliederung der FARC in Kolumbiens politisches System auch der bewaffnete Kampf als Strategie linker Kräfte endgültig historisch überholt ist. Mit einem erfolgreichen Friedensprozess in Kolumbien würde sich nämlich der lateinamerikanische Zyklus marxistisch orientierter, militärischer Utopieprojekte, der in der Sierra Maestra mit Fidel Castro und Ernesto »Che« Guevara Mitte der 1950er Jahre seinen Anfang nahm, ironischerweise wieder auf der Karibikinsel schließen.

Inspiriert vom Erfolg der Kubanischen Revolution, formierten sich in den 1960er und 1970er mit Ausnahme von Costa Rica in allen Ländern der Region Guerillabewegungen, die sich den gewaltsamen Sturz ihrer herrschenden Klassen zum Ziel setzten. Die marxistisch-leninistische FARC, die auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges Mitte der 1960er Jahren von kommunistischen Kleinbauern gegründet wurde, war eine solche Gruppierung. Während es in Zentralamerika in der Folge den Guerillas gelang, die herrschende Ordnung substanziell in Frage zu stellen, hielten sich die Erfolge im Süden des Kontinents weitgehend in Grenzen. Ausschlaggebend dafür waren vor allem unzureichende militärische und finanzielle Hilfe (Kuba, Sowjetunion), die materielle Überlegenheit nationaler Streitkräfte und die oft mangelnde Unterstützung durch die Zivilbevölkerung. Dazu kam noch, dass mit dem Ende der Militärdiktaturen in Südamerika die Daseinsberechtigung der Guerillabewegungen grundsätzlich in Frage gestellt wurde. In Kolumbien gelang es der FARC hingegen, durch die (in)direkte Beteiligung am lukrativen Drogengeschäft in den 1980er und 1990er Jahren ihr militärisches Potenzial auszubauen und ihre territoriale Präsenz zu erweitern.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erregte jedoch vor allem der Aufstand der Zapatistas (EZLN) im Süden Mexikos Mitte der 1990er Jahre neues Revolutionsinteresse. Letzteres erklärte sich vor allem an der von Subcomandante Marcos propagierten innovativen Form des bewaffneten Aufstands. Mit der Wahl von Mitte-Links und linker Regierungen (Venezuela, Bolivien, Ecuador, etc.) in den vergangenen 17 Jahren schien es jedoch zunehmend möglich, soziale Transformationsprojekte auch demokratisch legimitiert voranzutreiben. So meinte Venezuelas ehemaliger Präsident Hugo Chávez kurz vor seinem Tod in Anlehnung an die FARC, dass bewaffnete Guerillabewegungen im 21. Jahrhundert völlig »fehl am Platz« seien. Mittlerweile haben sich die meisten Rebellengruppen Lateinamerikas aufgelöst bzw. in politische Parteien umgewandelt. In Nicaragua (FSLN) und El Salvador (FMLN) gewannen mit Daniel Ortega und Salvador Sánchez Cerán ehemalige Guerilleros die Präsidentschaftswahlen.

Ob der FARC in den kommenden Jahren ähnliches gelingt, scheint angesichts der repressiven herrschenden Klassen Kolumbiens und des scharfen medialen Gegenwinds eher unwahrscheinlich. Abseits von Kolumbien gibt es heute lediglich noch in Peru (Sendero Luminoso) und Paraguay (EPP) nennenswerte Guerillabewegungen, deren Truppenstärke laut Schätzungen jedoch nur im unteren dreistelligen Bereich anzusiedeln ist. Dass Kolumbien in Lateinamerika trotz des Friedensabkommens mit der FARC nach wie vor eine Ausnahme darstellt, zeigt sich vor allem auch an der zweitwichtigsten Guerilla des Landes, der Nationalen Befreiungsarmee (ELN). Diese würde in Folge einer erfolgreichen Demobilisierung der FARC mit ihren derzeit geschätzten 2500 Kämpfern und Kämpferinnen zu Lateinamerikas größter Guerilla aufsteigen.

Doch auch hier gibt es Bewegung: Die Friedensverhandlungen zwischen der Regierung in Bogotá und der ELN sollen am 27. Oktober beginnen. Es scheint also nur noch eine Frage der Zeit sein, ehe auch die ELN abrüstet, um sich, wie FARC-Anführer Timoschenko kürzlich meinte, in Zukunft nur noch dem »Kampf mit Worten« zu widmen.

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