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Die Nicht-immer-weiter-nur-Windows98-Linke

Noch eine Konferenz: reproduce(future): »…ums Ganze!«-Bündnis will in Hamburg über neue Technik im alten Kapitalismus diskutieren

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 5 Min.

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So viel steht schon einmal fest: In Sachen Webseitenlayout spielt der Kongress »Digitaler Kapitalismus und kommunistische Wette« ganz vorn mit. Es ist wirklich schön geworden. Aber man will ja nicht nur gut aussehen: Vom 24 bis 26. November lädt das linksradikale »…ums Ganze!«-Bündnis nach Hamburg, um über kapitalistische Algorithmen, soziale Befreiung und ein Morgen zu diskutieren, das nicht bloß in der automatischen Reproduktion des immergleichen Falschen besteht. Auf den Begriff einer imaginären Programmiersprache gebracht: »reproduce(future)«.

Die Organisatoren lassen uns den Befehl »als maschinische Anweisung des Kapitals« verstehen. Was diese mache, »unterliegt nicht der Entscheidung eines Individuums oder einer Gruppe. Automatisch setzt sie das Bestehende immer wieder ein, in diesem Fall die Aufrechterhaltung der Rahmenbedingung zur fortgesetzten Verwertung des Werts. Sie reproduziert die Zukunft, in dem sie sie auslöscht. Das ist der Kapitalismus als Technik.«

Natürlich soll das nicht als mechanistische Reduktion einer Gesellschaft(un)ordnung missverstanden werden, die eben nicht bloß »Automat« ist, sondern soziales Verhältnis. Und es soll beim Status quo ja auch nicht bleiben. Die Widersprüche im Kapitalismus, die sozialen, ökologischen, ökonomischen Folgen - all das »sind keine Macken im Code, die wegoptimiert werden können, sondern elementarer Bestandteil der Funktionsweise«. Wer darüber hinausgehen will, müsse diese kennen, nicht zuletzt, weil darin die mögliche Wahrheit ihrer Überwindung steckt.

Auch darum geht es beim inzwischen vierten »…ums Ganze!«-Kongress. Man will »eine emanzipatorische Zukunft ins Auge« fassen, reproduce(future) ist also »auch ironisch gemeint. Kein Programm und keine Maschine kann uns die politische Arbeit abnehmen. Emanzipation bedeutet, sich gegen die Automatismen zu wenden, die wir selbst durch unser Handeln täglich wieder einsetzen, und sie der gemeinsamen Entscheidung zu öffnen. Weder die befreite Zukunft noch die Befreiung lässt sich an einen Algorithmus delegieren.«

Die Hamburger Konferenz ist Teil einer ganze Serie von linken und linksradikalen Treffen rund um Digitalisierung, Kapitalismus und Widerstand - in Köln wurde erst vor wenigen Wochen unter der Überschrift »Leben ist kein Algorithmus« über solidarische Perspektiven gegen den technologischen Zugriff diskutiert. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung lädt für Anfang Dezember unter dem Motto »Unboxing« zur Diskussion über Algorithmen, Daten und Demokratie - auch dies in dezidiert kapitalismuskritischer Perspektive.

»Wer nach der Technik fragt, fragt, wie diese Gesellschaft eigentlich funktioniert«
Ein Gespräche mit Anna Roth über Digitalisierung, Lohnarbeit, Big Data, die radikale Linke und den reproduce(future)-Kongress - beim Lower-Class-Magazine

»Ein umfassender Angriff auf unser gesamtes Leben«
Eva Brettner von der Kölner Konferenz »Leben ist kein Algorithmus« über die Appifizierung sozialer Verhältnisse, linke Technologiekritik und Hacken als politischen Widerstand - hier auf @ndaktuell

Unboxing: Algorithmen, Daten und Demokratie
Alle Informationen zur Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung Anfang Dezember. In Kooperation mit dem »nd« läuft dazu die Serie »Smarte Worte«, entstehen soll dabei ein »Kritisches Wörterbuch der Digitalisierung«. Die bisher erschienen Stichworte finden sich hier.

»Wie verändert der zunehmende Einsatz von Algorithmen die Spielregeln politischen Denkens und Handelns? Wie verändern sich Herrschaft, Kontrolle und Kapitalismus? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Kräfteverhältnisse, Organisierung und politische Intervention?« - gut, dass solche Fragen in der gesellschaftlichen Linken, in der radikaleren zumal, jetzt öfter gestellt werden. In den Antworten liegen jede Menge Unterschiede - das geht bei der Rolle los, die man den Risiken der technologischen Entwicklung beimisst, und hört bei der Frage noch nicht auf, wie eine Linke wieder handlungsmächtiger wird.

Für den Kongress des »…ums Ganze!«-Bündnisses Ende November in Hamburg wird es um Technik nicht nur als Werkzeug eines immer weiter ausgreifenden, autoritärer werdenden Krisenkapitalismus gehen, sondern auch als Mittel, mit dem man auf dem weg in eine »wünschenswerte Zukunft des Gattungswesen Mensch« vielleicht sogar schneller vorankommt. Verwiesen wird »auf das emanzipative Potential der Technik« - verbunden mit der Aufforderung, »sich den Code der gesellschaftlichen Reproduktion verfügbar zu machen, ihn gemeinschaftlich und in Hinblick auf das Gemeinsame einzurichten«.

Wie das gehen könnte? Jedenfalls nicht ohne eine auch in technologiepolitischen Fragen bewandtere Linke. Einen Vorgeschmack auf die Konferenz gab es an diesem Wochenende in Hamburg schon einmal mit einem kleinen Vortrag von TOP B3RLIN. »Wir Linken sind meistens noch immer eher so Windows 98«, hieß es in der Einladung. »Dabei haben viele Bereiche unseres Lebens mit digitalen Technologien zu tun.« Weil die Verhältnisse aber nun einmal noch so sind wie sie sind, rücke man damit nicht etwa »der Utopie eines freieren Leben« näher, sondern es »bleibt die Welt, in der wir leben, eine der Gängelung und des Arbeitszwangs, der verschärften Kontrolle und unerbittlichen Selbstoptimierung«.

Klar ist aber auch: Ein Zurück »gibt es nicht, schon allein deshalb, weil auch das Gestern für die Allermeisten ziemlich scheiße war: Keine Zukunft ist eben auch keine Lösung.« Man müsse sich doch viel eher fragen, »wo eine kommunistische Kritik ansetzen muss, wie wir mit ihr endlich die Maschinen – und damit uns – vom Kapitalismus befreien können.«

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