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Dopingtest und Lügenpresse

Neue Vorwürfe in einem bizarren US-Wahlkampf

Langjährige politische Beobachter in Washington sind sich einig: Einen solchen Wahlkampf haben die USA noch nie erlebt. Am Wochenende vor dem letzten Fernsehduell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump am Mittwoch hat der republikanische Präsidentschaftskandidat seine demokratische Konkurrentin erneut mit schweren Anschuldigungen überzogen. Selbst wegen Vorwürfen sexueller Belästigung stark unter Druck, unterstellt der Rechtspopulist Clinton die Einnahme von Aufputschmitteln. Der 70-Jährige hatte schon wiederholt Zweifel an Clintons Gesundheitszustand geäußert. Zu Beginn der zweiten TV-Debatte sei die frühere Außenministerin nun »völlig aufgedreht« gewesen, sagte Trump am Wochenende bei einem Wahlkampfauftritt in Portsmouth (Bundesstaat New Hampshire). »Am Ende hat sie es dann kaum noch bis zu ihrem Auto geschafft.« Deshalb fordere er einen regelrechten »Dopingtest« vor dem nächsten gemeinsamen Fernsehauftritt: »Wir sind wie Athleten. Athleten müssen einen Dopingtest machen.«

Zugleich erneuerte Trump seinen Vorwurf, das Lager der Demokratischen Partei und die Medien führten mit »falschen Anschuldigungen und unverhohlenen Lügen« eine »Schmutzkampagne« gegen ihn. Sie wollten die Wahlen »manipulieren«, um Clintons Sieg sicherzustellen. Doch selbst der mächtigste republikanische Politiker Paul Ryan widerspricht dieser Behauptung. Inzwischen werfen zehn Frauen dem Milliardär sexuelle Belästigung vor. Schon bei einer Wahlkampfveranstaltung in Charlotte hatte sich Trump als »Opfer einer der größten politischen Schmutzkampagnen in der Geschichte unseres Landes« bezeichnet. Gegen die »New York Times«, die mehrere Vorwürfe veröffentlichte, kündigte er eine Klage an. Seinen Anhänger rief er zu: »Entweder gewinnen wir diese Wahl oder wir verlieren dieses Land.« Dabei hat er wie kaum ein anderer Kandidat in der Vergangenheit auch gegen einen wachsenden Widerstand in der eigenen Partei zu kämpfen.

In der Wählergunst liegt Clinton weiter vor Trump. In einer am Sonntag veröffentlichten Befragung des Senders ABC News und der »Washington Post« sprachen sich 47 Prozent für sie und 43 Prozent für Trump aus. Für Clinton sprechen auch erste Auswertungen des »Early Voting«, der persönlichen Stimmabgabe oder Briefwahl vor dem eigentlichen Wahltag, die in 37 Bundesstaaten möglich sind. Laut einer Analyse der Nachrichtenagentur AP könnte Clinton in den umstrittenen wichtigen Bundesstaaten North Carolina und Florida gewinnen.

»Keine Fehler machen, keinen Schaden anrichten«, das sei die Strategie der demokratischen Kandidatin, so der republikanische Wahlkampfstratege Rick Tyler, der einst Trumps innerparteilichen Rivalen Ted Cruz beraten hat. »Trump schafft es nicht, gute Nachrichten über sich selbst zu verbreiten. Nicht eine einzige. Warum soll Clinton ihn also nicht einfach laufen lassen?« Selbst eine mögliche neue E-Mail-Affäre Clintons wurde durch die Empörung über Trump überdeckt. Dabei geht es um Tausende gehackte Mails, die offenbar vom Account ihres Wahlkampfchefs John Podesta stammen. Am Wochenende veröffentlichte die Enthüllungsplattform Wikileaks drei Reden Clintons, die sie vor ihrer Kandidatur bei der Investmentbank Goldman Sachs gehalten hat - gegen üppige Bezahlung. Zwar stehen sie nicht in einem offensichtlichen Widerspruch zu ihren Wahlkampfäußerungen, doch äußerte sie sich damals deutlich freimütiger über Themen wie die Finanzmarktregulierung.

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