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Die alltägliche Physik des Glücks

Ein weiterer Marvel-Superheld rettet ab Donnerstag im Kino die Welt: »Doctor Strange« von Scott Derrickson

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 5 Min.

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Eigentlich funktionieren Verfilmungen aus dem Hause »Marvel« ja ganz einfach: Anfangs wird die Entstehungsgeschichte des Superhelden in epischer Breite erzählt, bevor er sich gegen die neue Rolle sträubt und die Rettung der Welt, das Kernstück jeder dieser Adaptionen, aufgrund des Zauderns und Zurechtfindens beinahe misslingt. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Protagonisten um unscheinbare Menschen, denen nicht anzusehen ist, welche Kräfte sich in ihnen verbergen. Das ist als Geschäftsmodell für Comics, die traditionell weniger die umschwärmten Sportfreaks als vielmehr die scheuen Nerds ansprechen, ziemlich clever.

»Doctor Strange«, die neue Kinoproduktion aus dem »Marvel Cinematic Universe«, enthält fast alle diese dramaturgischen Elemente - und unterschiedet sich doch wesentlich von den Vorgängern. Die wichtigste Differenz besteht in der Hauptfigur: Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) ist ein weltberühmter Neurochirurg, der ein Playboyleben führt - inklusive Großstadtloft, Rennauto und nach Verbindlichkeit schmachtender Teilzeitfreundin (Rachel McAdams). Nach einem schweren Unfall verliert er das Gefühl in seinen Händen, was die große Karriere schlagartig beendet. Auf der Suche nach Hilfe, und hier setzt der übliche Marvel-Plot ein, glaubt der Arzt, in Nepal fündig geworden zu sein. Nach dem Überwinden seiner Skepsis erkennt Strange: Beim geheimnisvollen »Kamar-Taj« handelt es sich nicht um ein alternatives Heilungszentrum.

In Deutschland wissen nur hartgesottene Fanboys, dass die Figur des Doctor Strange schon lange existiert. Seit Anfang der neunziger Jahre geisterte in Hollywood die Absicht umher, der Figur einen Solo-Film zu widmen. Dass es erst jetzt zur Umsetzung kam, liegt auch an den hohen technischen Ambitionen der Walt Disney Studios, die vor einigen Jahren die Rechte an den Marvel-Storys für mehrere Milliarden US-Dollar erwarben. In seinen überbordenden Spezialeffekten ist das an diesem Donnerstag hierzulande offiziell anlaufende Werk dann auch selbst im Angesicht des 3D-gesättigten Blockbustermarktes außergewöhnlich.

Das »Kamar-Taj« ist hier die menschenfreundliche Servicezentrale im Kampf gegen die dunkle Seite der Paralleluniversen, die »unsere« Realität zu zerstören trachtet, um das ewige Leben zu erlangen. Strange weiß anfangs noch nicht, worauf er sich da genau eingelassen hat, lässt sich aber trotzdem zum Magier ausbilden, der mit der Kraft seines blitzgescheiten Geistes in unbekannte Welten vordringen kann. Sein Gegenspieler ist Kaecilius (Mads Mikkelsen), ein Abtrünniger des Magier-Ordens und einstiger Meisterschüler von The Ancient One (Tilda Swinton).

Wie dieser androgyne Guru den die klinische Selbstkontrolle schrittweise aufgebenden Strange in seine fabelhafte Weltrettungsmagie einführt, das ist nicht nur in den selbstironisch-rasant die Handlung vorantreibenden Dialogen schwindelerregend. Mit einem gezielten Schlag in die Brust katapultiert er die Seele des Egoisten aus seinem diesseitigen Körper und zeigt ihm, wie viele Realitäten es wirklich gibt: Auf der Jagd nach dem Bösewicht stellt Ancient One riesige Häuserfassaden auf den Kopf, lässt sie schmelzen und erschafft alles schluckende Schluchten oder die Flucht erschwerende Treppenlandschaften, als bezöge er die Inspiration für seine surrealen Tricks aus der Gemäldegalerie eines Salvador Dalí.

Große Kunst ist das alles natürlich trotzdem nicht, dafür aber brillante Unterhaltung, die sich ihrer seichten Form nicht schämt. Der Film unterlässt auch den in der Vermarktung der Vorgängerfilme aufgetretenen Anspruch, in einer Liga mit Shakespeare spielen zu wollen. In »Doctor Strange« ist alles übersichtlich und unterkomplex und die Sprache ist so einfach gehalten, wie es sich für diese Art von Film gehört. Fungiert Comickultur hier doch sonst als Distinktion, denn die Marvel-Welt adressiert mit ihren vielschichtigen Figurenkonstellationen fast immer die Eingeweihten, mit deren Einarbeitungsleistung selbst Experten der Werke Dostojewskis kaum mithalten können.

Regisseur Scott Derrickson hat bei der Besetzung der Rollen einige Entscheidungen getroffen, die seinen Film fast zum Selbstläufer machen. Mit der famosen Tilda Swinton vermied er, die Figur des Gurus als rassistisch ausstaffierten, weil zur Witzfigur karikierten asiatischen Opa zu entstellen, wie es in US-Varianten von Martial-Arts-Stoffen häufig der Fall ist. Mads Mikkelsen erhält mit seiner spannend skizzierten Nebenfigur des Antagonisten zwar leider wenig Leinwandanteil, er wirkt in seinem psychedelischen Kostüm und der makellosen Mördermimik aber derart furchteinflößend, dass er nicht ein Wort sprechen müsste und doch als bester aller Kandidaten für Kaecilius gälte.

Und Benedict Cumberbatch spielt die sich glaubhaft von Arroganz zu Anteilnahme entwickelnde Hauptfigur, die sich selbst erfrischend oft trotzdem nicht allzu ernst nimmt. Ob im Spaß- oder im Rette-die-Welt-Modus: Seine faszinierende Stimme klingt wie die eines sanften Straßenkaters, der in einem Kontrabass schnurrt. Allein dafür lohnt sich die englische Originalversion.

Wenn sich nach dem obligatorischen Tiefpunkt alles allmählich dem - an dieser Stelle sei der nicht sonderlich überraschende Spoiler erlaubt - unvermeidlichen Happy End nähert, wird es doch noch einmal komplex. Das visuell atemberaubend in Szene gesetzte Finale spielt mit dem gängigen Verständnis von Raum und Zeit auf eine Weise, die manchen Laien anschließend sicher zur Online-Plattform »Youtube« treiben wird, um sich in einigen der dort zahlreich zu findenden Dokumentationen über Quantenphysik, Zeitreisen und schwarze Löcher von Themen begeistern zu lassen, die man sonst aus Angst vor intellektueller Überforderung gemieden hat.

In den ihm zwischenzeitlich zufällig zugeflogenen Zauberumhang gehüllt, trickst Doctor Strange den diabolischen Endgegner nicht durch primitive Muskelkraft aus und auch nicht durch esoterischen Hokuspokus, sondern mithilfe physikalischer Gesetze - und einer jenseits verlogener Moralkeulen angesiedelten ethischen Konsequenz, die sich so nur selten in einem Unterhaltungsfilm findet.

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