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Wahlkampf ohne Worte

Das Stummfilmfest in Pordenone machte überraschende Entdeckungen in Russland und in Polen

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

Weil gerade Wahlkampf ist in den USA (und eine filmhistorische Untersuchung zum Thema soeben erschienen), gab es bei den »Giornate del cinema muto«, den Tagen des stummen Kinos im Friaul, auch bewegte Bilder von redenschwingenden US-Präsidentschaftskandidaten zu sehen - aus den Jahren 1896 bis 1924. Der Wahlkampf hatte das Kino entdeckt, und das schon zu Zeiten, als Zwischentitel mit Texttafeln den Ton der Reden noch ersetzten. Da konnte man also Teddy Roosevelt im eigenen Park Bäume fällen sehen - seine liebste Freizeitbeschäftigung, wie der Text von 1912 stolz verkündete. Um gleich darauf einzuräumen, Bäume fällen könne zwar nun wirklich jeder - aber mache man es auch? Schon überraschend bei einem Präsidenten, der als Naturschützer bekannt wurde. Trotzdem: fast könnte man bedauern, dass diese Art der Wahlkampftaktik keine Schule machte. Wo sich die Frage doch geradezu aufdrängt, wie das bei Clinton und Trump wohl aussehen würde, ließe man sie im nächsten Park mit einer Axt auf Grünzeug eindreschen?

Das Festival fand erstmals unter neuer Leitung statt, und es war ein voller Erfolg. Wer nach Venedig flog und von dort ein Stündchen Richtung Nordwesten fuhr, bekam frühe Western zu sehen und Dokumentarisches über Kaiser Wilhelm II. auf Venedig-Besuch im Jahre 1898 - und dann gleich noch einmal 1908, zwischen Piazza San Marco und dem Schlachtschiff mit der Gondel pendelnd. Dazu gab es frisch restaurierte Großwerke wie »Kean«, eine französische Tragödie sehr frei nach dem wahren Leben und (auch ziemlich frei) nach dem Theaterstück von Alexandre Dumas dem Älteren. Der Film, unter exilrussischer Regie gedreht und mit Ivan Mosjoukine in der Titelrolle glänzend besetzt, zeigt die legendäre englische Theatergröße auf amourösem Kollisionskurs mit dem (damaligen) Prinzen von Wales tanzend, trinkend, liebend - und einem einsamen Tod im Exil entgegensteuernd.

Ein wesentlicher Teil des Programms kam in diesem Jahr aus dem Osten. Was sich in letzter Zeit an verloren geglaubten Schätzen im russischen Filmarchiv Gosfilmofond anfand, könnte alleine ein Festival beschicken. In Pordenone stammte die jüngste Entdeckung des Hitchcock-Kanons aus Moskau: »Three Live Ghosts«, drei lebende Gespenster, das sind die Weltkriegs-Veteranen Jimmy, Billy und Spoofy, die nach dem Ende von Krieg und Gefangenschaft in London einen mühsamen Wiedereinstieg in ihr altes Leben suchen. Ein tragikomischer Film, bei dem ein junger Hitchcock für die Grafik der Zwischentitel verantwortlich war und auch beim Produktionsdesign aushalf. Die Zwischentitel gingen zwar bei Übersetzung und Umschnitt für den sowjetischen Gebrauch verloren. Die Ausstattung aber hat überlebt - und sie spricht von einem sehr genauen Auge für Details.

Neben diesem Anflug von sozialem Realismus aus England fand sich eine US-Serie aus Stummfilmzeiten im russischen Archiv, ist jetzt also mit russischen Zwischentiteln zu lesen: »Who’s Guilty« gab 1915 in vierzehn melodramatischen Halbstündern diversen gesellschaftlichen Übeln und gesetzlichen Grauzonen ein menschliches Gesicht, von der Frage der Gültigkeit von Scheidungspapieren von einem US-Staat zum nächsten (damals nicht unbedingt gegeben, heute gesetzlich festgeschrieben) bis zur Polizeigewalt gegen streikende Arbeiter (damals die Norm, erst viel später gesellschaftlich geächtet). Und aus dem russischen Archiv kam auch der komische Höhepunkt des Stummfilmfests: ein Viertelstünder mit Kinderstar Baby Peggy von 1922, »The Little Rascal«. Eine Art »Kevin allein zu Haus«, nur hier mit Köchin, Kinderfrau und Dienstmädchen als Opfer der Streiche eines pfiffigen Kleinkinds. Trauriger Nachsatz zum fröhlichen Film: Der einstige Kinderstar lebt heute in Armut. In Pordenone wurde deshalb um Spenden für die alte Dame gebeten.

Und noch ein Film mit russischen Zwischentiteln lief im Giornate-Programm - aber hier war es der letzte seiner Art, bevor Polen nach 123 Jahren Teilung seine Nationalstaatlichkeit zurückerlangte: der Mitschnitt eines Brandes in einer Streichholz-Fabrik in Tschenstochau, 1913 noch Teil des russisch bestimmten Kongresspolen. Mit Wiedervereinigung und Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg setzten polnische Produktionen verstärkt auf nationale Themen: den Bau von Gdynia und die Bedeutung von Hafen und Marine in »Zew Morza« (Der Ruf der See) von 1927 zum Beispiel. Und natürlich die Verfilmung von literarischen Identitätsstiftern: gerade wurde dem verstorbenen Andrzej Wajda gedacht, der das polnische Nationalepos »Pan Tadeusz« 1999 adaptierte. In Pordenone war Ryszard Ordyńskis nicht minder monumentale Erstverfilmung von 1928 in einer frischen Restaurierung zu sehen.

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