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Mann unter Drogeneinfluss stirbt nach Pfeffersprayeinsatz

Welche Rolle spielte die Polizei? Nach Medienberichten starb der 39-Jährige nach einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Festnahme

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Bericht liest sich wie ein Routineeinsatz für die Polizei: Ruhestörung in einem Mehrfamilienhaus. Ein Mann wurde von seiner getrennt lebenden Frau aus der Wohnung geworfen. Sie wollte nicht mit ihm diskutieren, er war betrunken, hatte Kokain konsumiert. Im Treppenhaus wurde der 39-Jährige laut, Nachbarn riefen die Polizei. Die rückte mit drei Beamten an, der Mann geriet in Panik, versuchte sich zurückzuziehen.

Die Polizeibeamten folgten ihm, schlugen durch einen Türspalt mit der Faust in sein Gesicht und setzten eine größere Menge Pfefferspray ein. Nachdem der türkischstämmige Mann überwältigt war, lag er gefesselt auf der Wiese vor dem Haus. Er rief nach Hilfe, schrie: »Die wollen mich umbringen!« Er bat bei Allah um Hilfe. Daraufhin soll sich laut dem Bericht in der »Neuen Westfälischen« ein Polizeibeamter auf ihn gesetzt, sein Gesicht in die Wiese gedrückt und »Ruf du nur deinen Gott« geantwortet haben. Der Festgenommene sollte wegen seines Zustands mit einem Rettungswagen in eine psychiatrische Klinik eingeliefert werden. Im Krankenwagen kollabierte er, erlitt einen Herzstillstand. Die Rettungswagenbesatzung entschied sich, ihn in ein normales Krankenhaus zu bringen. Sechsmal musste er wiederbelebt werden. 34 Stunden nach seiner Festnahme verstarb der 39-Jährige im Krankenhaus.

Rechtsanwalt Peter Wüller, der die Witwe des Verstorbenen vertritt, sagt gegenüber »nd«, dass die Festnahme wohl ziemlich aus dem Ruder gelaufen sei. Schnittwunden und Abschürfungen an den Hand- und Fußgelenken des Mannes - von den Kabelbindern, mit denen er gefesselt wurde. Im Gesicht massive Hämatome. Und die Leiche habe »tagelang nach Pfefferspray gerochen«, so der Rechtsanwalt. Für den Juristen ist klar, da ist nicht nur einmal kurz ins Gesicht gesprüht worden, sondern auf den Mann sei massiv mit Pfefferspray eingewirkt worden. Akten hat der Anwalt noch nicht.

Stefanie Jürgenlohmann von der Staatsanwaltschaft Bielefeld erklärt, dass eine Obduktion ergeben habe, dass die Verletzungen nicht zum Tod des Mannes geführt haben. Nun würde eine toxikologische und feingewebliche Analyse durchgeführt. Ein Ergebnis liegt allerdings noch nicht vor. Die Witwe des 39-Jährigen hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Rechtsanwalt Wüller möchte, dass der Polizeieinsatz genau untersucht wird. Dem »nd« sagt er: »Die Polizei mauert.« Nun müsse man das Gutachten abwarten. Gerüchte im Bielefelder Franziskus-Krankenhaus besagen, der Mann sei an Organversagen gestorben, das mit seinem Drogenkonsum zusammenhänge.

Immer wieder kommt es zu Todesfällen nach Pfefferspray-Einsätzen. Oft sind Drogen im Spiel. Auch für Asthmatiker, Allergiker und blutdrucklabile Personen besteht eine hohe gesundheitliche Gefahr.

Offizielle Statistiken über tödliche Pfefferspray-Einsätze gibt es nicht. Alle bisherigen Versuche, den Einsatz von Pfefferspray restriktiver zu regeln, scheiterten.

Ein Antrag der Linksfraktion im Bundestag im Jahr 2011 blieb erfolglos. Ebenso eine von Amnesty International unterstützte Petition. In Niedersachsen gibt es seit dem Sommer immerhin etwas Kontrolle. Nachdem eine SPD-Politikerin bei einer Demonstration unter einem Pfefferspray-Einsatz leiden musste, hat man beschlossen, das Pfefferspray künftig nach Einsätzen zu wiegen. Damit soll festgestellt werden, wie viel versprüht wurde.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft kritisiert diese Neuregelung; sie sei ein Hinweis auf »Misstrauen gegenüber der Polizei«. Doch die Dokumentation lohnt sich offenbar. Der Norddeutsche Rundfunk berichtete im Juli unter Berufung auf leitende Polizeibeamte, dass in Göttingen der Einsatz von Pfefferspray aufgrund der Dokumentationspflicht stark zurückgegangen sei.

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