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Vom Abstellgleis auf die Touri-Linie

Historischer Zug soll Wagenmangel bei der U-Bahn lindern

3,1 Milliarden Euro, so viel Geld will die BVG bis 2035 in neue U- und Straßenbahnen investieren. Diese Woche gab der Aufsichtsrat der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) endlich grünes Licht für die lange überfällige Investition. Vor allem im Berliner Untergrund fallen immer wieder Züge aus oder fahren mit weniger Wagen als geplant, weil der altersschwache Fuhrpark - Durchschnittsalter um die 30 Jahre - nicht mehr so will, wie er angesichts steigender Fahrgastzahlen müsste.

Mindestens 182 Wagen für die etwas schmaleren Linien U 1 bis U 4 - das sogenannte Kleinprofil - und 264 Wagen für die restlichen Linien sollen bestellt werden, dazu noch 80 Straßenbahnen. 80 Prozent der neuen Züge sollen Vorgänger ablösen, 20 Prozent dienen der Kapazitätsausweitung. Doch noch ist nicht einmal die Ausschreibung veröffentlicht, vor den 2020er Jahren wird also kaum mit einer nennenswerten Verjüngung, geschweige denn Erweiterung des Rollmaterials zu rechnen sein.

Bis es soweit ist, muss die BVG improvisieren. So wie mit dem frisch sanierten U-Bahnzug von 1957, der an diesem Mittwoch in der Betriebswerkstatt Friedrichsfelde vorgestellt wird. Strahlend gelb leuchtet der Doppeltriebwagen in der Waschhalle. Martin Süß, Abteilungsleiter Fahrzeuge bei der U-Bahn, strahlt mit dem Zug um die Wette. Bis Anfang Dezember sollen noch zwei weitere Doppelwagen des historischen Typs saniert in Friedrichsfelde eintreffen. Nach einer Erprobungsphase geht es im ersten Quartal 2017 auf die U 55 zwischen Brandenburger Tor und Bundestag. Dann stehen die rund 20 Jahre jüngeren Züge, die momentan auf der Stummellinie fahren, wieder für das restliche Netz zur Verfügung. »Damit können wir auf der U 6 den angekündigten zusätzlichen Zug einsetzen«, sagt Süß.

Normale Züge werden auf der U 55 eher unterfordert. Statt der üblichen 120 000 Kilometer pro Jahr fahren die Wagen auf der isolierten Linie nur ein Drittel dieser Jahresleistung. 1,9 Millionen Euro hat die Sanierung und Anpassung der drei Oldtimer an heutige Standards - Türdrücker, automatische Ansagen, Videoüberwachung - gekostet. Rund ein Fünftel dessen, was ein neuer Zug gekostet hätte.

Eine weitere aus der Not geborene Maßnahme der BVG sind die 44 Wagen der eigentlich für die U 1 bis U 4 entwickelten Baureihe Ik, die ab Juli auf der U 5 Dienst tun sollen. Seitliche Profile an den Türen überbrücken den breiten Spalt zur Bahnsteigkante - die Züge sind 30 Zentimeter schmaler als die regulären Waggons.

Zusammengenommen wird es auf absehbare Zeit also sechs Züge mehr für die U 5 bis U 9 geben. Knapp fünf Prozent Zuwachs für die bisher rund 127 Züge zählenden Flotte. Und das bei Fahrgastzahlen, die allein zwischen 2013 und 2015 um fast sieben Prozent gestiegen sind. Im Jahr 2020 soll dann auch noch die U 5-Verlängerung zwischen Alexanderplatz und Hauptbahnhof in Betrieb gehen. Ernsthaft luftiger wird es also auf absehbare Zeit nicht in Berliner U-Bahnen.

Die Finanzierungsgesellschaft für die neuen Züge, deren Kauf nun beschlossen ist, wurde bereits im Januar gegründet. Kürzlich wurde bekannt, dass das Europäische Statistikamt Eurostat die Kredite, die die Gesellschaft aufnehmen soll, als Staatsschulden werten will. »Wir müssen gucken, ob die Konstruktion in Übereinstimmung mit Eurostat zu bringen ist«, sagt Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) auf nd-Anfrage. Er gibt sich jedoch zuversichtlich. »Die Gesellschaft dient der Transparenzerhöhung und nicht dazu, Schulden auszulagern«, auf diese Feststellung legt Kollatz-Ahnen wert. Sollte mit Eurostat keine Einigung möglich sein, müsse die BVG die Kredite eben direkt aufnehmen. Dass neue Züge nötig sind, ist für den Finanzsenator klar. Kommentar Seite 4

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