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Die Mär vom freien Agrarmarkt

Benjamin Luig sieht Bauern und Bäuerinnen in der Tretmühle Landwirtschaft gefangen und plädiert für einen neuen Ansatz zur Bekämpfung des Hungers in der Welt

Obwohl die Nahrungsmittelproduktion in den letzten Jahrzehnten weltweit viel stärker gewachsen ist als die Weltbevölkerung, leidet noch immer mehr als jeder vierte Mensch unter Mangelernährung. Trotz hochentwickelter Agrartechnologie werden weltweit Jahr für Jahr zwölf Millionen Hektar produktive Bodenflächen unwiederbringlich zerstört. Das entspricht der gesamten Ackerlandfläche Deutschlands. Immer weiter breiten sich Bewässerungstechnologien aus, aber 2050 wird die Hälfte der heute künstlich bewässerten Fläche versalzen sein. Wie kann das sein? Weshalb hat der technische Fortschritt das Hungerproblem nicht längst gelöst?

Das globale Agrarsystem kann man sich als eine gigantische Maschine vorstellen. Angetrieben wird sie von Bäuerinnen und Bauern, die in einer Tretmühle stecken. Den Einfluss auf Preise und die Kontrolle über ihre Produktionsmittel haben sie meist verloren. Technologieschübe durch Chemieeinsatz, Mechanisierung und Züchtung senken die Stückkosten immer weiter, die Inputkosten hingegen steigen. Bäuerliche Betriebe, egal ob in Deutschland oder Burkina Faso, sind zudem eingezwängt zwischen dem Diktat eines normierten Weltmarktes auf der einen Seite, in dem Handels- und Nahrungsmittelkonzerne die Preise beeinflussen, und dem Kartell einer kleinen Zahl von Saatgut- und Agrochemiekonzernen auf der anderen Seite. Mit »freien Märkten« hat das wenig zu tun.

Einigen Bäuerinnen und Bauern gelingt es, in dieser Tretmühle auf Kredit zu wachsen. Andere können nicht bestehen und bleiben ohne menschenwürdiges Einkommen und ohne Perspektive. Faktoren wie Landgrabbing und Klimawandel setzen sie zusätzlich unter Druck. Der Skandal des Hungers im 21. Jahrhundert ist wesentlich ein Resultat dieser Strukturen. Nach wie vor leben 80 Prozent der hungernden Menschen auf dem Land.

An diesem Sonntag ist Welternährungstag. Wir hören daher nun auch wieder von UN-ExpertInnen und Regierungen die Forderung, »mehr in die Landwirtschaft zu investieren«. Adressaten dieser Appelle sind zumeist EntwicklungsberaterInnen, Konzerne des Agrobusiness oder Finanzfonds. Hungerbekämpfung wird missverstanden als Investitionsprogramm. Eine in dieser Woche erschienene Broschüre der Rosa-Luxemburg-Stiftung und weiterer Organisationen schlägt einen anderen Ansatz vor. Sie nimmt Lösungsvorschläge in den Blick, die von jenen Menschen im ländlichen Raum kommen, die selbst produzieren. Diskutiert werden konkrete Beispiele: Im Mekong-Delta Vietnams sichern bäuerliche Saatgutbanken die Reisvielfalt, in Kenia haben Wissenschaftler hocheffektive Schädlingsbekämpfungsmethoden für den Maisanbau entwickelt, durch die Hunderttausende Bauern anstelle von Pestiziden auf den Anbau von Pflanzen setzen, die Schädlinge ablenken. Auch KonsumentInnen können Strukturen verändern: In allen 26 Regionen Frankreichs wurden politische »Kammern der Solidarökonomie« etabliert, die einen erheblichen Wandel in den Ernährungssystemen hervorgebracht haben. Die Klammer für all das heißt »Agrarökologie«.

Der Ansatz steht gerade nicht für moralisierenden Wohlfühlkonsum urbaner Eliten. Es geht nicht um einen Rückfall in die »Subsistenzwirtschaft«, sondern um konkrete und innovative Versuche von unten, die Kontrolle über Agrar- und Ernährungssysteme zu gewinnen.

Notwendige Bedingung für produktive agrarökologische Ansätze sind entsprechende Rahmenbedingungen wie die Nutzbarkeit von Land und Saatgut, die Möglichkeit sich kollektiv zu organisieren, die Bereitstellung öffentlicher Infrastruktur und der Zugang zu fairen Krediten. Die Bekämpfung von Armut und Hunger ist nicht zu trennen von einer umfassenden Demokratisierung des Ernährungssystems.

Die Publikation »Besser Anders. Anders Besser. Mit Agrarökologie die Ernährungswende gestalten« kann kostenlos bezogen werden: bestellung@rosalux.de

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