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Der Antiheld

Peter Böhm ehrt einen Mann, den alle in der DDR zu kennen glaubten

  • Von Gabriele Oertel
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wie wird er sich manchmal gefühlt haben? Held zwar, doch irgendwie in der Versenkung verschwunden. Hoch dekoriert, aber nur im auserwählten Kreis zu besichtigen. Bewundert schon, aber vor allem von Schulklassen. Fest steht, sein Erfolg an der sogenannten unsichtbaren Front wurde Gegenstand von höchst angebundenen Pressekonferenzen und flimmerte später gar als DEFA-Knüller über die Leinwand. Doch der Mensch, der sich hinter dem bis zur Guillaume-Affäre 1974 wohl berühmtesten Aufklärer der jungen DDR in den 1950er Jahren verbarg, blieb fast fünf Jahrzehnte weithin unbekannt.


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* Peter Böhm: For eyes only. Die wahre Geschichte des Agenten Horst Hesse. Edition Ost. 255 S., br., 16,99 €.


Dass Peter Böhm mit seinem Buch »For eyes only - die wahre Geschichte des Agenten Horst Hesse« diese Lücke schließen will, ist aller Ehren wert. Nur, so richtig ist auch ihm das nicht gelungen. Vermutlich, weil er den Mann, den er posthum würdigen will und der seiner Meinung nach nie die ihm angemessene Ehrung erfuhr, gar hinter dem Filmhelden verblasste, nie persönlich kennengelernt hat.

Nicht, dass es Böhms Buch an Fakten fehlen würde. Die Verwandlung des 1922 geborenen gelernten Feinmechanikers aus Magdeburg zum Top-Spion in der Würzburger Zentrale des US-Militärgeheimdienstes MID bis hin zu jenem sensationellen Panzerschrank-Klau inklusive kompletter Agentendatei wird minutiös geschildert. Die verschiedenen Etappen im Leben des Horst Hesse auch. Es gibt bislang unveröffentlichte Dokumente, verarbeitete Interviews mit Weggefährten und Angehörigen, noch nicht gezeigte Fotos.

Aber wenig erfährt der Leser vom Innenleben des 2006 in Schwedt verstorbenen Mannes - während seines Einsatzes im Westen, nachdem er 1956 wieder in die DDR zurückgekehrt war und insbesondere nach 1990, als die Westberliner Staatsanwaltschaft erfolglos versuchte, Hesse fast 35 Jahre nach seinem Coup doch noch juristisch belangen zu können.

Verständlich, dass das Ministerium für Staatssicherheit in den Jahren bis zum Ende der DDR seine Hände über einen Mann hielt, der nicht nur in den USA in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war, sondern mit der überführten Datei auch zur Verhaftung von 137 Agenten westlicher Dienste in der DDR seinen Beitrag geleistet hatte. Nachvollziehbar, dass so einer - noch dazu, wenn er selbst eher zurückhaltend und bescheiden ist - kein sonderlich öffentliches Leben führen will. Klar, dass eine solche eher seltene Biografie ihre eigenen Gesetze hat.

Was aber ist in dem Mann vorgegangen, der vom lange und nicht ganz ungefährlichen Einsatz zurückgekehrt seine Ehe in Trümmern vorfand, wegen seiner Kriegsverletzungen mit Mitte 40 Frührentner wurde und nach eigener Aussage erst aus der Zeitung erfuhr, dass über ihn ein Film gedreht wurde?

War er, bei aller sozialen Absicherung und Ehrung, enttäuscht? Trafen ihn die kalten Geheimdienstregeln denn doch überraschend? Hat er mit seinem Brötchengeber womöglich manchmal heimlich gehadert - insbesondere, nachdem ihm für den schnellen propagandistischen Erfolg eine noch viel reizvollere Spionageperspektive in Florida kurzerhand gestrichen wurde? War es Disziplin oder Selbsttäuschung, als ihm nach seiner Rückkehr gleich noch ein angeblich ebenfalls aus Würzburg mitgebrachter NATO-Angriffsplan angedichtet worden war - und er dazu schwieg? Befand er sich niemals im von Günter Guillaume als »doppelte Loyalität« (in dessen Fall zwischen Willy Brandt und dem MfS) umschriebenen wenig beneidenswerten Konflikt zwischen Auftraggeber und zeitweiligen Kollegen, mit denen er sich ganz gut verstanden hatte?

Der Leser des Buches, das mit dem Anspruch antritt, die wahre Geschichte von Horst Hesse zu erzählen, erfährt von all dem leider nichts. Dafür eine Menge über den Kalten Krieg, die Bundesrepublik, die DDR, die Methoden beim US-Militärgeheimdienst - und über das Zentralorgan »Neues Deutschland«. Dass der Autor sich über jene Zeitung, der »erkennbar jeder künstlerische Ehrgeiz« fehlte, bissig lustig macht, sei ihm freilich gegönnt. Nicht aber die kleine Unterlassungssünde, den beim »nd« arbeitenden Redakteur René Heilig lediglich als »Berliner Journalisten« zu den Ende 2015 bekanntgewordenen US-Angriffsplänen zu zitieren. Solche Pläne übrigens, die tatsächlich schon zu Horst Hesses Zeiten entworfen worden waren, aber von ihm eben nicht im Safe im Kofferraum des Mercedes 190 SL über die deutsch-deutsche Grenze in Helmstedt/Marienborn gebracht wurden.

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