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Evrim Sommer von der Linkspartei wird wohl Bürgermeisterin in Lichtenberg - der AfD zum Trotz

  • Von Ellen Wesemüller
  • Lesedauer: 5 Min.

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Evrim Sommer (LINKE) sitzt im Stuhlkreis, zur Rechten die Bundestagsabgeordnete der Linken, Gesine Lötzsch, zur Linken der Präsident der Hochschule für Wirtschaft und Recht, Andreas Zaby. Die Runde hat bereits zwei Stunden die Probleme der Fachhochschule erörtert, Lötzsch muss eigentlich los, doch Präsident Zaby muss noch etwas loswerden. »Wir sind entsetzt ob der Aussicht, dass Wolfgang Hebold Stadtrat in Lichtenberg werden soll.« Einen Tag zuvor war bekannt geworden, dass die AfD den ehemaligen Mathematik-Dozenten nominiert, der unter anderem muslimische Frauen als »Museltanten« bezeichnet hatte. Die Hochschule hatte ihm daraufhin gekündigt, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Volksverhetzung.

Da ist dieser Moment, der zeigt, dass ihr das alles doch etwas ausmacht. Sommer schaut lange an die Decke während Lötzsch sagt, dass man nicht die Pflicht habe »den zu wählen«. Dann sagt sie: »Ich bin auch entsetzt. Dieser Stadtrat ist mit seinen rassistischen Äußerungen nicht tolerierbar. Das ist auch eine Kampfansage an mich.«

Es ist nicht das erste Mal, dass Sommer Angriffen von Rechts ausgesetzt ist. Der vielleicht schwerste ereignete sich im März 2010, ihr Auto fiel einem Brandanschlag zum Opfer, die Täter wurden nicht gefasst, die Polizei vermutet sie in der rechtsextreme Szene. Sommer zog um, gemeinsam mit ihrem Mann, dem in Marzahn geborenen Historiker Robert Sommer, und der neugeborenen Tochter. Da wohnte sie bereits seit vier Jahren im Bezirk, den sie im Wahlkampf »meine Heimat« nannte.

Als die Partei sie 2006 für ein Direktmandat aufstellen wollte, zog sie nach Lichtenberg. Vorher wohnte sie in Neukölln, wo sie 2002 mit der PDS die erste rot-rot-grüne Koalition auf kommunaler Ebene schmiedete. Nicht alle Direktkandidaten ziehen um, doch Sommer sagt: »Anders finde ich das schwer. Man muss die Stimmung und die Verhältnisse mitbekommen. Dadurch kenne ich die Probleme hier ganz gut.«

Wo sie genau wohnt, will sie nicht sagen, auch wegen des Anschlags. Irgendwo in Alt-Hohenschönhausen, Wahlkreis 1 in Lichtenberg, in dem sie zweimal das Direktmandat gewann, ins Abgeordnetenhaus einzog und frauenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion wurde. In dem sie nun nicht mehr antrat, weil sie Bürgermeisterin werden will, weil sie das »Doppelleben« als Abgeordnete und Direktkandidatin des Wahlkreises nicht mehr schafft. In einem Wahlkreis, der ihr Zuhause ist, wurde nun ein anderer direkt gewählt: Kay Nerstheimer, AfD. Nicht irgendein AfDler, sondern der, der wegen seiner Zugehörigkeit zur »German Defence League« aus der Fraktion ausgeschlossen werden sollte, der sich dann selbst ausschloss. »Von Herrn Nerstheimer wurde ich schon 2011 im Internet verunglimpft«, sagt Sommer.

An diesem Oktobertag scheint der Stadtteil im Norden besonders grau, Plattenbauten säumen die Straßen. Dabei ist Lichtenberg »hip«, sagt Sommer, immer mehr Menschen ziehen her, es wird viel gebaut. Mit über 280 000 Einwohnern gleicht Lichtenberg einer mittleren Großstadt - in Augsburg und Wiesbaden wohnen vergleichbar viele Menschen. Der nächste Termin steht an, Sommer besucht die Jugendkunstschule mit angrenzender Kita, sie hat hier den Umbau unterstützt, bei der Bürokratie geholfen. Die Kita bietet 60 Kindern einen Platz, insgesamt fehlen dem Bezirk aber 1700 Plätze, sagt Sommer. Auch, weil 6000 Geflüchtete hierhergezogen sind.

Damit sind an diesem Ort zwei Themen vereint, die Sommer wichtig sind: Flucht und Geschlechtergerechtigkeit. Sie erzählt: »Ich bin ja selbst mit meiner Familie 1980 in so einer Nacht- und Nebelaktion geflüchtet, weil mein Vater auf der Todesliste der türkischen Militärjunta stand. Und ich habe alles live erlebt, wie man als Flüchtling behandelt wird. Da war auch dieser alltägliche Rassismus.« Auch heute laufe viel schief. »Die Willkommensklassen von heute sind die damaligen Ausländerklassen. Ich hatte Glück, weil ich noch sehr jung war. Da wurde ich einfach in die zweite Klasse versetzt. Meine älteren Brüder waren 13 und 14 und mussten in diese Ausländerklassen. Das war sehr schwer für sie. Ich habe schnell Deutsch gelernt und bin direkt von der Grundschule aufs Gymnasium.«

Sommer studierte an der Humboldt-Universität Gender Studies. »Geschlecht ist eine Konstruktion«, sagt sie. Und: »Auch als Frauenpolitikerin berufe ich mich nicht auf das Heteronormativitäts-Modell.« In der Jugendkunstschule zeigt sie auf eine Frauenstatue der Keramikerin Tatjana Kießig: »Die bestelle ich immer für den Lichtenberger Frauenpreis.«

Der dritte Termin an diesem Tag ist die Demonstration in der Schottstraße, hier tagt heute ausnahmsweise die Bezirksverordnetenversammlung, hier demonstrieren rund 70 Menschen gegen den Einzug der AfD. Anmelderin Rosemarie Heyer sagt: »Bei der nächsten Sitzung wird hoffentlich unsere Bürgermeisterin gewählt.« Sommer sei »vermutlich die einzige Bürgermeisterin in ganz Deutschland mit Migrationshintergrund«. Das stimmt zwar nicht – der in Madrid geborene Helios Mendiburu (SPD) war 1990 Bezirksbürgermeister von Friedrichshain, auch Dilek Kolat (SPD) trägt als Stellvertreterin des Regierenden Bürgermeisters den Namen »Bürgermeisterin«. Doch es sind wenige. Es fühlt sich so an, als sei sie die erste.

Als Sommer um 16.45 Uhr die Treppe zum Saal hinaufsteigt, sagt sie, sie sei froh, dass so viele Menschen demonstriert haben. Sie habe nicht damit gerechnet, zumal an fünf anderen Orten Proteste angemeldet waren. Sie fühle sich dadurch unterstützt. Sie betritt den Raum und bleibt stehen. Zunächst geht sie zu den Zuschauerbänken. Schüttelt vereinzelt Hände bekannter Besucher. Dann schaut sie auf die Stuhlreihen und sagt: »Ich werd’ mich dann mal vorne platzieren.«

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